Bayern Wahl 2018

Bayernwahl Der Herbst des Patriarchen – Wie Horst Seehofer um seine politische Zukunft kämpft

Die CSU wankt auf eine Katastrophe bei der Bayernwahl zu. Parteichef Horst Seehofer kämpft um mehr als seine Macht. Es geht um seine Existenz.
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„Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Überzeugung“, sagte der Politiker bei einem Wahlkampfauftritt. Quelle: Peter Rigaud/Shotview für Handelsblatt
Horst Seehofer

„Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Überzeugung“, sagte der Politiker bei einem Wahlkampfauftritt.

(Foto: Peter Rigaud/Shotview für Handelsblatt)

Berlin, IngolstadtDie Sonne steht niedriger jetzt, und das Licht, mit dem sie das Ministerbüro flutet, ist warm und weich. Horst Seehofer kann über die Spree hinweg aufs Kanzleramt schauen, unten die Touristenboote schippern sehen. Von der Chefetage des Innenministeriums aus betrachtet, scheint das Regierungsviertel ein friedlicher Ort zu sein. Aber Seehofer kennt Berlin zu gut; er weiß es besser.

Der Händedruck ist freundlich, sein Bariton brummt: Wer ihm zum ersten Mal gegenübertritt, wundert sich über die sanfte Ruhe des Ministers. Das soll der Mann sein, der Deutschland spaltet, die Bundesrepublik destabilisiert?

Seine Schultern hat er hochgezogen, wie zum Schutz, als ginge er in Deckung vor den Vorwürfen, die auf ihn einprasseln. Seehofer sagt: Wenn bis elf Uhr morgens keine Rücktrittsforderung eintreffe, sei es ein guter Tag in Berlin. Das Idyll draußen vor den Fenstern trügt. Die sanfte Ruhe des Mannes drinnen auch.

Macht ist eine Droge, und wie jede Droge macht sie einsam. Müsste Seehofer sein Amt morgen räumen, bräuchte er keine Kisten zu packen. Es gibt in seinem Büro fast nichts Persönliches, kein Gemälde, kein Familienfoto. Nur ein schlichtes, hölzernes Kreuz. Er hat es zwischen die großen Fenster an die Wand nageln lassen. „Das Leben ist trotzdem schön“, das ist ein Satz, den Seehofer jetzt öfter sagt.

Wenn Seehofer in diesen Tagen über sich selbst spricht, klingt es anders als früher, larmoyanter. Der Minister zitiert dann die Berichte über „den bösen Seehofer“, der wieder dies oder jenes verbrochen haben soll. Ironie war einmal seine Stärke. Heute fügt er lieber noch hinzu: „Böse in Anführungszeichen, bitte.“ Sicher ist sicher.

Seehofer fühlt sich falsch verstanden, sieht sich als Opfer einer Kampagne. Er ärgert sich über sein Image: das des Unruhestifters, des Gefährders. Aber es wirkt nicht so, als habe er noch die Kraft, es zu korrigieren. Seehofer ahnt: Diese Schlacht ist seine letzte.

Partei ohne Orientierung

Der Herbst des Patriarchen der CSU fällt in den bayerischen Wahlkampf. Die Umfragen deuten auf ein Debakel für seine Partei hin. Die CSU hat alles versucht, weshalb sich die deutsche Politik seit Monaten in Aufruhr befindet. Doch gegen den Aufstieg der AfD hat die CSU kein Mittel gefunden, gegen den Höhenflug der Grünen auch nicht.

Am jähen Rechts-Schwenk der CSU wäre die Bundesregierung im Sommer fast zerbrochen. Der hastige Rückzug in die Mitte ließ die Partei orientierungslos wirken. Der Wahlkampf der CSU lässt sich als Verkettung von Verzweiflungstaten deuten. Die Wähler wenden sich in Scharen ab.

In der Partei glaubten sie lange, sie müssten nur um die absolute Mehrheit bangen. Die Vorstellung, die Macht zu teilen, ist für die alleinherrschaftsverwöhnten Christsozialen grausam genug. Jetzt aber stellt die Partei fest, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte: Sogar der Machtverlust ist denkbar, eine Regierungsmehrheit, ohne CSU. In Bayern scheint sich ein Gefühl auszubreiten, das dem Freistaat bisher so fremd wie Labskaus war: Wechselstimmung.

