Atomwaffen in Deutschland Die Renaissance der Bomben

Lange galten die Atombomben in Deutschland als Relikte des Kalten Krieges. Nun ist die nukleare Abschreckung wieder aktueller denn je. Was wird nun aus den Bomben, die hierzulande lagern? Ein Ortsbesuch in Büchel.
3 Kommentare
Auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel sollen US-amerikanische Atombomben vom Typ B61 lagern. Quelle: dpa
Atomwaffen in Deutschland

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel sollen US-amerikanische Atombomben vom Typ B61 lagern.

(Foto: dpa)

Büchel/BerlinBüchel besteht aus 442 Häusern, in denen 1154 Menschen leben, die 752 Autos fahren. Es gibt drei Gaststätten, eine freiwillige Feuerwehr, eine katholische Kirche und einmal im Jahr ist Kirmes. Der kleine, windige Ort in den Hügeln der Vulkaneifel ist auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere auch. Wäre da nicht etwas, das es nirgendwo sonst in Deutschland gibt: Rund 20 Atombomben, jede für sich mit der vierfachen Sprengkraft der Bombe von Hiroshima.

Die Bücheler nennen die tödlichsten Waffen in ganz Deutschland nur spöttisch „die 20 Eier“. Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder weiß aber, dass sie streng bewacht von einer US-Spezialeinheit in Metallbunkern auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr lagern, der nur einen Kilometer vom Dorfkern entfernt liegt. Niemand bezweifelt oder dementiert das.

Vom Ortsschild kann man die „Tornado“-Kampfjets, die im Ernstfall die Bomben abwerfen sollen, starten und landen sehen. Hören kann man sie überall in Büchel. Oft donnern sie zigmal am Tag in die Luft.

Die Atombomben gehören ungefähr so lange zu dem Dorf in Rheinland-Pfalz wie Willi Rademacher. Der parteilose Bürgermeister ist heute 62. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind in den 60er-Jahren zum ersten Mal US-Soldaten begegnet ist, die für „Munitionstransporte“ auch schon mal die Straßen sperrten.

Rademacher hat fast sein ganzes Leben in Büchel verbracht. Neben den Bomben. Angst haben sie ihm nie gemacht. „Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird“, sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat. Viel gefährlicher seien die Gewehre, die Granaten und Raketen, die nach Syrien oder in andere Krisenregionen geschickt würden. „Dort sterben jeden Tag Menschen. Da wird nicht drüber gesprochen. Über die Eier, die hier bisher sicher lagern, darum wird ein großer Aufstand gemacht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar.“

Der Bürgermeister der Eifelgemeinde hat fast sein ganzes Leben in Büchel verbracht. Angst haben ihm die Bomben nie gemacht. Quelle: dpa
Willi Rademacher

Der Bürgermeister der Eifelgemeinde hat fast sein ganzes Leben in Büchel verbracht. Angst haben ihm die Bomben nie gemacht.

(Foto: dpa)

So wie Willi Rademacher denken viele in Büchel. Der Flugplatz ist mit rund 2000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Nervig ist allenfalls der Fluglärm, aber auch daran haben sich die Anwohner gewöhnt. „Wir regen uns da nicht sonderlich auf. Es gehört zum Geschäft Flugplatz hinzu“, sagt Rademacher. Angst hat man in Büchel allenfalls davor, dass der Flugplatz dicht macht, wenn die Atombomben abgezogen werden.

Wenn man einen Gegner der Bomben finden will, muss man acht Kilometer weiter fahren, nach Leienkaul. Dorthin ist die Apothekerin Elke Koller 1985 aus Norddeutschland gezogen. Von ihrem Haus kann sie nachts die Lichter des dreieinhalb Kilometer entfernten Towers sehen. Lange Zeit hat die heute 74-Jährige nichts von den Bomben gewusst. Als 1995 ein „Spiegel“-Artikel darüber erschien, war sie geschockt – und begann, Proteste zu organisieren. Gegen die Beteiligung Deutschlands an nuklearen Abenteuern, für eine Welt ohne Atombomben, aber auch für die eigene Sicherheit. „Ich habe Angst vor einem Unfall“, sagt sie. Wenn sie eine Feuerwehrsirene höre, zucke sie zusammen. Außerdem sei der Fliegerhorst ein potenzielles Angriffsziel, sagt Koller. Sie selbst fühle sich als „Zielscheibe“.

