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Baustoffengpässe Deutsche Wirtschaft fordert wegen Rohstoffknappheit schnelles Handeln der EU

Immer mehr Branchen melden Engpässe bei der Versorgung mit Rohstoffen. Ökonomen sorgen sich um den Aufschwung nach der Pandemie. Das Handwerk spricht von einem „Konjunkturkiller“.
19.05.2021 - 05:00 Uhr 2 Kommentare
Vor allem bei Bauholz kam es zuletzt zu Lieferengpässen und starken Preisanstiegen. Quelle: dpa
Holz

Vor allem bei Bauholz kam es zuletzt zu Lieferengpässen und starken Preisanstiegen.

(Foto: dpa)

Berlin Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat die EU angesichts der Knappheit von Rohstoffen zum Handeln aufgefordert. „Die EU ist mit Blick auf die Stärkung ihrer strategischen Souveränität gefordert, sich zügig mit Lieferengpässen und Kapazitätsaufbau zu befassen“, sagte Wolfgang Niedermark, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung, dem Handelsblatt.

Die Corona-Pandemie sowie die derzeitigen geringen Transportkapazitäten führten zu hohen Mehrkosten für Transporte über den Seeweg, steigenden Rohstoffpreisen und erheblichen Lieferverzögerungen. „Das verursacht Störungen in den Produktionsabläufen.“

Europa sei bei verschiedenen Rohstoffen „gefährlich abhängig“ von einzelnen Lieferanten oder Liefergebieten, gab Niedermark zu bedenken. Gleiches gelte für die Halbleiterherstellung. „Wegen der Bedeutung von Halbleitern für die Industrie muss Europa verloren gegangene Kompetenzen und Kapazitäten mit staatlicher Unterstützung wieder zurückholen“, mahnte der BDI-Experte. Zumal die Gefahr von Versorgungsengpässen real sei. Digitalisierung, Energiewende und Elektromobilität würden die Nachfrage nach Rohstoffen für Zukunftstechnologien weiter treiben.

Auch das Handwerk zeigte sich alarmiert. Die Preisexplosion bei gleichzeitigen massiven Lieferengpässen bei vielen Baumaterialien seien eine „Belastung für die Handwerks- wie die Konjunktur insgesamt“, sagte der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, dem Handelsblatt.

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    Sollte sich die Situation nicht schnell entspannen, werde sich auch die Konjunktur in den Bau- und Ausbaugewerken eintrüben wie auch bei den industriellen Zulieferern, die sich gerade erst wieder langsam erholten.

    Engpässe vor allem bei Bauholz

    „Bisher haben vor allem die Bau- und Ausbauhandwerke das Handwerk durch die Pandemie getragen und als Stabilisator für die Konjunktur gewirkt“, betonte Schwannecke. „Die Politik ist deshalb aufgefordert, alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen, damit die Verwerfungen auf dem Baumaterialienmarkt nicht zum Konjunkturkiller werden.“

    Grafik

    Die Warnung des Handwerks kommt nicht von ungefähr. Vor allem bei Bauholz kam es zuletzt zu Lieferengpässen und starken Preisanstiegen. Kostenzuwächse von bis zu 300 Prozent im Jahresvergleich seien keine Seltenheit, hieß es zuletzt aus der Zimmereibranche. Doch auch andere Branchen leiden unter Engpässen bei der Versorgung mit Rohstoffen, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt.

    Aus Sicht der Forscher könnten die Knappheiten einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung nach der Coronakrise gefährden. „Vor allem mit dem erneuten Einstieg in die gesellschaftliche und ökonomische Normalisierung infolge der Impffortschritte und der damit einsetzenden Entladung des aufgestauten Konsums halten diese Engpässe die konjunkturelle Erholungsdynamik zurück“, heißt es in dem Papier, das dem Handelsblatt vorliegt.

    Um die Belastungen der deutschen Wirtschaft durch Lieferengpässe bei Gütern wie Bauholz oder Computerchips zu ermitteln, hat das IW eine Blitzumfrage unter 23 betroffenen Wirtschaftsverbänden durchgeführt. Die Befragung fand im Zeitraum vom 3. Bis zum 11. Mai 2021 statt.

