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Bertelsmann Stiftung Bundesweit fehlen rund 100.000 zusätzliche Erzieher

In manchen Ecken der Republik muss sich ein Erzieher um 13 Kita-Kinder kümmern, wie die Bertelsmann Stiftung berechnet. In einigen Ländern ging das Personal sogar zurück.
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Deutschland: Bundesweit fehlen rund 100.000 zusätzliche Erzieher Quelle: dpa
Kinder in der Kita

Insgesamt hängen die Bildungschancen noch immer stark vom Wohnort ab, zeigen aktuelle Daten der Bertelsmann Stiftung.

(Foto: dpa)

Berlin Der Personalmangel in deutschen Kitas wirkt sich nicht nur negativ auf die Qualität der Kinderbetreuung aus, sondern führt auch zu einer hohen Arbeitsbelastung für die Erzieher. Zu diesem Ergebnis kommt das diesjährige Ländermonitoring „Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung.

Zwar habe sich die Zahl der pädagogischen Fachkräfte durch den Kita-Ausbau deutlich erhöht, doch die Personalschlüssel verbesserten sich vielerorts zu langsam, so das Fazit. Demnach stieg die Zahl des pädagogischen Personals von 2008 bis 2018 um 54 Prozent. Statt 379.146 Erzieher gibt es nun 582.125 Fachkräfte. Nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung ist dies eine „enorme Aufstockung“ und ein „erheblicher Erfolg“. Dennoch sei die Betreuungssituation in zahlreichen Kitas aufgrund des Personalschlüssels nicht kindgerecht. Für das bestehende Kita-Personal bedeute dies eine „angespannte Situation“.

Die jüngsten Anstrengungen von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) kommen bei der Bertelsmann Stiftung nicht gut weg. „Das Gute-Kita-Gesetz ist eine vertane Chance“, erklärte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. „Es fehlen im Gesetz bundesweit einheitliche Standards für die Personalausstattung, damit überall kindgerechte Betreuungsverhältnisse und gleiche Arbeitsbedingungen realisiert werden können.“

Derzeit handelt Giffey mit den Ländern Verträge aus, wie das „Gute-Kita-Gesetz“ umgesetzt werden soll. Bis 2022 zahlt der Bund den Ländern insgesamt 5,5 Milliarden Euro. Die Mittel sollen in die Qualität in der frühkindlichen Bildung fließen. Die Länder können allerdings auch die Elterngebühren reduzieren. Alle Verträge sollen bis zum Herbst abgeschlossen sein.

Zuletzt wurden bundesweit laut Statistischem Bundesamt knapp 790.000 Krippenkinder unter drei Jahren betreut sowie 2,4 Millionen Kindergartenkinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt.

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Die aktuellen Berechnungen der Bertelsmann Stiftung lassen nun aufhorchen. Demnach braucht zum Beispiel Sachsen 17.000 zusätzliche Erzieher, Nordrhein-Westfalen 15.600, Berlin 11.900, Thüringen 9100, Brandenburg und Hessen rund 8000 und Bayern 7200.

„Der Fachkräftebedarf wird weiter steigen: Für mehr Plätze, eine gute Kitaqualität und den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder brauchen wir mehr Erzieherinnen und Erzieher“, warnte Stiftungsvorstand Dräger. Diese seien nur zu gewinnen und zu halten, wenn die Arbeitsbedingungen gut und attraktiv seien. „Kindgerechte Personalschlüssel sind dafür eine wichtige Stellschraube.“

Insgesamt fehlen demnach bundesweit fast 106.500 zusätzliche Fachkräfte, um die Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung zu realisieren. Die sehen vor, dass für eine kindgerechte Betreuung in Krippengruppen maximal drei Kinder auf eine pädagogische Fachkraft kommen und in Kindergartengruppen 7,5 Kinder. Dafür würden zusätzliche Personalkosten von fünf Milliarden Euro pro Jahr entstehen.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Im Schnitt war eine vollzeitbeschäftigte pädagogische Fachkraft in Krippengruppen rein rechnerisch zum Stichtag 1. März 2018 für 4,2 Kinder zuständig. In Kindergartengruppen war ein Erzieher für 8,9 Kinder da.

Das ist eine Verbesserung gegenüber dem Jahr 2013, in dem der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz eingeführt wurde. „Die im bundesweiten Durchschnitt verbesserten Personalschlüssel verdecken die unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken in den Ländern“, heißt es dazu aber im Bertelsmann-Ländermonitoring. In Ländern wie Bremen und Thüringen hat sich demnach die Personalausstattung sowohl in Krippen- als auch Kindergartengruppen verschlechtert oder sie stagniert.