1996 fand die erste Demonstration statt. Koller wurde angefeindet. „Das war am Anfang ganz extrem“, sagt sie. In der Apotheke bekam sie hin und wieder von Kunden zu hören: „Von Ihnen lasse ich mich nicht bedienen, Sie wollen mir ja den Arbeitsplatz wegnehmen.“ Auch heute werden auf der sogenannten „Friedenswiese“ vor der Zufahrt zum Fliegerhorst nachts schon mal Protestplakate abgerissen. Persönlich angegriffen wird Koller aber nicht mehr.

Allerdings solidarisiert sich auch kaum jemand aus der Gegend offen mit ihr. „In der evangelischen Kirchengemeinde habe ich zwei, drei Mitstreiter, aber das war es dann auch“, sagt sie. Die Demonstranten, die im Sommer fast täglich an dem Verkehrskreisel vor dem Stützpunkt protestieren, kommen von weiter her.

Die US-Flagge weht vor dem Haupteingang des Bundeswehr-Fliegerhorsts in Büchel (Rheinland-Pfalz) ganz vorne. Quelle: dpa
Bundeswehr-Fliegerhorst in Büchel

Die US-Flagge weht vor dem Haupteingang des Bundeswehr-Fliegerhorsts in Büchel (Rheinland-Pfalz) ganz vorne.

(Foto: dpa)

Am Eingang des Stützpunkts weht ganz vorne die US-Flagge, dahinter die deutsche – obwohl es ein Flugplatz der Bundeswehr ist. Das sei erst so, seit Donald Trump US-Präsident sei, sagen die Leute von der Friedensbewegung. „America first“ auch in Büchel, spotten sie.

Auf das Gelände zu kommen, ist für Journalisten nicht so einfach. Eine erste Anfrage lehnt die Luftwaffe mit Hinweis auf die Jamaika-Sondierungsgespräche in Berlin ab, in denen die nukleare Abschreckung ja Thema sei. Im „politischen Raum“ – sprich im Ministerium – halte man einen Besuch deshalb für unpassend. Aber auch nach Abbruch der Sondierungsgespräche muss das dpa-Reporterteam draußen bleiben: Eine zweite Anfrage wird mit Hinweis auf einen „bevorstehenden Kontingentwechsel“ beim Einsatz der „Tornados“ in Jordanien abgelehnt. „Das wird definitiv in diesem Jahr nichts mehr“, werden wir in einer Mail vertröstet.

Selbst wenn man auf das Gelände kommt, ist ein Thema von vorneherein tabu: Die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands. Der abstrakte Begriff aus dem Nato-Vokabular steht dafür, dass Deutschland sich seit 60 Jahren aktiv am atomaren Schutzschirm des Bündnisses in Europa beteiligt. Weitere US-Atombomben sind in Italien, Belgien, den Niederlanden und der Türkei stationiert. Die deutsche Teilhabe besteht darin, dass nach einem Einsatzbefehl des US-Präsidenten und Bestätigung der Nato-Zentrale die „Tornados“ die Bomben einklinken und über dem Ziel abwerfen.

Die Bomben von Büchel heißen B61-4, sind 3,58 Meter lang, sehen aus wie kleine Raketen und haben eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen. Die Informationen, die über sie kursieren, hat man einer Handvoll internationaler Wissenschaftler zu verdanken, die vor allem offene US-Quellen auswerten und daraus Rückschlüsse für Büchel ziehen. Bundeswehr und Bundesregierung schweigen. Nach den Recherchen der Forscher lagern die Bomben unter der Erde in zweistöckigen Metallbehältern mit 30 Zentimeter dicken Deckeln. Es gibt nur wenige Luftaufnahmen von den Bunkern, normalerweise ist der Überflug verboten.

Lange Zeit galten die Bomben als Relikte des Kalten Krieges, die eigentlich nicht mehr gebraucht werden. In den 80er-Jahren waren noch 7000 der weltweit 70.000 Atomwaffen in beiden Teilen Deutschlands stationiert. Heute sind nur noch die in Büchel übrig.

