Armut Mehr junge Menschen wachsen ohne Hoffnung auf

Konzerngewinne sprudeln, und es herrscht Rekordbeschäftigung – doch Millionen sind trotzdem abgehängt. Experten fordern nun den Staat auf, die ihm zustehenden Steuern auch einzutreiben und zügig Armut zu bekämpfen.
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Das Geld fehlt: Acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze. Quelle: dpa
Armut in Deutschland

Das Geld fehlt: Acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.

(Foto: dpa)

BerlinAngesichts einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland fordern Gewerkschaften und Experten zügige Schritte gegen prekäre Beschäftigung. Fällige Steuern müssten zudem auch tatsächlich effektiv eingetrieben werden, sagte der Gießener Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. Dann könne das Vermögen etwas gerechter verteilt werden. Aktuelle Entwicklungen bei der Armut in Deutschland stellt der Paritätische Gesamtverband am Donnerstag mit einer Studie „Die zerklüftete Republik“ in Berlin vor.

„Deutschland ist ein reiches Land – im Schnitt werden hier über 30.000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet“, sagte Huster. „Doch acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.“ Gleichzeitig würden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. „Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögen.“ Manche Berechnungen gingen von mehr als 60 Prozent aus.

„Über 42 Millionen Menschen in Deutschland sind zwar beschäftigt - ein Rekord“, sagte Huster. Doch es gebe verbreitet Armut trotz Arbeit. Rund die Hälfte der Neubeschäftigten hätten zudem zeitlich befristete Arbeitsverträge.

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, sagte: „Wer Armut bekämpfen will, muss vor allem den Arbeitsmarkt aufräumen.“ Der gesetzliche Mindestlohn dürfe nicht mit dem Argument der Vermeidung von Bürokratie unterhöhlt werden. „Prekäre Arbeit wie Leiharbeit und der Missbrauch von Werkverträgen muss zurückgedrängt werden.“

Huster erläuterte: „Die hohen Einkommen sind auf wenige Regionen verteilt, etwa die Regionen Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Wiesbaden und München.“ Er sagte: „Im Ruhrgebiet ist die Autobahn 40 die Trennlinie - südlich herrscht überwiegend Wohlstand, nördlich überdurchschnittlich viel Armut.“

Höhere Steuern sieht der Wissenschaftler nicht als Bedingung für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands an. „Vielmehr müssen die Steuern, die es gibt, auch eingezogen werden“, sagte er. „Reichere Bundesländer machen auch Wirtschaftsförderung durch Finanzämter und statten diese mit zu wenigen Steuerprüfern aus.“

Huster warnte vor den Folgen mangelnder Armutsbekämpfung: „Wir leben nicht in der Sahelzone. Aber es besteht das konkrete Risiko, dass auch in Deutschland immer mehr junge Menschen ohne Hoffnung nachwachsen. Viele kennen gar keine geregelte Beschäftigung, rutschen in Kriminalität ab oder gefährden sich durch Sucht.“

Buntenbach forderte gezielte Sozialleistungen für armutsgefährdete Kinder - auch wegen gestiegener Mieten. Gut sei, dass die Bundesregierung eine Wohngeldreform angehe. Wichtig sei zudem die anstehende Neufestsetzung von steuerlichen Kinderfreibeträgen und Kindergeld. „Jedes Kind ist gleich viel wert - das sollte der Staat beachten“, sagte sie. „Reichere Eltern durch die Freibeträge überproportional besserzustellen ist ungerecht und in Zeiten knapper Kassen erst recht nicht vertretbar.“

Bereits in seinem Jahresgutachten 2014 hatte der Paritätische Gesamtverband wachsende soziale Spaltung in Deutschland beklagt.

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19 Kommentare zu "Armut: Mehr junge Menschen wachsen ohne Hoffnung auf"

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  • mit einem Salär von 800 bis 1000 Euro monatlich auskommen müssen. Die demographische und schlechte Integration in die Industire 4.0 macht dann den Rest. Es werden Menschen aggehängt, die es noch nicht glauben wollen. Nicht zuletzt durch die Krisen und dauerhafft niedrigen Zinsen und den Mangel an Altersvorsorge bzw. der damit verbundennn niedrigeren Auszahlungen.

  • Obert, stimmt. Die Sozialkassen -warum diese wohl so heißen mögen- sind es nicht. Das wird bittere Armut. oder wie erwähnt, man wird z.B. als Taxidriver Berufspolitiker oder macht in der Wirtschaft nach einem überragenden Studium Karriere. Die Mehrheit der Bevölkerung wird mit drr Tendenz einer geringjügigeren Sozialversorgung aus der Rentenkasse

  • Zimmer, ausser dem Adolf würde ich es unterschreiben. Als führende Automobilgesellschaft sind die Straßen auf denen wir mit Autos von Werten z.T. von 50 oder 100' rumfahren und eine Farce.

  • Peter Müller, falsch. Für 1 Euro gibt es 78 Cent. oder besser ausgedrückt für die zukünftige Generation. Max. 42 Prozent vom Netto max. BBG. Entspicht dann einer Rente und einer Kaufkraft von heute ca. 800 bis 1000 Euro. Da hilft der Irrglaube des riestern nicht weiter,. Es wird weiterhin und mehr denn je gelten, wer net reich heiratet bleibr arm...... Somit kann sich jeder seine Zukunft mit der Hoffnung etwas zu erben sich selbst ausmalen.

  • Es muss laut Pisa mangelhaft oder schlechter heißen.

