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Bertelsmann-Studie Viel zu wenig Erzieher für viele Kita-Kinder

Seit 2015 haben sich die Betreuungsschlüssel in Kitas nicht verbessert, zeigt eine Bertelsmann-Studie. Dramatisch ist das Gefälle zwischen Ost und West.
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Bundesfamilienministerin Giffey (SPD) plant 2019 eine Fachkräfte-Offensive, um mehr junge Menschen für den Beruf des Erziehers zu begeistern. Quelle: dpa
Kindertagesstätte

Bundesfamilienministerin Giffey (SPD) plant 2019 eine Fachkräfte-Offensive, um mehr junge Menschen für den Beruf des Erziehers zu begeistern.

(Foto: dpa)

Berlin Eines darf bei der Sommerreise von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) keinesfalls fehlen: der Besuch einer Kita. Schließlich ist frühkindliche Bildung das wichtigste Thema der Ministerin.

Also besucht Giffey diesen Donnerstag demonstrativ das Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße in Maintal. In die „Kita des Jahres 2018“ kommen täglich 140 Kinder aus mehr als 20 Nationen. Es gibt Tanz- und Musikpädagogen, eine Wald-Gruppe samt Wildnis-Pädagogin und Bildungsreisen der Erzieher ins Ausland.

Eine gute Gelegenheit für Giffey, ihr „Gute-Kita-Gesetz“ zu promoten, das Anfang 2019 in Kraft treten soll. Dann wird der Bund erstmals die Länder bei der Kinderbetreuung finanziell unterstützen. Bis 2022 sollen 5,5 Milliarden Euro fließen. Je nach Bedarf kann eine Kita damit den Betreuungsschlüssel verbessern, eine Sprachförderung einführen, längere Öffnungszeiten anbieten oder Eltern die Gebühren erlassen.

Vor allem die Betreuung lässt noch schwer zu wünschen übrig, zeigt eine neue Bertelsmann-Studie. Im März 2017 war demnach in den Krippen ein Erzieher im Schnitt für 4,3 Kinder zuständig – in den Kindergartengruppen der Drei- bis Sechsjährigen waren es 9,1 Kinder.

Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt maximal drei Kinder pro Erzieher bei den Kleinen und höchstens siebeneinhalb bei den Größeren. Denn die Kleinsten lernen zum Beispiel umso schneller sprechen oder die deutsche Sprache, je häufiger Erwachsene mit ihnen sprechen.

Experten fordern gleiche Standards für alle Kitas

Gegenüber 2012 hat sich die Relation zwar etwas gebessert, doch „seit zwei Jahren stagniert die Ausbaudynamik“, monieren die Bertelsmann-Autoren. In elf Bundesländern habe sich der Betreuungsschlüssel in den Krippen nicht weiter verbessert.

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Zudem verschleiert der Durchschnitt die große Kluft, die sich durch Deutschland zieht: Im Osten, wo traditionell mehr Kinder in Kitas gehen, ist ein Erzieher im Schnitt für sechs Kitakinder da, im Westen nur für knapp vier. Bei Kindergartenkindern steht das Verhältnis 12 zu 8,4. Angleichung ist nicht in Sicht, im Gegenteil.

Und weil Giffey davor zurückschreckt, einheitliche Standards zu verordnen, „droht das Gute-Kita-Gesetz die Situation noch zu verschärfen“, warnt Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger. „Ohne bundesweit einheitliche und gesetzlich geregelte Standards bleibt der Flickenteppich bei der Kita-Qualität.“

Um die Kluft zu schließen, sollte Giffey die Mittel nach der Zahl der Kinder in Betreuungseinrichtungen verteilen, empfiehlt Dräger – so könne der Osten aufholen. Die Ministerin plant derzeit einen Verteilungsschlüssel auf Basis der Zahl der Kinder unter sechs Jahren pro Bundesland.

Auch dass viele Länder aktuell Beitragsfreiheit einführen, schade der Qualität, warnt Dräger. Denn um den nötigen Ausbau zu stemmen, seien jährlich nicht zwei sondern mehr als acht Milliaden Euro nötig, rechnet die Bertelsmann-Stiftung vor. Zudem müsse die Bundeshilfe auf Dauer angelegt sein, nicht nur bis 2023.

Schon der erste Auftritt Giffeys als Bundesministerin fand in der Sprach-Kita „Abenteuerland“ im Berliner Stadtteil Marzhan-Hellersdorf statt. „Gute frühkindliche Bildung schafft die Grundlagen für Chancengleichheit“, beteuerte sie dort. Noch immer seien zu viele Kinder nicht ausreichend vorbereitet, wenn sie in die Schule kämen. Es gebe Sprachdefizite oder Probleme im Sozialverhalten.

Auf Qualität drängt auch die Wirtschaft: „Bei den Kleinen wird der Grundstein für eine erfolgreiche Schulzeit gelegt – deshalb muss neben dem quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung auch verstärkt in die Qualität investiert werden“, fordert Arbeitgeber-Vizepräsident Gerhard Braun.

Auch die Wirtschaft drängt auf mehr Qualität

Dafür brauche es die nötigen Fachkräfte, bessere Betreuungsschlüssel sowie eine dauerhafte finanzielle Beteiligung des Bundes. „Die Bildungschancen der Kinder dürfen nicht allein von ihrem Wohnort abhängen“, sagt Braun mit Blick auf die immensen Unterschiede.

„Mehr Angebote und eine höhere Qualität in der Kinderbetreuung sind auch wichtige Elemente der Standortpolitik: Sie machen Regionen für Fachkräfte attraktiver“, sagt der Vize-Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. „Eine bedarfsgerechte Ganztagsbetreuung ist Voraussetzung dafür, dass Eltern ohne Sorgen am Erwerbsleben teilnehmen können.“

Das Gute-Kita-Gesetz sei ein wichtiges Signal, denn jetzt müssten Kita-Öffnungszeiten in Randzeiten, an Wochenenden und den Ferien besser auf den Bedarf der Eltern abgestimmt werden. „Hochwertige und verlässliche Kinderbetreuung auch jenseits der Standardzeiten schaffen einen größeren Spielraum für berufstätige Eltern und Betriebe.“

Der Bedarf an Fachkräften der deutschen Wirtschaft ist enorm, 1,6 Millionen Stellen können die Betriebe nicht besetzen. „Deshalb müssen Menschen, die mehr arbeiten wollen, dies auch können“, so Dercks.

Eine Fachkräfte-Offensive für die Kita ist denn auch Giffeys nächstes Projekt. Das Ziel: Mehr junge Menschen für den Beruf des Erziehers begeistern. Darum sollen ebenfalls ab 2019 Bundesmittel in die Länder und Gemeinden fließen, um Ausbildung, Umschulung und Gesundheitsförderung zu unterstützen. So ist etwa geplant, dass das Schulgeld für die Ausbildung wegfällt. Denn absehbar fehlen bis zum Jahr 2025 in der Kindererziehung rund 300.000 Fachkräfte.

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