Sorge vor nordkoreanischem Atomprogramm
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Atomwaffen in Deutschland - Die Renaissance der Bomben

3 Kommentare zu "Atomwaffen in Deutschland: Die Renaissance der Bomben"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "Die Sch...dinger - und das ganze Trara drumrum, der kostbare Ressourcen, Zeit und Lebensräume vernichtende technologische, logistische und sonstige Überbau - gehören definitiv zu den Dingen, die kein Mensch braucht."

    Als Denkanstoß zum Themenkomplex „Was wir brauchen“ und "Zeit- und Ressourcenverschwendung" würde ich zum Kommentar vom 05.12.2017, 19:42 Uhr gerne folgendes Gedicht von Erich Kästner nachschieben:

    ""Bürger, schont eure Anlagen"

    Arbeit läßt sich schlecht vermeiden,
    und sie ist der Mühe Preis.
    Jeder muß sich mal entscheiden.
    Arbeit zeugt noch nicht von Fleiß.

    Arbeit muß es quasi geben.
    Denn der Mensch besteht aus Bauch.
    Arbeit ist das halbe Leben,
    und die andre Hälfte auch.

    Seht euch vor, bevor ihr schuftet!
    Zieht euch keinen Splitter ein.
    Wer behauptet, daß Schweiß duftet,
    ist (ganz objektiv) ein Schwein.

    Zählt die Arbeit zu den Strafen!
    Wer nichts braucht, braucht nichts zu tun.
    Legt euch mit den Hühnern schlafen.
    Wenn es geht: pro Mann ein Huhn.

    Manche geben keine Ruhe,
    und sie schuften voller Wut.
    Doch ihr Tun ist nur Getue,
    und es kleidet sie nicht gut.

    Laßt euch auf den Sofas treiben!
    Gut geträumt ist halb gelacht.
    Hände sind zum Händereiben.
    Sprecht schon morgens: »Gute Nacht.«

    Laßt die Wecker ruhig rasseln!
    Zeigt dem Krach das Hinterteil.
    Laßt die Moralisten quasseln.
    Bietet euch nicht täglich feil.

    Wozu macht ihr Karriere?
    Ist die Erde denn kein Stern?
    Tut, als ob stets Sonntag wäre,
    denn er ist der Tag des Herrn.

    Vieles tun heißt vieles leiden.
    Lebt, so gut es geht, von Luft.
    Arbeit läßt sich schlecht vermeiden, -
    doch wer schuftet, ist ein Schuft!“

    Anmerkung zur letzten Strophe:

    Von Luft leben kann keiner. Aber sauber sollte sie trotzdem sein. HIERAN – und noch an einigen weiteren, wirklich (überlebens-)wichtigen Dingen - lohnt es sich also zu „arbeiten“ (= dafür zu sorgen, dass sie das bleiben kann bzw. wieder wird). Das fiele dann auch weniger unter "Arbeit" als unter "sinnvolle Beschäftigung", die zum Glücklichsein dazugehört.

  • "Die Renaissance der Bomben"

    Die Sch...dinger - und das ganze Trara drumrum, der kostbare Ressourcen, Zeit und Lebensräume vernichtende technologische, logistische und sonstige Überbau - gehören definitiv zu den Dingen, die kein Mensch braucht. Außer einigen Politikern, vielleicht.

  • Frankreich hat ca 300 Atombomben und Deutschland darf 20 Atombomben mit
    Tornados oder anderen Jagdbombern im Ernstfall nach sagen wir mal Russland fliegen.
    Wenn die Amerikaner das OK geben. Ob die Flugzeuge zurück kommen ist sehr zweifelhaft. Vermutlich ist nichts mehr hier, wo es sich lohnt hinzufliegen. Aber
    NK wird einen Run auf Atomwaffen auslösen. Besser ist also alles zu tun, diese Waffen
    abzuschaffen oder neue Waffen zu bauen , die Atomwaffen weit überlegen sind
    und die Welt nicht verstrahlen. Hier könnte Deutschland Vorreiter sein , wenn man
    es lassen würde. Der zweite WK hat gezeigt was möglich ist wenn man will in unserem Land.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%