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Betreuungsangebot „Dramatische und erschreckende Fakten“ – Umfrage zeigt erheblichen Personalmangel in Kitas

Leitungskräfte in Kitas sind gefragt worden, wie groß der Personalmangel ist und welche Auswirkungen er auf ihre Arbeit hat. Die Befunde sind alarmierend.
27.03.2019 - 11:27 Uhr Kommentieren
Personalmangel beeinträchtig Betreuungsangebot von Kitas massiv Quelle: dpa
Kita

Für die DKLK-Studie 2019 wurden 2628 Kita-Leitungen öffentlicher, kirchlicher, privat-gemeinnütziger, privat-nichtgemeinnütziger und sonstiger Träger in ganz Deutschland befragt.

(Foto: dpa)

Berlin Forschung zeigt immer wieder: Die frühe Förderung von Kindern ist grundlegend für den späteren Bildungserfolg und die Aufstiegschancen. Doch das Betreuungsangebot von Kitas in Deutschland ist stark beeinträchtigt. Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Umfrage unter Kita-Leitungskräften. Demnach mussten knapp 90 Prozent der befragten Kitas in den vergangenen zwölf Monaten zeitweise mit zu wenig Personal arbeiten.

86 Prozent der vom Personalmangel betroffenen Kitas waren gezwungen, die Lernangebote für die Kinder zu reduzieren. Gruppen mussten zusammengelegt oder ganz geschlossen, die Öffnungszeiten der Kitas reduziert werden. Bei knapp 95 Prozent der Kitas liegt der Betreuungsschlüssel unterhalb der wissenschaftlich empfohlenen Zielgröße.

„Das sind keine bedenklichen, das sind dramatische und erschreckende Fakten“, sagte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), am Mittwoch anlässlich der Veröffentlichung der Studie beim Deutschen Kitaleitungskongress (DKLK) in Düsseldorf. „Die Umfrage offenbart in dramatischer Klarheit, in welchem Ausmaß sich die Versäumnisse der Politik der zurückliegenden Jahre im Kitabereich heute rächen“, kritisierte Beckmann als Mitinitiator der Untersuchung. Durch ihr Nichthandeln nehme die Politik „einen erheblichen Schaden der Kinder“ in Kauf.

Die generelle Belastungssituation für pädagogische Fachkräfte und insbesondere für die Kita-Leitungen sei nach wie vor „enorm hoch“, heißt es in der Studie. Die Vorhaben von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) – wie das „Gute-Kita-Gesetz“ und die Fachkräfteoffensive für Erzieher – werden kritisch gesehen.

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    Für die DKLK-Studie 2019 wurden 2628 Kita-Leitungen öffentlicher, kirchlicher, privat-gemeinnütziger, privat-nichtgemeinnütziger und sonstiger Träger in ganz Deutschland befragt. Die Befunde seien repräsentativ, heißt es in der Untersuchung, die der Informationsdienstleister Wolters Kluwer mit dem VBE Bund und seinen 16 Landesverbänden unter der wissenschaftlichen Begleitung von Professor Ralf Haderlein von der Hochschule Koblenz durchgeführt hat.

    Die Leitungskräfte in den Kitas wurden gefragt, welche Auswirkungen der Personalmangel auf ihre konkrete Arbeit hat. „Die Antworten sind teilweise erschütternd“, heißt es in der Studie.

    So etwa bei der Fachkraft-Kind-Relation, also dem Betreuungsschlüssel. Diese Größe gilt als maßgeblicher Faktor für eine hohe Betreuungsqualität in der Kita. Eine gute Relation ermöglicht es den Fachkräften, Interessen der Kinder angemessen aufzugreifen.

    Hier gibt es wissenschaftlich empfohlene Mindestverhältnisse: Bei unter dreiährigen Kinder sollte ein Erzieher für drei Kinder da sein (1:3). Bei über dreijährigen Kindern sollte rechnerisch ein Erzieher für 7,5 Kinder da sein (1:7,5). Berücksichtigt werden müssen dabei Abwesenheiten wegen Urlaub, Krankheit, Fortbildung oder nicht besetzter Stellen.

    Extrembelastung für Erzieher

    Die aktuelle DKLK-Studie zeigt nun, dass knapp 95 Prozent der Kitas unterhalb der Empfehlungen liegen. Im U-3-Bereich stehen 96,5 Prozent der Kitas schlechter da. Knapp 20 Prozent der Einrichtungen können sogar nur eine Betreuungsrelation von 1:8 oder schlechter vorweisen. Im Ü-3-Bereich entsprechen nur 20 Prozent der Kitas den Empfehlungen. In 78,7 Prozent der Fälle ist eine Fachkraft für mehr als acht Kinder zuständig. In 37,7 Prozent der Kitas kommt es sogar zu einer „Extrembelastung“, bei der ein Erzieher mehr als zwölf Kinder betreut.

    „Mehr als eine Minimalbetreuung ist unter solchen Umständen kaum denkbar“, heißt es in der Studie. Wie dramatisch die Situation sei, werde auch daran deutlich, dass viele Kitas regelmäßig mit so wenig Personal auskommen müssten, dass eine ordnungsgemäße Aufsichtsführung überhaupt nicht mehr möglich sei. In diesen Fällen gehe es nicht mehr „nur“ um Einschränkungen der Betreuungsqualität aufgrund einer ungünstigeren Fachkraft-Kind-Relation, „sondern auch um Sicherheitsrisiken für die Kinder, weil deren adäquate Beaufsichtigung nicht mehr gewährleistet werden kann“.

