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Beschneidungsurteil Angst vor den Hinterzimmer-Chirurgen

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Religiöse weichen auf die Hinterzimmer aus

Bis dahin bleibt es beim Dilemma. „Manche Familien werden zur Beschneidung häufiger in die Türkei fahren“, sagt Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. „Es gibt auch Familien, die nach den vereinzelten Ärzten suchen, die dem Urteil trotzen und die Beschneidung weiter anbieten.“ Und: „Man kann nicht ausschließen, dass einige zu Laien gehen.“ Damit werde Beschneidung zum Gesundheitsrisiko. In Deutschland leben gut vier Millionen Muslime, die meisten stammen aus der Türkei, wo der Eingriff meist bis zum Grundschulalter erfolgt.

Die frühere SPD-Islambeauftragte Lale Akgün sieht dagegen keine gewaltige Auswirkung. „Die meisten Familien fahren für den Eingriff sowieso in den Sommerferien in die Türkei und feiern den Ritus dort.“ Sie hält die Tradition für nicht zeitgemäß. „Die Beschneidung ist eine Sitte, die auch etwas Machohaftes hat. Mann-Werden unter Schmerzen. Wir sollten das Urteil als Chance nutzen und reflektieren, was wir den Jungen antun. In der Türkei gibt in intellektuellen Kreisen längst die Debatte, die Jungen nicht mehr zu beschneiden.“

Nach jüdischer Tradition soll die Zeremonie am achten Lebenstag stattfinden. Und die Beschneidung als fester Bestandteil der jüdischen Religion werde auch weiter durchgeführt, erklärt Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die rituelle Handlung nehme meist der jüdische Kultusbeamte - der Mohel - vor. Aber auch Mediziner dürfen laut Zentralrat beschneiden - der Arzt müsse sich aber „der Tatsache bewusst sein, eine kultische Handlung auszuführen“. Auch nach der Gerichtsentscheidung aus Köln nähmen Mohelim ihre Aufgaben weiter wahr, sagt Kramer. Das Jüdische Krankenhaus Berlin hat dagegen entschieden, bis auf weiteres keine religiös begründeten Beschneidungen an Jungen mehr vorzunehmen.

Mit dem angestrebten Gesetz wagt sich die Politik an eine „alles andere als triviale Aufgabe“, meint Mediziner Henke. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Kindeswohl, Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf Erziehung müssen abgewogen werden. Sollte die Religionsfreiheit über das Kindeswohl gestellt werden, rechnen Fachleute wie Akgün und Bühmann mit Protesten und Klagen. In der Beschneidungsfrage steht die Politik vor einer schwierigen Operation.

  • dpa
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