Bayern Wahl 2018

TV-Kritik Bei „Anne Wills“ Talkrunde zur Bayernwahl krachte es erstaunlich wenig

„Anne Will“ diskutierte die Bayernwahl unter anderem mit Dorothee Bär, Annalena Baerbock und Jörg Meuthen. Ein Vertreter der Freien Wähler hätte der Talkshow gutgetan.
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Anne Will im Gespräch mit Annalena Bearbock von den Grünen (links) und Dorothee Bär (CSU).
„Anne Will“

Anne Will im Gespräch mit Annalena Bearbock von den Grünen (links) und Dorothee Bär (CSU).

BerlinMit Diskussionen über die „krachenden Watschen für die Platzhirsche“ bei der bayerischen Landtagswahl machte Anne Will auf ihre Talkshow am Sonntagabend gespannt. Doch krachte es über weite Strecken der Sendung dann erstaunlich wenig.

Als Vertreterin der CSU, die künftig nicht mehr alleine regieren kann, saß Dorothee Bär im Berliner Studio. Die erste Antwort der stellvertretenden Parteivorsitzenden und Digital-Staatsministerin im Bundesverkehrsministerium blieb die beste. Auf Wills Seehofer-Söder-Frage, also welche der beiden verzankten CSU-Führungsfiguren denn mehr Schuld an den Verlusten trüge, entgegnete sie: „Jetzt hätte ich fast flapsig gesagt: 'Männer'“.

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Das blieb die überraschendste Bemerkung. Gleich bog Bär auf die von Ministerpräsident Söder in der „Tagesthemen"-Kurzausgabe direkt zuvor vorgegebene Linie: Das Wahlergebnis sei doch gar nicht so übel, besser jedenfalls als die Umfragewerte der Wochen davor.

Dem AfD-Parteivorsitzenden Jörg Meuthen sagte Bär kurz darauf, das Elf-Prozent-Ergebnis seiner Partei in Bayern sei angesichts viel höherer Erwartungen eine „ganz große Klatsche für Sie“. Das sah Meuthen natürlich gar nicht so. Auch er blieb im Rahmen der Erwartungen. Die CSU sei „tief unglaubwürdig“ gewesen, Bundesinnenminister Seehofer könne sich in Berlin „überhaupt nicht durchsetzen“, die Parteien der Groko seien „Volksparteien im Niedergang“. Fortan kam er erst mal wenig zu Wort, konnte sich angesichts des Streits der anderen aber zufrieden zurücklehnen.

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock freute sich außer über das Ergebnis ihrer Partei auch über die gestiegene Wahlbeteiligung, die von neuer „Lust auf Demokratie und Politik“ zeuge, sowie über das schlechte Ergebnis der CSU. Das habe gezeigt, „dass man mit einem Kurs, der Rechtspopulisten hinterherläuft, drastisch verliert“. Melanie Amann, Redakteurin im Hauptstadtbüro des „Spiegel“, brachte das Dilemma der Partei auf den Punkt: „Den einen war die CSU zu lasch, der anderen zu krass.“

Mit dem Münchener Politikwissenschaftler Michael Koß gastierte noch ein Nicht-Politiker im Studio. Europaweit funktioniere das alte Links-Rechts-Schema nicht mehr, pflichtete er bei. Das bayerische AfD-Ergebnis nannte er „das Ergebnis harter Arbeit – von Horst Seehofer“ und schlug anschließend immer weitere Erzählbögen zu Seehofer als „Racheengel“, wobei jedoch Oskar Lafontaine „die Mutter aller Racheengel“ sei. Mit den tagespolitischen Interessen der übrigen Gäste hatten Koß' Erzählungen zusehends wenig zu tun.

Ach ja, die SPD war ebenfalls vertreten. Der Haupt-Wahlverlierer, dem ARD-Zahlenfuchs Jörg Schönenborn in den „Tagesthemen“ noch quasi zum Ausstieg aus der Koalition geraten hatte (weil seinen Daten zufolge 88 Prozent der verbliebenen SPD-Wähler sich eine Erneuerung der Partei in der Opposition wünschten ...), ließ sich im Berliner Studio pfiffigerweise vom Hannoveraner Innenminister vertreten. Boris Pistorius brachte noch Selbstbewusstsein von der niedersächsischen Landtagswahl genau ein Jahr zuvor mit. Aus der Großen Koalition auszutreten sei „jetzt überhaupt keine Alternative“, sagte er, der ebenfalls in einer Groko regiert. „Als Juniorpartner in einer Großen Koalition sind Sie immer doppelt so leidtragend wie der große Partner“, lautete seine erstaunlichste Analyse.

Leichter verständliche Sätze („Man kann nicht heute die Sau durchs Dorf treiben und morgen die.“) hatte der Niedersachse aber auch mitgebracht, und sogar einen aus dem Fußball-Bereich: „Dem HSV haben häufige Trainerwechsel den Abstieg nicht erspart, ergo würden Personalwechsel auch der SPD nicht helfen.“

So spannte sich ein wenig fruchtbarer Austausch erwartbarer Positionen aus. Obwohl zuletzt nicht wenige Beobachter eine schwarz-grüne Koalition in München erwartet hatten, demonstrierten Bär und Baerbock kaum Einigkeit. Die Frage, ob so eine Koalition möglich sei, stellte die Moderatorin den beinahe gleich jungen Frauen nicht.

Ein gutes Bär-Argument lautete, dass es in Bayern anders als in anderen Bundesländern das „Phänomen der Freien Wähler“ gibt. Tatsächlich wäre interessant gewesen, einen Vertreter dieser jenseits Bayern kaum bekannten Gruppierung, die nun wohl über die nächste Landesregierung mitentscheidet, im Talkshow-Studio zu sehen. Die gepflegte Routine dort hätte das vermutlich aufgebrochen.

Wobei, heftiger diskutiert wurde gegen Ende doch noch – Baerbock lobte die große „#unteilbar"-Demonstration am Samstag in Berlin. AfD-Chef Meuthen sprach von einer „Wohlfühl-Demonstration“ und forderte die Grünen auf, sich von „linksextremer Gewaltaffinität“, die dort geäußert worden sei, zu distanzieren.

Im Gegenzug wurde er aufgefordert, sich von Äußerungen aus seiner Partei zu distanzieren. Tatsächlich dokumentierte ein spät gezeigter Einspieler eine rassistische Äußerung im bayerischen AfD-Wahlkampf, tatsächlich distanzierte Meuthen sich, bloß glauben mochte ihm niemand.

Und Anne Will staunte über die „beinharten Auseinandersetzungen“, die sich auf einmal ergaben. Dabei läuft es doch oft so, wenn AfD-Vertreter in Talkrunden sitzen. Das könnte von den Moderatoren inzwischen durchaus vorhergesehen und ein wenig gesteuert werden.

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