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Ausbildung Azubi-Mindestlohn kostet Mittelstand 200 Millionen Euro

Die große Koalition will ab 2020 eine Mindestausbildungsvergütung für Auszubildende einführen. Das geht vor allem auf Kosten kleinerer Betriebe.
Update: 22.10.2019 - 19:14 Uhr 2 Kommentare
Azubi-Mindestlohn kostet Mittelstand 200 Millionen Euro Quelle: imago/photothek
Azubi bei der Arbeit

Mindestlohn auch für Auszubildende

(Foto: imago/photothek)

Berlin Bildungsministerin Anja Karliczek hatte ein hehres Ziel vor Augen, als sie im Juni ihren Entwurf zur Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes im Bundestag präsentierte: „Wir sichern die Attraktivität der beruflichen Bildung für die Zukunft“, sagte die CDU-Politikerin. Unter anderem sieht das Gesetz, das am Donnerstag abschließend im Parlament beraten werden soll, erstmals eine Mindestvergütung für Auszubildende vor.

Und der „Azubi-Mindestlohn“ wird teuer für die deutsche Wirtschaft. Das zeigt ein unveröffentlichtes Gutachten des Nationalen Normenkontrollrats, das dem Handelsblatt vorliegt. Demnach kommen auf die Unternehmen in den kommenden vier Jahren Mehrkosten zu, die von rund 20 Millionen Euro im Jahr 2020 auf rund 81 Millionen Euro im Jahr 2023 anwachsen. Insgesamt belaufen sich die Mehrkosten auf deutlich mehr als 200 Millionen Euro.

Die Hauptlast trägt der Mittelstand, große Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen lediglich einen einstelligen Millionenbetrag zusätzlich zahlen. „Durch die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung werden insbesondere kleine Betriebe mit bis zu neun Beschäftigen belastet“, schreiben die Bürokratieabbau-Experten.

„Angesichts des Fachkräftemangels in vielen Bereichen müssen wir alles daransetzen, die berufliche Ausbildung zu stärken“, sagt dazu Hans Michelbach, CSU-Wirtschaftspolitiker und Vizechef der Landesgruppe. Die zusätzliche Belastung könnte aber viele Betriebe veranlassen, die Ausbildung zurückzufahren oder ganz einzustellen. „Das aber wäre fatal für die weitere wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes.“

Überlastung droht

Laut Gesetz gilt für Auszubildende, die 2020 in die Lehre starten, eine monatliche Mindestvergütung von 515 Euro. In den Folgejahren steigt sie für das erste Ausbildungsjahr auf 550 Euro, später auf 585 Euro und 2023 dann auf 620 Euro. Im zweiten Lehrjahr ist ein Aufschlag von 18 Prozent vorgesehen, im dritten von 35 Prozent und im vierten von 40 Prozent. In den Ballungsräumen und leistungsstarken Regionen mit Betrieben mit hoher Wertschöpfung seien solche Vergütungen sicher zu verkraften, sagt der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke.

„Aber in ländlichen, strukturschwachen Regionen besteht die Befürchtung, dass sich gerade Klein- und Kleinstbetriebe aus der Ausbildung zurückziehen, einfach weil sie es sich nicht mehr leisten können.“ Die Kosten für eine dreijährige Ausbildung lägen schon jetzt im Schnitt bei rund 16.500 Euro.

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Auch deshalb ist über die Einführung und Höhe des „Azubi-Mindestlohns“ lange gestritten worden. Eine Mindestvergütung von 515 Euro sei aber nichts, „was einen Betrieb in Deutschland in wirtschaftliche Schieflage bringt“, glaubt Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). In seinem Bundesland wird am kommenden Sonntag gewählt. Arbeitgeber und Gewerkschaften trügen die jetzt vereinbarten Sätze ja mit. „Wenn Unternehmen allerorten über den Fachkräftemangel klagen, dann können sie sich dem Azubi-Mindestlohn doch nicht wirklich verweigern“, betont Tiefensee. Zumal bis 2024 Tarifverträge, in denen eine abweichende Vergütung vereinbart ist, weiter gelten. So bekommen etwa Friseurlehrlinge in Thüringen und Sachsen-Anhalt im ersten Ausbildungsjahr nur 325 Euro im Monat.