Beispiel Thüringen: Hier ist derzeit ein Erzieher in Krippengruppen für 5,5 Kinder zuständig. Die Personalsituation hat sich damit gegenüber 2013 (1 zu 5,4) kaum verändert. In den Kindergartengruppen hingegen gab es sogar eine leichte Verschlechterung. Hier kümmerte sich 2013 ein Erzieher um 11,2 Kinder, im Jahr 2018 waren es 11,6 Kinder.

In Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Hamburg hingegen haben sich laut Monitor die Personalschlüssel von einem ungünstigen Ausgangsniveau deutlich verbessert. Baden-Württemberg konnte in Krippe und Kita seine bereits günstigen Personalschlüssel sogar weiter ausbauen. Hier zeigen sich bundesweit die besten Bedingungen.

Insgesamt hängen die Bildungschancen noch immer stark vom Wohnort ab, zeigen die aktuellen Daten. So ist in Mecklenburg-Vorpommerns Kindergartengruppen eine Fachkraft für 13,2 und in Baden-Württemberg nur für sieben Kinder zuständig. Im Krippenbereich kümmert sich ein Erzieher in Baden-Württemberg um drei Kinder und in Sachsen um 6,2. „Je nach Land oder auch Kommune muss das Kitapersonal also unter sehr unterschiedlichen Arbeitsbedingungen die Bildung und Entwicklung von Kindern fördern“, heißt es im Ländermonitoring.

Auch innerhalb eines Bundeslandes kann es drastische Unterschiede geben. So besteht zwischen den bayerischen Kreisen und kreisfreien Städten ein großes Qualitätsgefälle. Eine Fachkraft im Landkreis Regen etwa muss 5,2 Krippenkinder betreuen und damit drei Kinder mehr als eine in Straubing mit 2,3 Kindern. Das ist bundesweit die größte regionale Spannweite zwischen den Krippengruppen.

Oder Rheinland-Pfalz: Hier betreut eine Fachkraft in Kindergartengruppen in Neustadt an der Weinstrasse mit 11,4 Kindern fast fünf Kinder mehr als im Landkreis Germersheim mit 6,5 Kindern. Das ist bundesweit die größte regionale Spannweite zwischen den Kindergartengruppen.

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Auch die Situation in Mecklenburg-Vorpommern wirft laut Bertelsmann Stiftung ein Schlaglicht auf die Probleme der frühkindlichen Bildung in den Ländern. Das Land hat nach Sachsen-Anhalt und Sachsen die niedrigste Steigerungsrate beim Kita-Personal bundesweit. Beim Personalschlüssel zeigt sich bundesweit der ungünstigste Wert. So muss sich ein Erzieher um sechs Krippenkinder kümmern oder um 13,2 Kindergartenkinder.

„Die Mittel, die Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen des Gute-Kita-Gesetzes komplett für Beitragsfreiheit nutzt, wären dringend notwendig für den Qualitätsausbau“, kritisiert Kathrin Bock-Famulla, Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung. „Schließlich helfen angemessene Personalschlüssel langfristig nicht nur dabei, Bildungschancen zu verbessern, sondern auch mehr Menschen für die Arbeit im herausfordernden Kita-Alltag zu gewinnen.“

Um neue Fachkräfte zu gewinnen, fordert Stiftungsvorstand Dräger Verbesserungen im Ausbildungssystem für Erzieher, also bundesweit eine kostenfreie Ausbildung, eine angemessene Ausbildungsvergütung sowie Renten- und Sozialversicherungspflicht für alle Ausbildungsgänge.

Er empfiehlt zudem, dass sich die Länder auf einheitliche Standards verständigen: „Einheitliche Ausbildungsbedingungen erhöhen auch die Chance für Fachkräfte, in jedem Bundesland in einer Kita zu arbeiten.“ Für diese langfristigen und umfassenden Maßnahmen benötigten die Länder allerdings eine verlässliche, finanzielle Beteiligung des Bundes. „Die Bundesmittel im Gute-Kita-Gesetz müssen angesichts des bestehenden Ausbaubedarfs nach 2022 erhöht werden“, forderte Dräger.

Grundlage des jährlich aktualisierten Ländermonitorings Frühkindliche Bildungssysteme sind Auswertungen von Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder aus der Kinder- und Jugendhilfestatistik und weiteren amtlichen Statistiken.

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