    SPD-Minister für EU-Exportstopp bei Rohstoffen

    Demnach sehen gut 40 Prozent der befragten Branchenverbände derzeit kurzfristig starke Risiken durch inländische Lieferengpässe. Das gilt zum Beispiel für die Automobil- und Kunststoffindustrie, die Textil- und Lederindustrie, das Baugewerbe oder die Maler und Lackierer. Ein weiteres Drittel der Verbände, wie etwa die Maschinen- und Anlagenbauer, registriert eine mittelschwere Beschränkung. Bei den ausländischen Vorleistungen sei dies nur unwesentlich anders.

    Die Aussichten für die kommenden Monate werden zwar etwas besser bewertet, liefern aber laut IW keinen Grund zur Entwarnung. „Viele Engpässe werden in den nächsten Monaten verschwinden, einige Problemfälle werden aber länger anhalten“, sagte Hubertus Bardt, Studienautor und Geschäftsführer des IW, dem Handelsblatt. „Gerade fehlende Halbleiter können noch länger zu Produktionsausfällen in den unterschiedlichsten Branchen führen.“

    Für die Politik sieht Bardt „nicht viel“ Handlungsspielraum. „Sie muss vor allem die Grenzen für den Warenverkehr offen halten, damit sich die Engpässe so schnell wie möglich auflösen können.“ Kritisch sieht das IW die von mehreren SPD-Landeswirtschaftsministern ins Spiel gebrachten Exportbeschränkungen. Einen „direkten Eingriff in die Einkaufspolitik der Unternehmen“ dürfe aus der Rohstoffknappheit in der EU nicht abgeleitet werden. „Dies ist unternehmerische Verantwortung.“

    Auch der BDI lehnt einen Exportstopp ab. „Wir haben es doch in der Pandemie erneut gelernt: Exportbeschränkungen sind kontraproduktiv“, sagte BDI-Experte Niedermark. „Sie verleiten andere Länder zu Gegenmaßnahmen, unter denen gerade die Handels- und Industrienation Deutschland leiden würde.“

    Niedermark verwies darauf, dass Unternehmen in ihrem eigenen Interesse dabei seien, ihre Lieferketten zu diversifizieren und alternative Beschaffungswege aufzubauen. „Die Stärkung der Kreislaufwirtschaft, ein Ausbau der heimischen Förderung sowie steuerliche Anreize für Lagerhaltung von kritischen Rohstoffen sind wichtige politische Schlüssel, um die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren und Resilienz aufzubauen“, sagte er.

    Die Wirtschaftsminister aus Thüringen und dem Saarland, Wolfgang Tiefensee und Anke Rehlinger (beide SPD), plädierten zuletzt für zeitweilige Exportbeschränkungen als letztes Mittel, um das Problem in den Griff zu bekommen und Engpässe bei Unternehmen zu beheben.

    Welche Sonderfaktoren Engpässe verursachen

    Unter anderem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) lehnt einen zeitweiligen Exportstopp ab. Bei einer Videoschalte mit den Wirtschaftsministern der Länder am vergangenen Mittwoch hatte Altmaier einen runden Tisch zu dem Thema angekündigt.

    Laut IW kommen bei Rohstoffknappheiten vielfach verschiedene Faktoren zusammen. Als Beispiel nennt das Institut etwa die fehlende Verfügbarkeit von Halbleitern. Die Lieferproblematik, die in der Autoindustrie bereits zu Produktionsunterbrechungen in Deutschland geführt hat, ist auch auf die hohe Nachfrage nach Unterhaltungselektronik, den Ausfall von Produktionskapazitäten und den zusätzlichen Lageraufbau aufgrund von Handelskonflikten zurückzuführen. Dies führt letztlich zu Lieferengpässen für eine Reihe von Produkten, aber auch zu höheren Preisen.

    Bei anderen Rohstoffen ist die Entwicklung ähnlich. So bewegten sich Metalle gemessen am Industriemetallpreisindex (IMP-Index) auf „Rekordniveau“. Auch der Holzpreis sei in den letzten Monaten „deutlich angestiegen“, konstatiert das IW.

    Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch eine Umfrage des Ifo-Instituts. Danach wird die deutsche Baubranche von einem „erheblichen“ Materialmangel wie seit Jahrzehnten nicht mehr gebremst. „Das ist ein beispielloser Engpass seit 1991“, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Analyse des Münchener Forschungsinstituts. Durch den Materialmangel sei es im April zumindest vorübergehend zu einer Beeinträchtigung der Bautätigkeit gekommen.

