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Berufsausbildung Das Coronavirus bedroht die Lehre

Hunderttausende Betriebe sind in Kurzarbeit. Dadurch könnten im Herbst zigtausende Lehrstellen wegbrechen, warnt der Deutsche Gewerkschaftsbund.
15.04.2020 - 04:02 Uhr Kommentieren
In diesen Monaten unterschreiben Auszubildende die Verträge für das Lehrjahr ab August. Quelle: dpa
Ausbildung

In diesen Monaten unterschreiben Auszubildende die Verträge für das Lehrjahr ab August.

(Foto: dpa)

Berlin Die Wirtschaft steht Corona-bedingt weitgehend still. Schnelle umfassende Lockerungen der Kontaktbeschränkungen sind aktuell nicht zu erwarten. Das verspricht nichts Gutes für das im Sommer beginnende nächste Lehrjahr. „Insgesamt gibt es noch knapp 430.000 Ausbildungsbetriebe in Deutschland – und wenn jetzt schon 650.000 Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben, zeigt das, wie groß die Herausforderungen im kommenden Ausbildungsjahr werden“, warnt die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Elke Hannack.

Denn „in diesen Monaten werden eigentlich die Verträge für die kommenden Azubis unterzeichnet“, sagte Hannack dem Handelsblatt. Damit nicht die Schwächsten in der Coronakrise ihre Zukunftschancen verlieren, werden wir im kommenden Jahr neben der betrieblichen Ausbildung verstärkt außerbetriebliche Angebote brauchen“, fordert die DGB-Vize.

„Vergesst die Auszubildenden nicht!“, warnt das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Das gelte auch für diejenigen, die derzeit eine Ausbildung suchen und „mit der Unsicherheit leben müssen, wann und wie Tests und Vorstellungsgespräche stattfinden und ob der gefundene Ausbildungsbetrieb überhaupt die Coronakrise überlebt – insbesondere, wenn es sich um einen kleinen Selbstständigen handelt“, mahnte die WZB-Direktorin für Arbeitsmarkt und Ausbildung, Heike Solga.

Ungewissheit für Azubis

Wie viele Azubis jedoch am Ende des Sommers eine Lehre beginnen können, dazu „lässt sich derzeit noch keine Prognose abgeben“, sagt der Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks. „Je schneller die Einschränkungen für die Wirtschaft und das öffentliche Leben gelockert werden können, umso besser sind auch die Aussichten für neue Azubis und die Chancen auf Übernahme nach der Ausbildung“, erklärte er dem Handelsblatt.

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    Um die Lage der Ausbildungsbetriebe zu erleichtern, müssten sie „vom ersten Tag an Kurzarbeitergeld auch für Azubis erhalten“, fordert Dercks. Denn „auch wenn sie zurzeit überhaupt keinen oder nur geringen Umsatz haben, müssen sie die Ausbildungsvergütung sechs Wochen lang voll weiterzahlen. Das stellt gerade kleine Unternehmen vor große Probleme.“

    Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer warnt: „Es muss unbedingt vermieden werden, dass Betriebe, die von der Krise massiv betroffen sind, in der Folge ihre Ausbildungsleistung einschränken oder gar einstellen müssen.“ Das „überproportional hohe Ausbildungsengagement des Handwerks“ dürfe durch die Coronakrise keinen Schaden nehmen. Die Politik müsse daher „alles daransetzen, die Liquidität der Betriebe auch weiterhin schnell und unkompliziert abzusichern“. Das stabilisiere indirekt auch die Ausbildung. Wollseifer erinnerte daran, dass „jeder Azubi, der zukünftig nicht mehr ausgebildet werden kann, den Fachkräftemangel massiv verschärfen wird“.

    Eine Stabilisierung des Lehrstellenmarktes ist umso dringender, als die Lage auch vor Corona nicht unproblematisch war. Nach dem neuen nationalen Berufsbildungsbericht, dessen Entwurf dem Handelsblatt vorliegt, ist der Anteil der Betriebe, die Lehrlinge ausbilden im vergangenen Jahr erneut gesunken und liegt nun bei 19,7 Prozent. Es bildet also nicht einmal mehr ein Fünftel der Unternehmen aus.