Nicht nur aus der Wirtschaft gibt es Kritik an Karliczeks Gesetz. Den Gewerkschaften geht die Novelle nicht weit genug: „Für uns ist klar: Nach der Reform ist vor der Reform“, sagt das geschäftsführende IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. Die Bundesregierung müsse sich des dualen Studiums annehmen, das bei der Berufsausbildung eine immer größere Rolle spiele. Deshalb müsse es auch im Rahmen des Berufsbildungsgesetzes geregelt werden.

Kritik der IG Metall

Mehr als 100 000 Studierende kombinieren mittlerweile die theoretische Ausbildung an einer Hochschule oder Berufsakademie mit Praxisphasen in Unternehmen – besonders in technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern. Die IG Metall vermisst jedoch – ähnlich wie der DGB und die SPD – klare Qualitätskriterien für die Studienphase im Betrieb. Während in der Lehre Gesetze und Tarifverträge greifen, handeln Firmen und Studierende im dualen Studium die Praxisphase weitgehend frei aus, also etwa den Lohn und die Arbeitsbedingungen.

Die SPD hatte in den Verhandlungen über die Reform des Berufsbildungsgesetzes versucht, das duale Studium einzubeziehen, scheiterte jedoch am Widerstand der Union. Nun ist lediglich ein gemeinsamer Entschließungsantrag geplant: Danach soll das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bis Frühjahr 2022 einen Bericht zur wirtschaftlichen, sozialen und vertragsrechtlichen Lage der dual Studierenden vorlegen, erklärt die SPD-Berichterstatterin für das Thema, Yasmin Fahimi.

Die IG Metall hatte in einer Fallstudie für Baden-Württemberg die unterschiedlichen Angebote unter die Lupe genommen und stieß auf eine nahezu unüberschaubare Vielzahl von Varianten und ein erhebliches Gefälle bei den Qualitätsstandards. Demnach nehmen die Studien- und Prüfungsordnungen der Hochschulen nur wenig Einfluss auf die Praxisphasen. Die meisten Hochschulen sähen sich auch nicht in der Verantwortung, aktiv an der Gestaltung der Ausbildungs- und Praxisphasen mitzuarbeiten, heißt es in der Studie.

Um den Flickenteppich bei den Praxisphasen zu beenden, „brauchen wir endlich transparente und einheitliche Spielregeln, damit dual Studierende in der Praxis nicht gegenüber Auszubildenden benachteiligt werden“, sagt Urban. Das Bildungsministerium argumentiert jedoch, das duale Studium sei wie das gesamte Hochschulwesen Sache der Länder und könne daher gar nicht im Berufsbildungsgesetz geregelt werden. Es beruft sich dabei auf ein Gutachten des Verwaltungsrechtlers Friedhelm Hufen, das dem Handelsblatt vorliegt.

Mehr: Azubis werden dringend gebraucht, doch manche Betriebe – vor allem kleinere – sehen sich überfordert. Das Handwerk und der DGB fordern daher Unterstützung.

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2 Kommentare zu "Ausbildung: Azubi-Mindestlohn kostet Mittelstand 200 Millionen Euro"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Mieten sollen von oben gedeckelt und Löhne von unten "hochgeschoben" werden (in diesem Fall für Azubis). Wir hebeln wesentliche Marktgesetzlichkeiten unseres Wirtschaftssystems damit aus. Aber es scheint keinen zu stören ... wo bleibt effektiver Protest von Parteien (zumindest CDU und FDP) oder Wirtschaftsverbänden oder Bürgern? Werden wir nun zur DDR 2.0?

  • Ich kann mir vorstellen, dass die Azubi-Stellen radikal abgebaut werden. Der Staat als
    Vorbild: Was bekommt ein Justizreferender, der mindestens 6 Jahre nach dem Abitur
    studiert hat, also mindestens 25 Jahre alt ist und eine Familie gruenden moechte?