Bilanz zum Weltflüchtlingstag Wie es um die Flüchtlingskrise in Deutschland steht

Eine Bilanz zum Weltflüchtlingstag: Wie weit ist Deutschland bei der Integration der Asylsuchenden gekommen? Wie viele Migranten kommen noch zu uns? Und was macht die „Abschiedskultur“? Antworten auf wichtige Fragen.
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Die Flüchtlingswelle ist deutlich abgeebbt, doch trotz der geschlossenen Balkanroute gelangen auch weiter zahlreiche Migranten nach Deutschland. Quelle: dpa
Flüchtlingstreck in Bayern im Oktober 2015

Die Flüchtlingswelle ist deutlich abgeebbt, doch trotz der geschlossenen Balkanroute gelangen auch weiter zahlreiche Migranten nach Deutschland.

(Foto: dpa)

BerlinKnapp 1,2 Millionen Asylsuchende sind in den zurückliegenden zwei Jahren auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland gekommen – oder weil sie sich hier schlicht ein besseres Leben ohne Armut und Entbehrungen erhoffen. Fünf Fragen zum Stand der Dinge:

Wie viele Flüchtlinge kommen derzeit neu nach Deutschland?

Trotz der geschlossenen Balkanroute gelangen auch weiter zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland. Von Januar bis Ende Mai registrierten die Behörden 77.148 Asylsuchende. Knapp ein Viertel von ihnen stammt aus dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Syrien. Auf der Liste der Hauptherkunftsländer folgen Irak, Afghanistan, Eritrea und Iran. Auf diese fünf Staaten entfällt gut die Hälfte der Neuzugänge in den ersten fünf Monaten.

Die Flüchtlingswelle ist damit deutlich abgeebbt. Auf dem Höhepunkt im September und Oktober 2015 kamen nicht selten 10.000 Flüchtlinge täglich in Deutschland an, jetzt sind es noch etwa 500. Insgesamt wurden im Jahr 2015 rund 890.000 Asylsuchende in Deutschland registriert, im vergangenen Jahr weitere 280.000.

Stark gesunken ist mittlerweile die Anerkennungsquote. Von den knapp 373.000 Asylverfahren, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abschloss, endeten 45,1 Prozent mit einem zumindest vorübergehenden Bleiberecht des Flüchtlings. Im vergangenen Jahr lag diese sogenannte „Schutzquote“ noch bei gut 62 Prozent, 2015 bei knapp 50 Prozent.

Allerdings wollen viele abgelehnte Flüchtlinge die Entscheidung nicht hinnehmen. Nach Angaben von Pro Asyl sind im ersten Quartal dieses Jahres bundesweit rund 97.000 Klagen gegen Asylbescheide erhoben worden. Im gesamten vergangenen Jahr waren es demnach 181.600. Allerdings war von den knapp 71.000 Klagen, über die im vergangenen Jahr entschieden wurde, nur knapp jede achte erfolgreich.

Wie weit ist der Asylantragstau abgebaut?

Als Frank-Jürgen Weise im September 2015 neuer BAMF-Chef wurde, schob die Nürnberger Behörde rund 365.000 Altfälle vor sich her. Weil das Amt vom Ansturm der Jahre 2015 und 2016 überrascht wurde, konnte Weise trotz einer erheblichen Personalaufstockung seine Prognose, die Altfälle bis Ende 2016 abzuarbeiten, nicht erfüllen. Als er Ende vergangenen Jahres in den Ruhestand wechselte, hinterließ er seiner Nachfolgerin Jutta Cordt und ihren Mitarbeitern noch knapp 434.000 offene Asylverfahren.

Bis Ende Mai hat das BAMF den Rückstau auf gut 165.000 Verfahren abgebaut. Im Durchschnitt dauert ein Asylverfahren heute sieben Monate, die Bearbeitungsdauer ist damit zuletzt sogar wieder angestiegen. Das hat laut Bundesinnenministerium damit zu tun, dass die BAMF-Mitarbeiter sich nun verstärkt auch komplizierten Altfällen zuwenden, bei denen etwa die Identität des Antragstellers nicht zweifelsfrei geklärt ist oder erst Gutachten angefordert werden müssen. Neue Anträge arbeitet die Nürnberger Behörde mit ihren knapp 3.400 Entscheidern mittlerweile innerhalb von weniger als zwei Monaten ab.

Wie steht es um die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge?

