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Aus dem Innenleben einer Klinik

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Benckert atmet dreimal tief durch, Luftholen für den nächsten Einsatz bei den Internisten. Vorher fordert er im Vorbeilaufen noch einen Patienten auf, der unentwegt die Flure auf und ab wandert: „Gehen Sie ins Bett. Sie sind erst morgen dran.“

23.30 Uhr. 13 Quadratmeter ist Benckerts Sehnsucht manchmal groß. Die Sehnsucht nach einem kleinen Raum auf der Chirurgie. Der Arzt genießt im Schwesternzimmer die erste richtige Pause des Tages – zwanzig Minuten lang sitzen: ein Malzbier in der Hand, die Schultern locker, kurz im Stuhl zurück gelehnt. Fast heimelig wirkt die karierte Tischdecke auf dem ovalen Tisch. Kollege Robert Pflugmacher, 33, der zweite Bereitschaftsarzt in dieser Nacht, lässt sich neben Benckert auf einen Stuhl fallen. Er erzählt von Kollegen, die gekündigt haben, ins Ausland gehen, für Pharmaunternehmen forschen.

Benckert setzt sich auf, nimmt Haltung an. Eines will er klarstellen: Die Ärzte in Deutschland sind „keine Drückeberger“. Es gehe ihnen nur um gerechte Bezahlung. Im europäischen Vergleich rangieren die deutschen Medizinergehälter auf den unteren Rängen. Mit 3 000 Euro brutto müssten sich viele junge Ärzte über Jahre hinweg begnügen. „Das ist kaum mehr als der Lohn einer Putzfrau“, sagt Pflugmacher. Der Assistenzarzt spricht geradeheraus, schnörkellos. So verstünden ihn auch seine Patienten, sagt er und beschreibt seine Klientel: „Ab Mitternacht sind die wenigsten noch ansprechbar. Drogenabhängige, die Körperhygiene vernachlässigt.“ Gerechte Löhne, ja, das wollen die beiden Ärzte. Aber beim Thema Arbeitszeit möchten sie sich „nicht vor den Gewerkschaftswagen“ spannen lassen. „Stunden zählen wie Erbsen. Das passt nicht in die Chirurgie“, sagt Benckert. Der Dienstplan – normaler Dienst, danach Bereitschaftsdienst, dazwischen fließende Übergänge – sei sinnvoll. Bei häufigem Schichtwechsel gingen zu viele Informationen verloren.

0.10 Uhr. Das Telefon klingelt. Nachblutung einer Lebertransplantation. Auf dem Operationstisch liegt ein Bauch. Viel mehr ist von dem 63-jährigen Patienten, der schon die zweite Leber erhalten hat, nicht zu sehen. Blaue OP-Tücher bedecken Kopf und Beine. Benckert öffnet den Leib entlang der großen T-förmigen Narbe – im Mediziner-Deutsch Mercedes-Stern genannt. Der entzündete Bauchraum ist voller Blut. „Bauchlappen. Sauger. Ich kann noch nicht sehen, wo das Blut herkommt.“ Ketten werden gespannt, halten Haken, die den Leib auseinander klaffen lassen. Behandschuhte Hände dringen ins Innere vor.

Inzwischen steht auch Oberarzt Sven Jonas am OP-Tisch. Das Blut schießt aus einem beschädigten Gefäß in der Nähe der Hauptschlagader. OP-Kittel und Hosen färben sich rot, Blut tropft auf den Boden, Mulltücher saugen sich voll. Eine Klemme verschließt kurzfristig die Aorta, die Chirurgen nähen das Gefäß. „Kann ich öffnen? Kann ich öffnen?“ fragt Professor Jonas die Anästhesisten. Sie stabilisieren den Patienten über Infusionen. „Ja, jetzt.“ Die Klemme wird entfernt, der Bauch zugenäht.

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