    Grafik

    Zum Vergleich: Noch vor zehn Jahren lag die Quote bei 23,3 Prozent. „Uns sind in den vergangenen Jahren viel zu viele Ausbildungsbetriebe verloren gegangen“, kritisiert Hannack. „Es ist auch eine Sauerei, dass die DAX 30-Konzerne ihre Ausbildung zurückgefahren haben, während sie Milliardenbeträge an ihre Aktionäre ausschütten.“

    Umfragen des Handelsblatts und des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hatten gezeigt, dass die meisten Dax-Konzerne ihre Lehrlingsausbildung in den letzten Jahren deutlich reduziert haben. Nach dem Berufsbildungsbericht haben von den großen Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ein Fünftel überhaupt keine Lehrlinge beschäftigt.

    Den Wert einer Ausbildung zeigt der erneut höhere Anteil der jungen Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die keinerlei Berufsausbildung haben: das sind mittlerweile 14,4 Prozent. 2014 waren es noch 13 Prozent.

    Schon 2019 Tausende Lehrlinge oder Lehrstelle

    Insgesamt sind das 2,1 Millionen junge Ungelernte. Das habe „erhebliche negative Konsequenzen für die Betroffenen und die Gesellschaft“ warnen die Autoren des Berichts auch mit Blick auf den Fachkräftemangel. Besonders weit verbreitet ist das Phänomen unter Migranten: Selbst bei denen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ist der Anteil mit 16 Prozent noch doppelt so hoch wie bei den Altersgenossen ohne Migrationshintergrund.

    Im Jahr 2019 blieben rund 25.000 Bewerber unversorgt. Das waren etwa so viele wie im Vorjahr – aber rund 5000 mehr als 2014/15. Dazu kommen noch fast 50.000 Bewerber, die zwar eine Alternative gefunden haben – also etwa weiter zur Schule gehen oder eine Maßnahme im sogenannten Übergangsbereich besuchen – aber weiterhin Interesse an einer Lehrstelle haben.
    Erstmals deutlich gesunken ist die Zahl der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsplätze: 2019 blieben noch 53.000 Lehrstellen frei.

    Zuvor war deren Zahl kontinuierlich gestiegen und hatte 2018 einen Höhepunkt von fast 58.000 erreicht. „Die Zahl der unbesetzten Stellen liegt aber weiterhin auf hohem Niveau“, konstatiert der Bericht. „Im Vergleich zu 2009 hat sich ihre Zahl verdreifacht.“

    Es bleibt also bei der scheinbar widersprüchlichen Situation, dass die Betriebe einerseits Zehntausende Lehrstellen nicht vergeben konnten, und zugleich noch mehr junge Menschen einen Platz suchen. Das liegt vor allem daran, dass die Schulabgänger vermeintlich unattraktive und schlecht bezahlte Berufe meiden. Abhilfe schaffen soll der neue Azubi-Mindestlohn, der dieses Jahr in Kraft tritt. Zudem kommen Ausbilder und Azubis vielfach regional nicht zusammen.

    Auch ist die Vertragslösungsquote wieder gestiegen: Allein 2018 wurden 151.000 Lehrverträge gelöst – das waren 26,5 Prozent der im selben Jahr geschlossenen neuen Ausbildungsverträge. Somit liegt die Abbrecherquote nun oberhalb der „üblichen Schwankungsbreite“ von 20 bis 25 Prozent, heißt es im Berufsbildungsbericht.

    Erneut etwas gesunken ist die Masse der jungen Menschen, die im Übergangsbereich landen, weil sie noch keine Lehrstelle gefunden haben – also in Maßnahmen wie dem Grundbildungs- oder Berufsvorbereitungsjahr. Das waren aber auch 2019 noch 255.000 Schulabgänger. Diese Maßnahmen hatten vor allem 2015/16 viele junge Flüchtlinge aufgefangen, nun liegt der Anteil aller Ausländer wieder unter einem Drittel.

    Mehr: Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Doch gerade viele kleine Unternehmen trifft das Coronavirus hart. Was sie jetzt fordern.

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