  • Sorry, wer die Fakten nicht kennt oder einfach wie unsere Politiker/-innen ignorieren muß und sich hinter der Realität versteckt hält und lieber dazu dann keinen Kommentar abgibt -es könnte ja in Deutschland von den sog. "Gutmenschen" falsch verstanden werden- Kennt die Pisastudie aus 2012 nicht, wo 51% der Migranten in Mathe eine ungeügend oder schlechter erreicht hat. Diese fallen fürcdie zukünftige Generstion zum großen Teil für den Wirtschaftstandort aus. Eine schlechtere Zuwanderunspolitik kann man nicht machen und hoffen, dass diese Menschen uns dauerhaft im Sozialsystem erhalten bleiben. Betrachtet man die Zukunft Deutschlands in Richtung 4.0 verschärft sich das ganze für die Migranten in Richtung Altersarmut. Die Minderheit wird es schaffen eigenen Altersvermögensaufbau zu betreiben. Dafür sorgen in der Regel mehere Kinder, die in den MINT-fächern ausfallen und keine Zukunft oder Potenzial für die Industrie 4.0 darstellen.

  • Auch dieser Bericht wird verpuffen, morgen ist er wieder vergessen!

    Wir wählen zwar alle vier Jahre, danach ist Stillstand und Wirtschaftsförderung!

    Wenn man Berichte verfolgt wie z.B. Schäuble verhindert, dass effektiv die Steuern eingezogen werden!
    Wie große Unternehmen sich kleinrechnen und kaum Steuern bezahlen!
    Hört man noch was von der Finanztransaktionssteuer?
    NICHTS!

    In Deutschland verrottet alles und die Bildung und Förderung ist ein Stiefkind der Nation! Jeder muss kapieren, dass nur mit Bildung und Wissenschaft die Zukunft gemeistert werden kann!

    Schaut Euch die Staßen an, die Bundeswehr, den Wohnungsbau, die verkorkste Energiewende... unfassbar!

  • Natürlich gibt es Armut in Deutschland, dies ist primär ein Ausgabenproblem. Zu viel Bürokratie und unsinnige staatliche Planwirtschaft, um eine Umverteilung von der Mittelschicht (!) nach unten zu steuern, fressen die Einnahmen auf.

    Was übrig bleibt:
    1. Sozialabgaben werden nicht generationsgerecht verteilt, eine Rente wird meine Generation (80er Jahrgang) maximal in Form unverzinster Rückzahlung der ursprünglichen Einzahlungen sehen
    2. das staatliche Bildungssystem sorgt nicht für mehr Chancengleichheit, sondern wird durch Gleichmacherei weiter auf ein immer niedrigeres Niveau gedrückt
    3. Die Infrastruktur ist für ein derart entwickeltes Land weitestgehend ein Witz (insbesondere die Netzinfrastruktur)
    4. ...

    Daneben, und da gebe ich den Vorrednern recht, trifft es auf der Einnahmenseite überproportional die Falschen. Wenn wir über die Top 10% sprechen, reden wir nicht über das Gros der Kleinunternehmen und Mittelständler und auch nicht die die Akademiker, die mit 80 Stunden Arbeit die Woche >100k € im Jahr verdienen, sondern primär über Top-Manager, Industriellenfamilien und andere Aristokraten, die es sich leisten können Geld zu verschieben bzw. steueroptimierend anzulegen. Dennoch sind es genau die o.g. sozialen Gruppen, die am meisten geschröpft werden. Und wenn ich dann wieder lese, dass man diese Gruppen mit staatlichen Zuwendungen nicht zu stark unterstützen sollte, verstehe ich wieder warum die Anzahl der Kinder negativ mit dem Bildungsniveau korreliert. Wir züchten uns hier ein Prekariat, welches staatliche Zuwendungen gewohnt ist und niemals in der Lage sein wird in unserem anspruchsvollen Arbeitsmarkt (ja, wir sind ein Technologie- und Dienstleistungsland und keine Kohlegrube mehr) Fuß zu fassen. Gleichzeitig werden alle Anreize zerstört selber etwas zu schaffen oder sich weiterzuentwickeln, weil einem überproportional viel genommen wird, wenn man eben nicht zu den Top 10% gehört. Willkommen im Sozialismus 3.0...

  • Der neue Kommentar-Editor bringt mich noch zur Verzweiflung! Also nochmal: Der Artikel diskutiert nur Symptombekämpfung. Die Ursachen erkannte schon Johann Hinrich Wichern, der Gründer der inneren Mission, vor über 150 Jahren: Armut wird vererbt. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Die Gesellschaft muss sich massiv in Erziehung und Ausbildung einmischen. Also: Weg mit Herdprämie, her mit Kita-PFLICHT, her mit Ganztagesschulen. Auch außerhalb der Unterschicht tun viele Eltern ihren Kindern unfassbare Verbrechen an. Wir müssen alle Mittel auf die Zeit vor der Pubertät konzentrieren. Ziel muss sein, den Jugendlichen bis etwa zum Alter 16 möglichst viel Rüstzeug mitzugeben, dass sie ihr Leben sinnvoll gestalten können. Wie drückten es unsere Vorfahren aus? "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!

  • Hitler hat uns damals bekanntlich die Autobahnen geschenkt und unsere Bundesregierung ist nicht einmal mehr in der Lage, nicht einmal mehr bereit geschaffene Wirtschaftsgüter zu erhalten. Wo sind wir angekommen?

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