Aufarbeitung der Bundestagswahl Sanierungsfall und profillos – SPD-Wahlanalyse kommt zu verheerendem Ergebnis

Zukünftig will die SPD ihren Kanzlerkandidaten früher bekannt geben. Anlass für diesen Strategiewechsel ist eine interne Analyse.
Update: 11.06.2018 - 12:33 Uhr Kommentieren
Die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion glaubt, dass die SPD zu spät ihren Kanzlerkandidaten benannt hatte. Quelle: dpa
Andrea Nahles

Die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion glaubt, dass die SPD zu spät ihren Kanzlerkandidaten benannt hatte.

(Foto: dpa)

BerlinNach dem Debakel bei der Bundestagswahl hat eine umfassende Analyse der SPD eine Reihe von Fehlern und einen diffusen Kurs bescheinigt. „In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Sozialdemokratie zu einem Sanierungsfall geworden“, heißt es in der am Montag dem Parteivorstand vorgelegten Analyse.

„Die lange offen gelassene Kandidatenfrage war ein Kardinalfehler“, sagte einer der Autoren, der frühere Spiegel-Journalist Horand Knaup, am Montag in Berlin. Zudem habe Taktik eine zu große Rolle gespielt. Positionen seien mit Rücksicht auf den Koalitionspartner, Autofahrer oder Gewerkschaften ständig verwässert worden. „Die Partei hat sich zu oft in eine Selbstfesselung begeben, die sie profillos machte“, so Knaup.

Zudem sei das Willy-Brandt-Haus nicht kampagnenfähig gewesen, nach dem Verzicht von Sigmar Gabriel übernahm Martin Schulz quasi von heute auf morgen 2017 die Kandidatur, ohne strategische Vorbereitung und wahlkampferprobten Apparat. Die SPD holte mit Kanzlerkandidat Schulz 20,5 Prozent, ihr schlechtestes Bundestagswahlergebnis. Schulz gab die Analyse in Auftrag, für die Dutzende Parteifunktionäre, Experten und Meinungsforscher befragt wurden.

Schulz wollte die SPD nach der Wahl zunächst in die Opposition führen, nach dem Scheitern der Gespräche über eine Jamaika-Koalition ging die SPD schweren Herzens doch erneut in eine große Koalition, Schulz trat nach internem Widerstand gegen ihn aber als SPD-Chef zurück. Die Analyse attestiert der SPD auch „eine tiefe Entfremdung zwischen sozialdemokratischer Basis und ihrer Führung“. Verkrustungen müssten aufgebrochen werden, vor allem das Denken in Lagern und Flügel.

Als eine Konsequenz sagte Parteichefin Andrea Nahles, dass die SPD ihre Kanzlerkandidaten künftig frühzeitiger nominieren werde. „Wir wollen die Spitzenkandidatur früher und geordneter erklären, als das bisher der Fall gewesen ist.“ Die SPD habe „mehr als einmal denselben Fehler gemacht“.

Bei der Bundestagswahl im September war die SPD auf gut 20 Prozent abgestürzt. Die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz war erst im Januar des Jahres knapp acht Monate vor dem Wahltermin durch den Verzicht von SPD-Chef Sigmar Gabriel geklärt worden.

Bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013 wurde der Kanzlerkandidat etwa ein Jahr vor der Wahl ohne lange Vorbereitung des jeweiligen Spitzenkandidaten ausgerufen. Bisher hatte es in der SPD stets geheißen, wenn der Kanzlerkandidat zu früh benannt werde, werde er schon vor der heißen Phase des Wahlkampfes verschlissen. Der Kandidat von 2013, Peer Steinbrück, hatte seinerzeit gesagt, ein zu früh benannter Kandidat werde „öffentlich platt gemacht wie eine Flunder“.

  • dpa
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