Atomdebatte Deutsche Atomkonzerne in Defensive

Die Atomkonzerne sperren sich gegen Forderungen nach einem Ausstieg aus dem Ausstieg. Die CDU will alle Reaktoren prüfen, die SPD verlangt eine sofortige Abschaltung. Die Kanzlerin dagegen bekennt sich zur Kernkraft.
Update: 13.03.2011 - 22:52 Uhr 30 Kommentare
AKW Biblis: Nicht geschützt vor Angriffen aus der Luft. Quelle: ap

AKW Biblis: Nicht geschützt vor Angriffen aus der Luft.

(Foto: ap)

DüsseldorfDie Kernenergiebranche erklärt, deutsche Reaktoren seien sicher. Die Politik bleibt skeptisch.

Nach dem Atomunglück in Japan hat Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) eine „unverzügliche sorgfältige Prüfung möglicher Konsequenzen für Baden-Württemberg“ angekündigt. Zur Frage einer Änderung der verlängerten Atomkraftwerk-Laufzeiten sagte Mappus am Sonntag in Mittelbiberach: „Ich stehe zu allen Diskussionen, was möglich ist, bereit.“ Atomkraftwerke im Südwesten, die nicht den Sicherheitsanforderungen entsprächen, müssten abgeschaltet werden. „Die Sicherheit unserer Kernkraftwerke muss höchsten Ansprüchen genügen. Deshalb werde ich eine Expertenkommission einberufen“, sagte Mappus. Die Kommission solle analysieren, was in Fukushima passiert sei und ob es in den Südwestmeilern Fehlerquellen gebe.

Die Kernenergiebranche warnt angesichts der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima allerdings vor übereilten Schlussfolgerungen. „Jeder deutsche Reaktor ist auf jeden Fall besser ausgerüstet als der in Fukushima“, sagte der Präsident  des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, dem Handelsblatt. Bei der Situation in Japan handele es sich um ein einmaliges Ereignis. „Da kamen zwei Naturkatastrophen zusammen, das Erdbeben und der Tsunami. Daraufhin brach im ganzen Land die Infrastruktur zusammen.  Eine Verkettung solcher außergewöhnlichen Naturkatastrophen ist für Deutschland nicht vorstellbar“, sagte Güldner. Die deutschen Reaktoren seien „auf alle möglichen Einwirkungen von außen ausgelegt, beispielsweise  auf Erdbeben und Überflutungen“. Man sei „jeweils weit über das hinaus gegangen, was notwendig ist, um den Einflüssen stand zu halten“, sagte der Präsident des Atomforums.

Güldner warnte davor, an der Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke zu rütteln. „Ich glaube nicht, dass aufgrund einer  unglücklichen Verkettung zweier gewaltiger Naturereignisse in Japan ein  für Deutschland  langfristig  richtiges und plausibles  Konzept in Frage gestellt  werden sollte.“

SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert unterdessen die sofortige Abschaltung alter Kernkraftwerke in Deutschland. Die alten, etwa nicht gegen Flugzeugabstürze geschützten Kraftwerke wie Brunsbüttel, Biblis A oder Neckarwestheim müssten vom Netz genommen werden, sagte Gabriel am Sonntag in Berlin. Zum Teil handele es sich um alte Siedewasserreaktoren wie bei den von einer Kernschmelze betroffenen Reaktoren in Japan.

Natürlich drohten in Deutschland keine Tsunamis oder Erdbeben der Stärke wie in Japan. „Aber auch dort war es am Ende die Stromversorgung, die die Probleme gebracht hat“, betonte Gabriel. Rein rechnerisch sei die Gefahr eines Super-Gau in Deutschland genauso groß wie in Japan, weil dort die Anlagen auf andere Gefahren ausgelegt seien. Gabriel forderte von der Bundesregierung zudem die Rücknahme der Laufzeitverlängerung sowie die sofortige Umsetzung des kerntechnischen Regelwerks. Deutschland müsse auch aus den Atomprogrammen der EU aussteigen.

Zugleich erklärte der SPD-Chef die Atomfrage zum Thema für die Landtagswahlen Ende März. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst habe die Debatte eröffnet, indem sie eine Überprüfung deutscher Atommeiler angekündigt habe. Nun müsse geprüft werden, ob es dabei nicht nur um den Versuch handele, die Bevölkerung vor den Landtagswahlen zu beschwichtigen. „Natürlich werden die Landtagswahlen mit darüber entscheiden, ob zum Beispiel in Baden-Württemberg ein absoluter und ignoranter Pro-Atomkurs von Herrn Mappus sich durchsetzt oder ob er gestoppt wird“, sagte Gabriel. Der SPD-Chef forderte eine Regierungserklärung der Kanzlerin.

