Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Beschäftigung Auch zwölf Euro Mindestlohn würden an der Einkommensarmut wenig ändern

Die Linke fordert, den Mindestlohn auf zwölf Euro anzuheben. Doch zur Armutsbekämpfung wäre das wenig zielgenau, zeigt eine neue IW-Studie.
13.08.2020 Update: 16.06.2020 - 17:51 Uhr 2 Kommentare
Für die Armutsgefährdung spielt neben dem Stundenverdienst auch die geleistete Arbeitszeit eine wichtige Rolle. Quelle: dpa
Service-Kraft in einem Restaurant

Für die Armutsgefährdung spielt neben dem Stundenverdienst auch die geleistete Arbeitszeit eine wichtige Rolle.

(Foto: dpa)

Berlin Für die Linke ist klar, dass der Mindestlohn kräftig steigen muss – nicht trotz, sondern wegen Corona. Eine deutliche Anhebung würde „in erheblichem Ausmaß zur schnellen und nachhaltigen Erholung von Wachstum und Beschäftigung beitragen“, weil gerade Geringverdiener – bezogen auf ihr Einkommen – viel konsumieren.

So steht es in einem Antrag, den die Linksfraktion an diesem Dienstag beschlossen hat und der am Mittwoch im Bundestag debattiert wird. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, die gesetzliche Lohnuntergrenze auf mindestens zwölf Euro zu erhöhen. „Forderungen nach einer Nullrunde beim Mindestlohn oder gar nach einer Absenkung sind vor diesem Hintergrund nicht nur nicht sozial, sondern auch ökonomisch kontraproduktiv“, heißt es darin.

In der Bevölkerung gibt es durchaus Sympathie für den Vorstoß. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) befürworten 78 Prozent der Befragten eine Anhebung der Untergrenze auf zwölf Euro. 86 Prozent halten den aktuellen Mindestlohn von 9,35 Euro brutto pro Stunde für zu niedrig, wie der „Spiegel“ berichtete.

Die mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern besetzte unabhängige Kommission wird am 30. Juni entscheiden, welche Höhe der Mindestlohn ab dem kommenden Jahr haben soll. Der Hotel- und Gaststätten- und der Einzelhandelsverband hatten eine Erhöhungspause gefordert.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Linke dagegen will den Mindestlohn endlich „armutsfest und existenzsichernd machen“. Doch eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass auch eine Anhebung auf zwölf Euro die Einkommensarmutsquote kaum senken würde. Die Untersuchung liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.

    Die Quote der Arbeitnehmer, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verdienen und damit als armutsgefährdet gelten, schwankt seit 2011 in einem engen Korridor zwischen 7,5 und 7,7 Prozent. Daran hat auch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015 nichts geändert.

    Die IW-Forscher Christoph Schröder und Christian Kestermann haben die Einkommensarmut im Niedriglohnbereich näher analysiert und dafür auf Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer regelmäßigen Bevölkerungsbefragung, zurückgegriffen, die bis 2018 vorliegen. Damals lag der gesetzliche Mindestlohn bei 8,84 Euro.

    Vollzeitarbeitnehmer, deren Verdienst zwischen 8,84 Euro und zehn Euro lag, waren demnach zu 13 Prozent armutsgefährdet – die Quote lag damit rund vier Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Bevölkerung. Von den Teilzeitbeschäftigten und Minijobbern mit entsprechendem Stundenverdienst bewegten sich dagegen 26 Prozent an der Armutsschwelle.

    Selbst wenn Teilzeitbeschäftigte zwischen zehn und zwölf Euro pro Stunde verdienen, sind sie häufiger einkommensarm als Vollzeitarbeitnehmer mit 8,84 bis zehn Euro Stundenlohn. „Dies weist darauf hin, dass für die Armutsgefährdung die geleistete Arbeitszeit neben dem Stundenverdienst eine besonders wichtige Rolle spielt“, heißt es in der Studie.

    Entscheidend ist das verfügbare Haushaltseinkommen

    Relevant für die Frage, ob ein Geringverdiener sich selbst als arm einstufen würde, ist aber auch sein verfügbares Haushaltseinkommen. So kann der Verdienst aus dem Niedriglohnjob beispielsweise ja nur eine Ergänzung zum Einkommen eines gutverdienenden Partners sein.