Die CSU begreift sich als letzte Volkspartei in Deutschland. Ach was, in ganz Europa. Demut hat sie nie gelernt. Der Verlust der Macht würde den Verlust ihrer Identität bedeuten. Seehofer ist Chef dieser aufgewühlten, zutiefst verunsicherten Partei. Doch wenn er auf Bayern zu sprechen kommt, preist er ein Erfolgsmodell: Rekordwachstum, Rekordbeschäftigung, Nummer eins in Deutschland – egal, in welcher Disziplin.

Er hat sich an den Konferenztisch in seinem Büro gesetzt. Der Kaffee vor ihm ist längst kalt. Er trinkt ihn dennoch, leert seine Tasse fast in einem Zug. Mit dem sich abzeichnenden Wahldesaster will Seehofer nichts zu tun haben, er habe seinem Nachfolger als Ministerpräsident ein Land in bester Ordnung überlassen. So sieht er das. „Ich stehe nicht zur Wahl“, sagt er. „Ich habe den eisernen Grundsatz: Ich unterstütze Markus Söder, mische mich aber nicht in seine Kampagne ein.“

Soll heißen: Wenn der den Karren an die Wand fährt, ist er selbst schuld. Hinter Seehofers sanft-ruhiger Fassade blitzt eine Gerissenheit auf, an der selbst der ruchlose Machttheoretiker Niccolò Machiavelli seine Freude hätte.

Vertreibung aus Bayern

Söder und Seehofer als Rivalen zu beschreiben wäre noch freundlich, Intimfeinde trifft es besser. Sie bekriegen sich seit Jahren. Seehofer hat Söder einmal auf einer Weihnachtsfeier der CSU abgekanzelt, charakterliche Schwächen habe dieser, sei vom „Ehrgeiz zerfressen“. Söder soll der „Bild“ gesteckt haben, dass Seehofer ein uneheliches Kind in Berlin hat.

Vergangenes Jahr nach dem ernüchternden Abschneiden der CSU bei der Bundestagswahl beugte sich Seehofer dem Drängen seines Rivalen. Er räumte die bayerische Staatskanzlei, zog um ins Bundesinnenministerium, den Parteivorsitz behielt er. Seehofer hat Bayern einmal als die „Vorstufe zum Paradies“ bezeichnet. Er hat seine Vertreibung daraus nie verwunden. Der Machtkampf ging in einen Kalten Krieg über.

Beide, Seehofer und Söder, treibt der unbedingte Machtwille, schon deshalb kann ihre Koexistenz kaum funktionieren. Aber genau das müssen sie jetzt – koexistieren, auf einer Bühne. Vergangenen Montagabend in Ingolstadt: Passenderweise hat die CSU ein Theater angemietet. Zwei Männer, die nicht das Geringste füreinander übrighaben, müssen Einigkeit inszenieren.

Wie wenig glaubwürdig die Darbietung ist, zeigt der Streit über die Schuld an der Lage der CSU, der seit Tagen vor sich hin schwelt. Seehofers Versuche, sich aus der Verantwortung zu reden, hat Söder kühl gekontert. Die Umfragen? „Berliner Werte“, wetterte der Ministerpräsident. Vorhang frei, Einmarsch zu Heldenmusik. Kurz stehen Seehofer und Söder beieinander, Seit‘ an Seit‘.

Die Wahlkampfregie erfordert Geschlossenheit, zum Wohle der Partei und zum Wohle Bayerns. Aus CSU-Sicht gibt es da keinen Unterschied. Seehofer und Söder sind Profis, aber die große Schauspielkunst ist es nicht, die sie da bieten. Mehr als ein flüchtiges Schulterklopfen und einen distanzierten Händedruck bringen sie nicht zustande. Schröder und Lafontaine haben die Ziemlich-beste-Freunde-Nummer einst besser hinbekommen.

