ARD-Deutschlandtrend Mehrheit der Deutschen gegen EU-Türkei-Abkommen

Das Flüchtlingsabkommen der Europäischen Union mit der Türkei spaltet die Meinungen in Deutschland. 56 Prozent der Deutschen halten die Einigung für schlecht. Die Zahl der Befürworter sinkt.
Der türkische Premierminister Erdogan - Die Mehrheit der Deutschen ist gegen das Abkommen der EU mit der Türkei. Quelle: AP
Erdogan

Der türkische Premierminister Erdogan - Die Mehrheit der Deutschen ist gegen das Abkommen der EU mit der Türkei.

(Foto: AP)

Berlin56 Prozent der Deutschen halten das Flüchtlingsabkommen der Europäischen Union (EU) mit der Türkei für schlecht. Das ergab eine Umfrage des ARD-DeutschlandTrends im Auftrag der ARD-Tagesthemen, deren Ergebnisse am Donnerstag veröffentlicht wurden. Mit den Abkommen soll die Zahl der nach Europa kommenden Flüchtlinge reduziert werden. 39 Prozent der Befragten bewerten das Abkommen als eher gut.

Im März waren die Deutschen bei der Bewertung der damals noch geplanten Vereinbarung gespalten: 46 Prozent sagten, sie fänden eine solche Vereinbarung eher gut, 49 Prozent fanden sie eher schlecht. Ob dieses Abkommen dazu führen wird, dass die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, tatsächlich sinkt, sehen die Bürger nun skeptisch: 40 Prozent meinen, es werden weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, 41 Prozent erwarten, dass es gleich viele Flüchtlinge sein werden. 14 Prozent gehen davon aus, dass durch das Abkommen mehr Flüchtlinge zu uns kommen.

Fragen und Antworten zum Türkei-Deal
Türkischer Präsident Erdogan und EU-Kommissionspräsident Juncker
1 von 9

Die EU will den Zustrom von Flüchtlingen und Migranten drosseln. Dafür hat sie einen Pakt mit der Türkei geschlossen, der die Rückführung von Migranten aus Griechenland vorsieht. Mit dem Abkommen wird die Türkei praktisch zum sicheren Drittstaat erklärt. Das griechische Parlament hat ein entsprechendes Gesetz am Freitagabend ratifiziert. An diesem Montag sollen nun die ersten Flüchtlinge zurückgeschickt werden.

Bus zum Registrierungszentrum auf Lesbos nach einer Seenotrettung
2 von 9

Wie viele Menschen werden abgeschoben?

Auf den Inseln der Ostägäis sind seit dem 20. März etwa 5000 Migranten und Flüchtlinge eingetroffen. Alle, die seit diesem Stichtag illegal aus der Türkei gekommen sind, sollen zurückgeschickt werden. Laut Athener Regierungskreisen planen die europäische Grenzagentur Frontex und die griechische Küstenwache, am Montag, Dienstag und Mittwoch zunächst insgesamt 750 Menschen an Bord von zwei Touristenschiffen in die Türkei zu bringen - unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen: Für jeden Migranten soll ein Polizist als Begleitung abgestellt werden.

Das Registrierungszentrum Moria auf Lesbos
3 von 9

Was sieht der EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei vor?

Im Zentrum steht ein Tauschhandel. Die EU schickt illegal eingereiste Flüchtlinge und andere Migranten zurück in die Türkei. Für jeden Syrer, den die EU abschiebt, soll gleichzeitig ein anderer Syrer von den EU-Staaten auf legalem Weg aufgenommen werden. Bis zu 72.000 Syrer will die EU aus der Türkei auf diesem Wege aufnehmen. Das soll die Menschen davon abhalten, mit Hilfe von Schleppern nach Griechenland überzusetzen.

Eskorte von Migranten im Moria-Registrierungszentrum
4 von 9

Wen trifft es bei den Abschiebungen zuerst?

Nach Informationen aus Kreisen der Küstenwache soll es mehr als 600 Migranten auf den griechischen Inseln geben, die kein Asyl beantragt haben. „Die werden wohl als erste dran sein“, sagt ein Offizier der Küstenwache. Danach würden die anderen folgen. „Nachdem ihre Asylanträge abgelehnt wurden“, fügt der Offizier hinzu.

Flüchtlinge am Hafen in Athen
5 von 9

Wie läuft der Entscheidungsprozess?

Wer einen Asylantrag stellt, soll im Schnellverfahren die Antwort bekommen. Mitarbeiter humanitärer Organisationen kritisieren dieses „Hauruckverfahren“. In der Regel dauert in Europa ein Asylverfahren mehrere Monate. Asylexperten aus anderen EU-Staaten sollen zusammen mit den wenigen griechischen Asylrichtern die Entscheidungen treffen. Viele sind aber noch nicht da, und die wenigen, die da sind, wissen noch nicht, wo sie arbeiten sollen.

Kinder mit Schild „No Turkey“ im Registrierungszentrum Chios
6 von 9

Welche Übergangsstellen sind vorgesehen?

Von der Insel Lesbos sollen die Menschen zum gegenüberliegenden türkischen Hafen von Dikili, von der Insel Chios zum türkischen Cesme gebracht werden. Eine dritte Variante ist der Grenzübergang am Fluss Evros (türkisch Meric) bei Kipoi-Ipsala im Nordosten Griechenlands.

Kinder hinter Zäunen auf Lesbos
7 von 9

Auf welche Probleme stellt sich Griechenland ein?

Die Behörden befürchten Gegenwehr, Ausschreitungen und Schlimmeres. Auf der Insel Chios sind bereits rund 800 Flüchtlinge, in ihrer Mehrheit Syrer, aus einem Auffanglager ausgebrochen. Sie harren rund um den Hafen von Chios aus. „Ich werde mich ins Meer werfen, wenn die Polizei mich holt, um mich in die Türkei zu bringen“, sagte ein junger Syrer am Sonntag im Fernsehen. Auch Sicherheitsexperten sehen das Problem: Die Menschen, die abgeschoben werden sollen, sind in ihrer Mehrheit dem syrischen Bürgerkrieg entkommen. Andere flohen vor den Taliban in Afghanistan. „Sie haben ihr Leben riskiert“, sagt ein Offizier der Küstenwache. Eine Rückkehr ist für viele unvorstellbar. „Wer holt sie dann aus den Lagern raus“, fragen Sicherheitsleute. Die Nerven unter vielen Migranten liegen ohnehin blank.

Zugleich lehnen die Deutschen mehrheitlich eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ab. 68 Prozent (plus sieben Punkte im Vergleich zu Juni 2014) sagen, die Türkei sollte nicht aufgenommen werden. 27 Prozent (minus sieben Punkte) finden, die EU sollte die Türkei mittel- bis langfristig aufnehmen.

Eine große Mehrheit der Deutschen hält die Türkei nicht für einen vertrauenswürdigen Partner. 79 Prozent der Bürger sagen, dass die Türkei ein Partner für Deutschland sei, dem man nicht vertrauen kann. 17 Prozent finden dagegen, der Türkei könne man vertrauen. Frankreich ist beispielsweise für 89 Prozent ein vertrauenswürdiger Partner (plus drei Punkte im Vergleich zum April 2015). Großbritannien vertrauen 73 Prozent (plus vier Punkte) der Deutschen, den USA 58 Prozent (plus acht Punkte).

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • rtr
Startseite

Mehr zu: ARD-Deutschlandtrend - Mehrheit der Deutschen gegen EU-Türkei-Abkommen

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%