    Als „Wurzel allen Übels“ machen die Initiatoren der Studie die „unzulängliche Finanzierung in den meisten Bundesländern“ ausfindig, die die Schaffung zusätzlicher Stellen verhindere und in der praktischen Arbeit zu Überstunden, Aufsichtsproblemen und einem hohem Stresslevel bei den pädagogischen Fach- und Leitungskräften führe.

    „Doch allein mit mehr Geld lässt sich die tief klaffende Personallücke nicht schließen, denn hinzu kommt ein eklatanter Fachkräftemangel“, heißt es in der Studie weiter. In manchen Regionen sei der Fachkräftemarkt „komplett leergefegt“.

    Die Daten der DKLK-Studie untermauern das: Über 60 Prozent der Kita-Leitungen großer Träger beklagen sich über unbesetzte Stellen. Insgesamt benötigen 70 Prozent aller Kitas im Schnitt mindestens drei Monate zur Nachbesetzung offener Stellen. In den anderen Fällen sind fünf oder sogar über sechs Monate nötig.

    Die Untersuchung nennt einige Ursachen für die Personalnot. Zum einen klagen die Befragten über mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Das Bild der „Basteltante“ sei weiterhin präsent, was nicht zu einem attraktiven Berufsfeld beitrage.

    Noch ausschlaggebender für die Personalnot seien indes die „unattraktiven Rahmenbedingen“: geringes Lohnniveau, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten, lange Ausbildungszeiten von fünf Jahren.

    Tatsächlich empfinden laut Studie über 65 Prozent der Kita-Leitungen ihre eigene Bezahlung als unangemessen gering. Besonders die Führungskräfte, die ohne Freistellung arbeiten, sind finanziell absolut unzufrieden. Das Gehalt ihrer pädagogischen Fachkräfte bewerten knapp 67 Prozent der Befragten ebenfalls als zu gering.

    Grundsätzliches Problem: strukturelle Unterfinanzierung

    „Ohne eine substanzielle Lohnsteigerung werden alle Versuche ins Leere laufen, mehr Menschen für pädagogische Berufe zu gewinnen“, heißt es in der Studie. Eine Anpassung der Gehälter sei daher ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den akuten Fachkräftemangel.

    Bislang würden zwar hier und da kleine Verbesserungen erreicht. Das grundsätzliche Problem der strukturellen Unterfinanzierung des gesamten Bereichs mit seinen mehr als 600.000 Beschäftigten werde jedoch nicht ernsthaft angegangen.

    Die Rolle der Politik sehen die Befragten denn auch sehr kritisch: 80 Prozent der Kita-Leitungen sind enttäuscht über die mangelnde Wertschätzung vonseiten der Politik. 75 Prozent äußerten sich unzufrieden mit der frühkindlichen Bildungspolitik ihrer Landesregierung.

    Hier zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede: Während Kita-Leitungen in Nordrhein- Westfalen besonders unzufrieden sind (87,2 Prozent), ist in Bayern der Anteil der Unzufriedenen etwas geringer (77,7 Prozent). Baden-Württemberg weist demnach sogar eine relativ hohe Zufriedenheitsquote von 31,4 Prozent auf. Spitzenreiter ist Schleswig-Holstein mit einem Zufriedenen-Anteil von 48 Prozent.

    Doch machen die jüngsten Aktivitäten von Bundesfamilienministerin Giffey nun alles besser? Die SPD-Politikerin hatte das „Gute-Kita-Gesetz“ auf den Weg gebracht, durch das von 2019 bis 2022 insgesamt 5,5 Milliarden Euro für die frühkindliche Bildung vom Bund in die Länder fließen. Außerdem soll eine Fachkräfteoffensive für Erzieher mehr Menschen für den Beruf interessieren und Aufstiegsboni bieten. Dafür werden von 2019 bis 2022 insgesamt 300 Millionen Euro bereitgestellt.

    In der Studie finden sich hierzu skeptische Einschätzungen. Zum „Gute-Kita-Gesetz“ heißt es, die von vielen Experten geäußerte Befürchtung seien nicht unbegründet, dass die Bundesländer den „Geldsegen“ für Maßnahmen einsetzen könnten, die an den drängendsten Engpässen der Praxis vorbeigingen und nicht zur Verbesserung der Betreuungsqualität beitrügen.

    So hätten einige Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg bereits angekündigt, einen Teil der Zusatzmittel in die Reduzierung von Elternbeiträgen zu stecken. Zudem könnten auch die Bundesmittel das Problem des Personalmangels nicht lösen, wenn es zu wenige pädagogische Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gebe.

    Zur Fachkräfteoffensive heißt es wiederum, die Initiative gehe „in die richtige Richtung“. Ob sich damit jedoch das Strukturproblem lösen lasse, sei fraglich, zumal mit dem geringen Lohnniveau „ein entscheidender Faktor“ nicht berücksichtigt werde. Ein „kurzfristig spürbarer Effekt“ sei mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten.

    Notwendig ist laut Studie ein „Paket von Maßnahmen“. Dazu gehören etwa: eine angemessene Bezahlung durch substanzielle Lohnsteigerung, eine bessere Fachkraft-Kind-Relation, die flächendeckende Einführung vergüteter Ausbildung, die Erleichterung des Quereinstiegs bei Berücksichtigung einer ausreichenden Qualifikation sowie die flächendeckende Anerkennung des Erzieherberufs als Mangelberuf, womit mehr internationale Fachkräfte gewonnen werden könnten.

    „Was wir brauchen, sind nachhaltige Lösungen und deutlich höhere, langfristige Investitionen“, forderte der VBE-Bundesvorsitzende Beckmann.

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