In Baden-Württemberg gibt es die Atomkraftwerke Neckarwestheim I und II sowie Philippsburg I und II. Mappus steht am 27. März die Landtagswahl bevor.

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30 Kommentare zu "Atomdebatte: Deutsche Atomkonzerne in Defensive"

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  • Wir können alle feststellen, das wir ohne die 7 Atomkraftwerke gut leben können, die jetzt für 3 Monate abgeschaltet werden.
    Somit kann jeder feststellen, das wir diese gar nicht brauchen - und diese somit wenn sie vom Netz genommen sind, gar nicht wirklich benötigt werden.
    Schrottmeiler stellen eine Gefahr für Deutschland da, die wir nicht benötigen.
    Ich bin der Meinung - wenn wir ohne die 7 Atomkraftwerke auskommen ohne jeglichen Verzicht, gehören diese abgebaut.
    Wozu noch Geld in eine Prüfung der Schrott AKW`s stecken - die keiner will und braucht.

    Das ist realistisch, nachvollziehbar, machbar und verantwortungsvoll.

    Diese Meinung vertreten 99% der Deutschen !!!!!!

    Merkel, Westerwelle und Co. haben die Bevölkerung bisher belogen und betrogen - wir können nachweisbar ohne die Schrott - Mailer (7 oder 8 Stück) leben.

    Die restlichen AKW´s sollten stillgelegt werden, wenn entsprechend andere Energiequellen ans Netz gegangen sind. Eins nach dem anderen - binnen der nächsten 5 bis 10 Jahren - was realistisch und durchführbar ist.

  • Dieses merkwürdige Phänomen Merkel, welches sich die CDU aus dem Osten eingehandelt hat, wird Deutschland sogar physisch an den Rand des Abgrundes bringen wenn Merkel und ihren Lakaien nicht gestoppt werden. Natürlich nur so weit wie man das augenblicklich weiß.

  • Frau Merkel sagte heute mehrfach: „Nach Allem, was wir wissen, ist die Sicherheit unserer Kernkraftwerke gegeben.“ Hier möchte ich Ihnen, Frau Merkel, entgegnen, dass uns genau aber das, was wir nicht wissen solche Sorgen machen muss, dass wir uns eine solch Tot-bringende Technik nicht leisten können und wir Bürger auch nicht wollen. http://faszinationmensch.wordpress.com/2011/03/13/kernkraftwerke-und-warum-es-ein-wiegen-in-sicherheit-nicht-geben-kann/

  • Ich bin der festen Überzeugung, alle AKWS wurden mit und durch die Steuerzahler/Stromkunden bis jetzt finanziert.
    Deshalb haben die Bürger ein Recht, bei der Stilllegung mit zu Reden. Wenn die Kernkraftwerke sofort abgeschaltet werden, darf es keinen Zukauf von Atom-Strom aus dem benachbarten Ausland kommen.
    Der Strompreis darf nicht erhöht werden, und der Staat muss seine Einnahmen um mindestens 10% senken.
    Ab sofort dürfen keine Dividenden mehr ausgeschüttet werden, wenn doch gehen sie geschlossen an den Fiskus.
    Basta.
    Danke

  • Merkel und Co. wollen dennoch an der Atompolitik festhalten. Diese Uneinsichtigkeit ist an Starrsinn und völliger Dummheit nicht zu überbieten!
    Es wird Zeit, dass diese "fast-russische-Zonenwachtel" endlich in die Wüste geschickt wird!

  • Mag ja sein,daß deutsche AKW teils nach EVA-Lastfällen (EVA=Einwirkungen von außen) ausgelegt sind, aber eben nicht alle und nicht durchgängig (s.Biblis),weil bei Altreaktoren der 80er Jahre auch schon sinnlos gespart wurde,nicht nur Kosten sondern gerne wurde auch sinnvoller Know-How-Transfer innerdeutscher Wissensträger ausgebremst.Wenn im AKW-Fukushima die Bilder schon umgefallene,zerstörte Rohrleitungstrassen zeigen,während alles andere stehen blieb,kann daraus geschlossen werden, daß diese Bauteile eben nicht erdbebensicher ausgelegt waren.Um wieviel mehr muß man sich hierzulande und in den Nachbarländern sorgen,weil derart wichtige Versorgungssysteme außerhalb der Gebäude meist nur für statische und nicht für dynamische Lasteinwirkungen von min. 4,6 Amplitude gerechnet sind.Doch der Zusatzhorror ist, daß dieser Mangel ganz besonders zutrifft für Chemie-, Raffinerie- und konventionelle Kraftwerksanlagen.Nur,danach und/oder nach einer gar höheren Amplitude fragte bisher keiner.Dennoch,wir brauchen die Reinkarnation solider Ingenieurtechnik für alles Dynamische und zwar sofort und nachhaltig.Wir brauchen keine Greencardmanpower, weil die solch einfache Rohrtrassendynamik offenbar auch oder immer noch nicht können, wie man sieht, und kein dümmlich strategisches Politiker- und Lobbygeschwätz.Statt Milliarden zum Fenster rauszuwerfen und in den Ba(n)cköfen der Finanzjongleure zu verbrennen,macht endlich unsere Schlüsselindustrieanlagen ingenieurmäßig sicher,dann klappt auch beim heftigen Erdstoß nichts zusammen.Ich weiß,wovon ich hier schreibe.