    Drei Viertel der Arbeitnehmer mit Stundenverdiensten zwischen 8,84 und zehn Euro trugen 2018 mit ihrem Nettoeinkommen weniger als die Hälfte zum Haushaltseinkommen bei. In der Hälfte der Fälle aus dieser Verdienstgruppe lag der Anteil sogar bei unter einem Drittel. Die IW-Forscher haben auch simuliert, wie sich eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro auswirken würde. Da die SOEP-daten nur bis 2018 vorliegen, griffen sie dazu auf eine Hilfskonstruktion zurück.

    Die Mindestlohnkommission ist laut Gesetz gehalten, sich bei ihrer Anpassungsentscheidung nachlaufend an der Tariflohnentwicklung zu orientieren. Der entsprechende Tarifindex ist um 5,7 Prozent gestiegen. Um den Tarifabschluss des öffentlichen Dienstes, der außerplanmäßig schon in die letzte Anhebung eingeflossen ist, nicht doppelt zu zählen, setzt die Erhöhung nicht auf 9,35 Euro, sondern auf 9,29 Euro auf.

    Regelbasiert ergäbe sich also für das kommende Jahr ein Mindestlohn von gut 9,80 Euro. Eine Anhebung auf zwölf Euro würde einen zusätzlichen Aufschlag in Höhe von 22 Prozent bedeuten. Diese 22 Prozent haben Schröder und Kestermann auf die im Jahr 2018 geltenden 8,84 Euro aufgeschlagen und kommen so auf einen Mindestlohn von rund 10,80 Euro. Hebt man alle darunter liegenden Verdienste auf diesen Wert an, so sinkt die Armutsgefährdungsquote unter den Beschäftigten um 1,3 Prozentpunkte.

    Wird der Mindestlohn aber in ähnlichem Ausmaß umgangen, wie das bei einer Höhe von 8,84 Euro der Fall war, so beträgt der Rückgang der Armutsgefährdungsquote – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – nur 0,5 Prozentpunkte. Die IW-Forscher hatten anhand der SOEP-Daten ermittelt, dass 2018 noch 2,1 Millionen Beschäftigte den geltenden Mindestlohn unterschritten.

    „Die Armutsgefährdung über eine Erhöhung des Mindestlohns zu senken, erscheint als wenig zielgenaue Maßnahme“, heißt es in der Studie. Gerade angesichts der sich abzeichnenden starken Rezession drohe bei einer starken Erhöhung ein negativer Einfluss auf Arbeitszeiten und Beschäftigung. Soll heißen: Arbeitgeber könnten die Stundenzahl reduzieren, so dass die Beschäftigten am Monatsende nicht mehr Geld in der Tasche haben, Jobs streichen oder keine neuen schaffen.

    Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Susanne Ferschl, will von solcher Schwarzmalerei nichts wissen – und plädiert für eine Anhebung der Lohnuntergrenze auf zwölf Euro. Bei Unternehmen, die bedingt durch die Pandemie schwere Umsatzeinbußen verzeichneten, leiste der Staat direkte Hilfe und eine Dämpfung der Nachfrage durch unzureichende Löhne würde die Probleme verschärfen: „Es ist nicht die Aufgabe der Lohnpolitik, pandemiebedingte Umsatzeinbußen abzufedern.“

    Mehr: Die deutsche Mittelschicht – stabil, aber verunsichert.

    Startseite
    Mehr zu: Beschäftigung - Auch zwölf Euro Mindestlohn würden an der Einkommensarmut wenig ändern
    2 Kommentare zu "Beschäftigung: Auch zwölf Euro Mindestlohn würden an der Einkommensarmut wenig ändern"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Das Titelbild lässt an Gastronomie denken. Um speziell der Gastronomie zu helfen und zusätzlich Beschäftigung aufzubauen, wäre die abgabenfreie Erstattung eines Mittagessens über den Bruttolohn, an alle Arbeitnehmer, die in Gaststätten eine Mahlzeit einnehmen, eine enorme Hilfe für die Gastronomie. Alle sollten sich ein Mittagessen leisten können, zeitlich wie finanziell. Der Staat könnte das steuern über Steuern.

    • „Die Armutsgefährdung über eine Erhöhung des Mindestlohns zu senken, erscheint als wenig zielgenaue Maßnahme“ sagen die Forscher des Arbeitgeberinstituts. Sagen sie denn auch, was eine zielgenauere Maßnahme wäre?

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%