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Bertelsmann-Studie Pflegekosten werden zu einer immer größeren Belastung für Beitragszahler

Eine Studie prophezeit, dass es in Deutschland im Jahr 2045 etwa fünf Millionen Pflegebedürftige gibt. Die Finanzierung der Pflege wird zu einer großen Herausforderung.
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Pflege. Ende 2017 waren rund 3,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik auf Pflegeleistungen angewiesen. (Foto: dpa) Quelle: imago/UPI Photo
Alter Mann im Rollstuhl

Pflege. Ende 2017 waren rund 3,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik auf Pflegeleistungen angewiesen.

(Foto: dpa)

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BerlinGerade erst hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Beitragssatz zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Berechnungen des Forschungsinstituts Prognos zeigen nun: Die Beiträge werden in Zukunft noch deutlich stärker steigen müssen, um den wachsenden Pflegebedarf in der Gesellschaft zu finanzieren.

Aktuell zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer 3,05 Prozent des Bruttoeinkommens für die Pflege, bei Kinderlosen liegt der Beitragssatz bei 3,3 Prozent. Jeweils die Hälfte des Pflegebeitrags zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Spahn hatte erklärt, dass mit dem jüngsten Beitragssprung die Ausgaben für mehr Pflegeleistungen und bessere Arbeitsbedingungen für mehr Pflegekräfte zumindest bis 2022 gedeckt seien.

Laut der Prognos-Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kann er dieses Versprechen voraussichtlich halten. In den folgenden Jahren seien weitere Anhebungen jedoch unvermeidbar. So werde der reguläre Beitragssatz im Jahr 2025 bei 3,25 Prozent liegen.

Fünf Jahre später sind es demnach schon 3,55 Prozent. Bis zum Jahr 2045 wird der Beitrag zur Pflegeversicherung voraussichtlich auf 4,25 Prozent steigen, wie die Bertelsmann-Stiftung mitteilte. Für ein heutiges Durchschnittseinkommen wären das jährlich fast 550 Euro mehr.

In der Analyse, über die zuerst die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet hatte, rechnen die Forscher für 2045 mit fünf Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland. Den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge waren Ende 2017 rund 3,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik auf Pflegeleistungen angewiesen.

Ende 2017 waren rund 3,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik auf Pflegeleistungen angewiesen. Quelle: dpa
Pflege

Ende 2017 waren rund 3,4 Millionen Menschen in der Bundesrepublik auf Pflegeleistungen angewiesen.

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„Nach der erneuten Anhebung des Beitrags zur Pflegeversicherung mit Beginn des Jahres 2019 könnte der Eindruck entstehen, die Versorgung in diesem Bereich sei nun dauerhaft sichergestellt“, erklärte Studienleiter Stefan Etgeton. Dies sei aber keineswegs der Fall. „Zur nachhaltigen Sicherung der Pflege bedarf es zusätzlicher Maßnahmen.“

Die Pflege steht für die Bundesregierung wegen des Fachkräftemangels in der Branche ganz oben auf der politischen Agenda. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im vergangenen Jahr knapp 40.000 Pflegestellen in Deutschland unbesetzt. Altenpflegedienste verzeichneten 23.862 Vakanzen für Fachkräfte und Helfer, in der Krankenpflege waren 15.707 offene Stellen gemeldet.

Spahn brachte im vergangenen Jahr ein Gesetz durch den Bundestag, das zusätzliche Stellen in der Alten- und Krankenpflege schaffen soll. Daneben hat die Bundesregierung die sogenannte Konzertierte Aktion Pflege gestartet: Arbeitgeber und Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und Kirchen, Krankenkassen und Pflegeverbände sollen bis zum Sommer Vorschläge unterbreiten, wie der Pflegeberuf attraktiver werden soll.

In fünf Arbeitsgruppen befassen sich die Beteiligten mit Themen wie einer besseren Bezahlung, einer Entlastung von Pflegenden durch mehr Digitalisierung und einem besseres Arbeitsumfeld, etwa durch Gesundheitsförderung und berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Ende Januar will das Dachgremium der Konzertierten Aktion unter Leitung von Spahn, Arbeitsminister Hubertus Heil und der für Senioren zuständigen Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) eine Zwischenbilanz ziehen.

Der Bundesgesundheitsminister kündigte kürzlich im Handelsblatt an, den Kampf gegen den Fachkräftemangel in diesem Jahr zu forcieren. „Wir wollen die Entlohnung verbessern, Ausbildung und Beruf noch attraktiver machen und Möglichkeiten schaffen, neue Pflegekräfte anzulocken“, sagte er. „Mitte des Jahres“ will Spahn gesetzgeberisch nachlegen.

In der Pflegebranche scheint die frohe Botschaft noch nicht angekommen zu sein. Die Stimmung dort ist von Skepsis und Pessimismus geprägt, wie der im Auftrag des Deutschen Pflegetages erstellte „Care-Klima-Index“ zeigt.

In der Umfrage des Marktforschungsinstituts Psyma unter Pflegekräften, Ärzten, Pflegebedürftigen, Angehörigen sowie Vertretern von Kassen und Verbänden gaben 71 Prozent an, dass die personelle Ausstattung den gegenwärtigen Anforderungen nicht gerecht wird. Dass der Bedarf an Pflegepersonal in den kommenden zehn Jahren gedeckt werden kann, bezweifelten 76 Prozent der Befragten.

Im Vergleich zum Vorjahr sei der Anteil deren, die schlechte Werte für die Arbeitsbedingungen in der Pflege aussprechen, um neun Punkte auf 60 Prozent gestiegen. Die Patientensicherheit werde von 28 Prozent als „niedrig“ eingeschätzt, weitere 53 Prozent sehen sie nur „teilweise gewährleistet“. Fast ein Drittel der Befragten beurteilten die Qualität der Pflege der Umfrage zufolge als „mangelhaft“ – eine Zunahme um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

„Bei den Pflegenden vor Ort zählt, was sich konkret verändert“, sagte der Präsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner, zu den Ergebnissen. Zwar habe die Politik erste Maßnahmen eingeleitet, die im Arbeitsalltag aber noch nicht angekommen seien. Außerdem sei wichtig, „dass alles, was bis jetzt beschlossen wurde, nur erste Schritte sein können, denen weitere dringend folgen müssen.“

Überraschend äußerten 74 Prozent der Befragten, dass die Pflege in der Politik einen niedrigen Stellenwert genieße. Das sind noch einmal fünf Prozentpunkte mehr als 2017 – trotz zahlreicher Aktivitäten der Bundesregierung.

Auch der Pflegebeauftragte der Großen Koalition, Andreas Westerfellhaus, nahm die Zahlen mit Erstaunen auf. Bei der Vorstellung des „Care-Klima-Index“ am Mittwoch in Berlin erinnerte Westerfellhaus an die im vergangenen Jahr angestoßenen Projekte für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Derzeit arbeite die Regierung „mit Hochdruck“ daran, die Vorhaben wie das am 1. Januar in Kraft getretene Pflegepersonalstärkungsgesetz „schnell und unbürokratisch“ umzusetzen. Zugleich machte der Pflegebeauftragte deutlich: „Dass das, was in der Bundesregierung angeschoben wurde, nur einleitende Maßnahmen sind und nicht das Ende der Fahnenstange, dass muss jedem klar sein.“ Damit könnten aber auch der Finanzierungsbedarf und die Beiträge in der Pflege noch weiter steigen, als in der Prognose der Bertelsmann-Stiftung vorhergesagt.

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