  • Keiner der Herren in der Energiewirtschaft wird freiwillig auf seine Cash-Cow verzichten. Schon gar nicht EnBW, die ja gerade wieder verstaatlicht wurden. Die Diskussion ist ganz einfach zu lösen. Wie in allen demokratischen Staaten hat auch die Bundesregierung nur ein Mandat auf Zeit. Wer gegen die weitere Nutzung von Atomenergie ist, hat zwei Möglichkeiten. 1. Seinen persönlichen Stormbedarf auf Öko-Strom umzustellen und 2. den Regierungsparteien die Gefolgschaft zu verweigern. Eines ist sicher ohne Atomstrom geht es leider noch nicht, dazu ist der Energieverbrauch noch zu hoch und wird wahrscheinlich noch höher in den nächsten Jahren, wenn E-Autos auf der Strasse rollen. Es macht wenig Sinn, wenn wir, die mit Abstand sichersten AKWs haben, uns von dieser Energiequelle verabschieden und rund um sonst noch die Atomwerk fleissig für uns Strom produzieren. Es versteht sich, dass wir unsere Anstrengungen erhöhen müssen, von dieser Quelle wegzukommen.

  • Bilduntertext: AKW Biblis: Nicht geschützt vor Angriffen aus der Luft.
    Angriffe sind eine höchst seltene Gefahr, sie sind aber auch gar nicht notwendig. 495.671 Flugbewegungen allein für Frankfurt (05) sind dagegen real. Im Umkreis außerdem: Der Flughafen Stuttgart und zwei Regionalflughäfen.Die Reaktorblöcke in Biblis liegen nur 3 min entfernt in der Einflugschneise. Im Umkreis von 15 min liegen noch Philipsburg, Obrigheim u. die Kernforschungsanlage Karlsruhe, in der bis vor wenigen Wochen die Plutonium haltige Giftsuppe in schlichten Lagerhallen abgestellt waren.
    Die oft zitierte Absturzsicherheit bezog sich, wenn es nicht sowieso ein Mythos ist vermutlich nur auf die damals oft abstürzenden Starfighter. Das ist allerdings nur eine kleine Aluminiumkiste. Die Reaktoren wurden dann aber jahrelang bei Tiefflügen in der Rheinebene von Piloten der viel schwereren Phantom angeflogen. Sie sind mit ihren Dampfsäulen gut zu sehen. Schluss war es mit den Tiefflügen, als eine Maschine in der Nähe von H.Kohls Haus auf einem Acker abstürzte.

  • @ merschenthal, Sie schrieben:
    "Wem nützt die Abschaltung der deutschen KKW´s, wenn wir dann den Atomstrom aus Frankreich kaufen?" Die Fakten:
    Im ersten Quartal 2010 hat die BRD mit mehr als 9 Milliarden Kilowattstunden den höchsten Exportüberschuß ihrer Geschichte produziert. Dies ergibt sich aus den aktuell vorgelegten Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Die netto exportierte Strommenge entspricht der Produktion der sechs deutschen AKW Biblis A (Inbetriebnahme 1974), Biblis B (1976), Neckarwestheim I (1976), Isar I (1977), Philippsburg I (1979) und Grafenrheinfeld (1981). Außerdem sind beiden AKW Brunsbüttel und Krümmel seit 36 Monaten wegen "Revisionsarbeiten" außer Betrieb.
    Damit wurde in den ersten vier Monaten dieses Jahres in der BRD 6,7 Prozent mehr Strom erzeugt als benötigt. Acht der 17 in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke könnten daher sofort abgeschaltet werden, ohne daß dies zu Engpässen führen würde.
    Zitat Ende.
    Gerade Frankreich hat im Sommer immer wieder Probleme mit dem niedrigen Wasserstand der Flüsse und musste Reaktoren herunterfahren.
    Was die Sicherheit betrifft wäre ich nicht so sicher wie Sie: zehn deutsche Techniker der französischen AREVA sind in Fukushima sofort geflohen (was ich nicht verurteile, ich stelle es nur fest).
    Im Gegenzug sind aber schon Menschen vom THW auf der 9000 km langen Reise. Sie bringen einen Hund mit.

  • Was heisst hier alle AKWs sofort abschalten?
    Welche Alternativen werden dann sofort eingeschaltet?

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