Söder ist sehr darum bemüht klarzustellen, wer der starke Mann der CSU ist. Er redet frei und mit vollem Körpereinsatz, tänzelt hinter seinem Pult, ballt die Faust, hebt den Zeigefinger, breitet die Arme aus. In Zeiten der „Zerfaserung und Zersplitterung“ brauche es eine Kraft, die Zusammenhalt biete. Er wolle seinem Land die Stabilität bieten, die es verdiene.

So klingt es, wenn Söder über Söder spricht, keine Spur von Larmoyanz, dafür eine Extraportion Hybris. Sein vielfach verspottetes Raumfahrtprogramm streift Söder auch – und schiebt hinterher: „Nicht, dass wir jemanden auf den Mond schießen wollen.“ Gelächter im Publikum. Seehofer muss es über sich ergehen lassen.

Nur ein paar Anmerkungen erlaubt sich der Parteichef nach der „fulminanten Rede“ des „lieben Markus“. Ein Ausrufezeichen setzt er dabei nicht. Seehofer steht fast starr hinter dem Pult, nur sein Kopf bewegt sich vor und zurück. Der Kontrast zum hibbelig-agilen Söder könnte kaum größer sein. „Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Überzeugung“, grollt Seehofer schließlich. So klingt keiner, der noch an seine Zukunft glaubt.

Seehofer wird kämpfen

„Wenn es schlimm kommt am Sonntag, trifft es Seehofer zuerst“, sagt einer, der gut in der CSU verdrahtet ist. Die Partei ist wenig zimperlich, wenn es um den Austausch ihres Spitzenpersonals geht. Edmund Stoiber weiß davon zu berichten: Ministerpräsident von 1993 bis 2007, fast auf Augenhöhe mit CSU-Ikone Franz Josef Strauß – und dann erbarmungslos vom Hof gejagt.

Seehofer weiß, was ihm blüht. Doch kampflos, das ist sicher, wird er seinen Posten nicht räumen, weder den Parteivorsitz noch das Ministeramt. Politik ist sein Leben, es geht um seine Existenz.

Er stand schon einmal vor dem Nichts. 2004 trat er als Fraktionsvize zurück, weil er, der überzeugte Sozialpolitiker, die Kopfpauschale im Gesundheitssystem nicht mittragen wollte. Die Episode hat ihn geprägt, vor allem, weil er sich inzwischen bestätigt fühlt. Stolz erzählt er, wie er sich den „Neoliberalen“ entgegengestellt habe, als diesen der Zeitgeist noch kräftig in die Segel blies.

Seehofer ist kein Kopf-, er ist ein Bauchmensch: Er vertraut seinen Instinkten. So war es auch in der Flüchtlingskrise. Er ahnte, dass die anfängliche Euphorie schnell verfliegen würde. Sein jahrelanger Widerstand kumulierte diesen Sommer im Showdown mit der Kanzlerin.

Angela Merkel war geschwächt, auch in der CDU rumorte es. Seehofer ging zum Angriff über – von Söder kräftig angefeuert. Es war der Ministerpräsident, der die AfD-Vokabel vom „Asyltourismus“ übernahm und kurzerhand das Ende der Ära des „geordneten Multilateralismus“ ausrief. Jetzt hat Söder die Rolle gewechselt, gibt den Landesvater, den großen Versöhner. Und Seehofer, der sich selbst als Mann des sozialen Ausgleichs sieht, steht als Spalter da.

Zurück nach Berlin, ins Ministerbüro. Seehofer sinniert im weichen Herbstlicht über die Erfolge der Bundesregierung: Stabilisierung der Rente, Fortbildungsfinanzierung, Senkung des Arbeitslosenversicherungsbeitrags, Mieterschutznovelle, Baukindergeld, Städtebauförderung. Und, und, und. Das einzige Problem sei der permanente Streit. „Nickeligkeiten“ nennt er das.

Was macht die Macht aus einem Menschen? Einen Gefangenen seiner selbst erschaffenen Welt. In Seehofers Welt ist er die pure Unschuld. Der Asylstreit? Ist doch längst vergessen, findet er. Die Debatte um Verfassungsschutzpräsident Maaßen? Lächerlich. Der Minister sitzt mit gekrümmtem Rücken da, greift noch einmal nach seiner Kaffeetasse. Seehofer versichert: Er habe das alles nicht gewollt.

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