    Der deutschen Baubranche fehlt es immer häufiger an Material. Quelle: dpa
    Wohnungsbau

    Der deutschen Baubranche fehlt es immer häufiger an Material.

    (Foto: dpa)

    Im April hätten 23,9 Prozent der befragten Firmen im Bereich Hochbau über Probleme berichtet, rechtzeitig Baustoffe zu beschaffen, hieß es. Zum Vergleich: Im März lag der Anteil nach Angaben des Ifo-Instituts nur bei 5,6 Prozent. Die Umfrage fand im Rahmen der monatlichen Erhebung zum Ifo-Geschäftsklima statt. Nach Angaben des Forschungsinstituts haben an der Befragung etwa 800 Firmen aus dem Bausektor teilgenommen.

    Das Ifo-Institut verwies auch auf Sonderfaktoren, die derzeit die Holzbranche unter Druck setzen. Demnach könnte auch ein vergleichsweise starker Wintereinbruch in Teilen der USA Holzproduktion, Weiterverarbeitung und Transport verzögert haben.

    Sondereffekte für Knappheiten sehen auch die IW-Forscher:

    • Für einige Produkte sei schlichtweg die Nachfrage in der Coronakrise deutlich angestiegen. Exemplarisch nennen die Experten Fahrräder und ausgewählte Güter im Gesundheitsbereich.
    • Eine weitere Ursache sieht das IW darin, dass es zu einem Einbruch infolge der Lockdown-Maßnahmen und dann zu einer überraschend schnellen Erholung gekommen sei, worauf sich Lieferanten nicht hätten rechtzeitig einstellen können. Die Erholung des Welthandels und damit der Nachfrage nach deutschen Exportgütern sei im Vergleich mit früheren Krisen „erheblich schneller“ verlaufen. „Damit entsteht ein Lieferstau, der langsam abgearbeitet werden kann.“
    • Ähnlich sieht es beim globalen Warentransport aus, der noch immer durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt ist. „Nach der Vollbremsung der Weltwirtschaft und des Welthandels vor einem Jahr muss vieles nachgeliefert werden“, analysieren die IW-Forscher. Vor allem auf dem Weg von China nach Europa stocke es, weil beispielsweise Container und zum Teil auch Schiffsbesatzungen fehlen.
    • Lieferprobleme resultieren laut IW außerdem aus Einzelereignissen. Der Brand von Halbleiterfabriken oder die zwischenzeitliche Blockade des Suezkanals hätten die Situation weiter verschärft. „Während dieser für den Welthandel wichtige Schifffahrtsweg wieder frei ist, lassen sich zerstörte Produktionskapazitäten nicht ohne Weiteres ersetzen“, heißt es in der Studie der IW-Forscher.
    • Auch Handelskonflikte trügen zu Knappheiten bei. Als Beispiel nennt das IW chinesische Elektronikhersteller, die sich mit Chips eingedeckt haben sollen, um sich vor möglichen Handelskonflikten zu schützen.

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    2 Kommentare zu "Baustoffengpässe: Deutsche Wirtschaft fordert wegen Rohstoffknappheit schnelles Handeln der EU"

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    • Zusätzlich zu den ganzen Problemen fordern die Marktradikalen Zinserhöhungen durch die EZB. Ha, ha! Gibt es dann bei höheren Zinsen mehr Bauholz? Es darf kräftig gelacht werden. Karneval bei den Marktradikalen. Nach den Ideen der Marktradikalen, nach Friedrich August von Hayek, darf doch die übrige Welt die europäischen Märkte leerkaufen. Das ist stramm libertär.

    • Es sind nicht nur die Rohstoffe, es sind auch Installationsmaterialien, beides wird gerne von China und USA "weggeschnappt" - dort ist die Kaufkraft in den letzten Jahren deutlich gestiegen - in EU nicht! Dank einer chaotischen Energie-, Steuer- und Abgabenpolitik.
      Es ist immer eine Frage des Preises - siehe auch Corona Impfstoff - USA-Israel-England-China. EU ist abgehängt.

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