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Ausbildung Deutsche Berufsschulen in Not

Die Digitalisierung kostet die Berufsschulen viermal so viel Geld, wie der Digitalpakt hergibt, sagt die GEW. Und das ist nicht ihr einziges Problem.
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Viele Betriebe sind mit der Qualität des schulischen Teils unzufrieden. Quelle: mauritius images / Westend61
Ausbildung

Viele Betriebe sind mit der Qualität des schulischen Teils unzufrieden.

(Foto: mauritius images / Westend61)

Berlin Das Geld aus dem Digitalpakt reicht hinten und vorn nicht, um die deutschen Berufsschulen mit digitaler Infrastruktur zu versorgen und vor allem die Qualifizierung der Lehrer zu bezahlen. Nach einer Bedarfsrechnung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) müssten die Finanzmittel dafür vervierfacht werden. „Zudem müssen die Gelder dauerhaft fließen, sonst ist der Digitalpakt ein Strohfeuer und entfaltet keine Nachhaltigkeit“, sagte GEW-Vorstand Ansgar Klinger bei der Präsentation.

Für die nächsten fünf Jahre bräuchten „selbst bei vorsichtiger Kalkulation allein die Berufsschulen 5,3 Milliarden Euro zusätzlich“, fasste er die Kalkulation zusammen. Für die allgemeinbildenden Schulen seien weitere knapp 16 Milliarden nötig. Der im Frühjahr dieses Jahres auf den Weg gebrachte Digitalpakt für die Jahre 2019 bis 2024 umfasst jedoch nur fünf Milliarden Euro des Bundes. Dazu kommt mindestens eine halbe Milliarde Euro, die die Länder zuschießen müssen.

Für die Mindestausstattung der Schulen seien pro Jahr 4,2 Milliarden erforderlich – statt der durchschnittlich bereitgestellten Gelder in Höhe von 1,1 Milliarden Euro. „Die Digitalpakt-Mittel reichen rechnerisch gerade aus, um in den nächsten fünf Jahren die digitale Mindestausstattung der berufsbildenden Schulen zu finanzieren. Für die allgemeinbildenden Schulen bliebe dann kein Cent mehr übrig. Das will niemand“, sagte Klinger.

In ihrem Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD den Berufsschulen – und damit der ausbildenden Wirtschaft – viel versprochen: „Die berufliche Bildung werden wir mit einem Berufsbildungspakt modernisieren und stärken. Dazu gehört im Rahmen der Investitionsoffensive für Schulen nach Artikel 104c Grundgesetz eine Ausstattungsoffensive für berufliche Schulen vor dem Hintergrund der Digitalisierung“, heißt es dort.

Vor allem die Kommunen müssten nachlegen. Nach Rechnung der GEW entfallen von dem bundesweiten Mehrbedarf von rund einer Milliarde Euro gut zwei Drittel auf die kommunalen Schulträger, 105 Millionen auf die berufsbildenden Schulen in privater Trägerschaft und 83 Millionen auf die Länder – insbesondere für Fortbildung und Anrechnungsstunden der Lehrkräfte. Die Gewerkschaft sieht allerdings auch die Unternehmen in der Verantwortung: „Sie sollen sich für die Ausstattung der Auszubildenden mit digitalen Endgeräten jährlich mit 169 Millionen Euro beteiligen“, sagte der Co-Autor der GEW-Studie Roman George.

Auch Schwächen bei dualer Ausbildung

Die Autoren berechnen die Kosten pro Schüler mit jährlich 387 Euro für typische Azubis in einer dualen Ausbildung, die die Berufsschule in Teilzeit besuchen. Für Schüler einer Ausbildung, die komplett an einer beruflichen Schule stattfindet, veranschlagen sie 470 Euro pro Jahr.

Doch die Digitalisierung ist bei Weitem nicht das einzige Problem der Berufsschulen: Ebenfalls an diesem Montag haben das Handwerk und der Deutsche Gewerkschaftsbund auf einer gemeinsamen Veranstaltung für eine bessere duale Ausbildung geworben – um so die Betriebe auch in Zukunft mit Fachkräften versorgen zu können.

Dazu fordern beide Organisationen auch eine Stärkung der beruflichen Schulen. „Insbesondere der Lehrkräftemangel, die räumliche und technische Ausstattung der Schulen sowie ein erreichbares Angebot in ländlichen Räumen sind unabdingbar“, heißt es in ihrem Forderungskatalog.

In einer Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hatten sich die Betriebe unlängst hochgradig unzufrieden über die Berufsschulen gezeigt: Nicht mal ein Drittel lobte die Kooperation und war mit der Vorbereitung der Azubis auf die Digitalisierung zufrieden. Jeder Dritte beklagte die zu geringe Zahl der Berufsschullehrer und ihre fehlende Digitalkompetenz – noch mehr kritisierten die technische Ausstattung.
Der Mangel an Berufsschullehrern „schwächt unser Ausbildungssystem, nimmt Jugendlichen wichtige Bildungschancen und schadet der Wirtschaft“, warnte schon im Herbst 2018 der Vorstand der Bertelsmann Stiftung Jörg Dräger. Nach einer Studie der Stiftung geht bis zum Jahr 2030 fast die Hälfte der rund 125.000 Berufsschullehrer in den Ruhestand.

Allein bis 2020 benötigen Berufsschulen daher jährlich durchschnittlich 4000 neue Lehrer. Ausgebildet werden derzeit allerdings nur rund 2000 Lehrkräfte pro Jahr, heißt es in der Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm. Demnach „klafft auch bei den Berufsschulen eine gewaltige Lücke zwischen Bedarf und dem Angebot an Lehrkräften“.

Lehrermangel noch größer als erwartet

Ähnlich wie beim allgemeinen Lehrermangel dürften jedoch auch diese Zahlen mittlerweile überholt sein. Denn die amtliche Statistik hatte die Bevölkerungsprognose im Juni 2019 nach oben korrigiert. Daher sei zu erwarten, dass auch die Zahl der Berufsschüler und damit der Mangel an den Berufsschullehrern größer ausfalle als noch 2018 prognostiziert, mutmaßen die Autoren der Bertelsmann Stiftung. Die Zahlen für das künftige Defizit an Grundschullehrern hatte Klemm bereits nach oben korrigiert. In Kürze legen auch die Kultusminister ihre Prognose vor, die sie künftig jährlich anpassen.

Mehr: Immer mehr Auszubildende kritisieren ihre Arbeitsbedingungen. Die Betriebe könnten daran viel ändern – vor allem in Sachen Digitalisierung gibt es Nachholbedarf.

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