Die Experten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen in ihrer vorsichtigen Prognose davon aus, dass von den nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen nach fünf Jahren ungefähr jeder zweite einen Job gefunden haben wird. Wobei damit nicht zwingend sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gemeint ist, sondern es sich auch um ein Praktikum oder einen Minijob handeln kann.

Entsprechend bescheiden nehmen sich die Integrationserfolge heute – gut zwei Jahre nach Beginn der großen Welle – aus. Von den knapp 4,7 Millionen Arbeitsuchenden, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) registriert sind – das sind auch diejenigen, die etwa an Förder- und Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen und deshalb nicht arbeitslos gemeldet sind –, ist mittlerweile jeder zehnte als Flüchtling nach Deutschland gekommen. In der amtlichen Arbeitslosenstatistik tauchten im Mai knapp 179.000 Flüchtlinge auf.

Einen sozialversicherungspflichtigen Job haben bis März dieses Jahres 138.000 Menschen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern gefunden – das sind 49 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Auch hier gibt es also durchaus Erfolge – zumal sich die Wirtschaft weiter engagiert. So gab in einer aktuellen Befragung des Münchener Ifo-Instituts unter rund 1.000 Personalleitern immerhin gut jedes fünfte Unternehmen an, in den zurückliegenden 24 Monaten Flüchtlinge beschäftigt zu haben. Das entspricht einer Verdreifachung gegenüber dem Schlussquartal 2015.

Als Hürden für die Beschäftigung von Flüchtlingen sehen die Unternehmen neben fehlenden Sprachkenntnissen und Qualifikationen vor allem die Unsicherheit über den Aufenthaltsstatus und die Dauer der Asylverfahren.

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57 Kommentare zu "Bilanz zum Weltflüchtlingstag: Wie es um die Flüchtlingskrise in Deutschland steht"

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  • @Enrico Caruso, 21.06.2017, 19:11 Uhr

    "Wir haben es mit einer ganz gezielten Einwanderungspolitik zu tun, deren Ziel es ist, die europäischen Länder umzuvolken."

    Auch wenn Sie das tatsächlich glauben sollten: Diese Aussage ist falsch.

    Für die Annahme, dass sie falsch ist, gibt es mehr als genug Anhaltspunkte.

    Die den allermeisten Menschen aus guten Gründen, u.a. aufgrund ihrer Plausibilität, auch als durchaus überzeugend erscheinen.

  • Was ist das hier für ein Kindergezanke geworden? Ich habe über den Gebrauch des Wortes "Flüchtlinge" im Zusammenhang mit der derzeitigen Masseneinwanderung ganz bewusst von Lüge geschrieben und da gibt es nichts zu relativieren.

    Mit boshafter Hartnäckigkeit wird dieser Begriff von den deutschen Medien immer wieder missbraucht.

    Wir haben es mit einer ganz gezielten Einwanderungspolitik zu tun, deren Ziel es ist, die europäischen Länder umzuvolken. Diese Einwanderer als "Flüchtlinge" oder "Schutzsuchende" zu bezeichnen, ist reine Propaganda.

  • @Herr Marcel Europaeer, 21.06.2017, 13:06 Uhr

    Okay, "Lüge" ist in solchen Fällen wohl nicht ganz der passende Begriff.

    Aber wenn es um politische Entscheidungen jeder Art geht, ist es durchaus - genauso wie bei einer bewussten Lüge - ein Problem, wenn man sich dabei auf unwahre bzw. falsche Annahmen stützt, die "nur" auf Unwissenheit oder falscher Erinnerung beruhen.

    Die Konsequenzen - mehr oder weniger gravierende Fehlentscheidungen, die sich letztlich auf alle - auf die einen vielleicht stärker, auf andere weniger stark - auswirken, sind die gleichen.

  • Frau Annette Bollmohr - 21.06.2017, 12:29 Uhr

    "Das Problem fängt mit der Definition von "Lüge" an."

    Ist das wirklich ein Problem? Für mich ist es eine Lüge, wenn bewusst die Unwahrheit gesagt wird. Das ist im täglichen Leben eher die Ausnahme.

    Wenn aus Unwissenheit oder falscher Erinnerung die Unwahrheit gesagt wird, ist es für mich keine Lüge, sondern es stimmt einfach nicht was gesagt oder geschrieben wurde. Das kommt am Tag sicher häufig vor.

  • @Herr Marcel Europaeer, 21.06.2017, 08:55 Uhr

    "Das glauben nur notorische Lügner"

    Meiner Erfahrung nach liegen Sie da nicht falsch.

    Gleichwohl gilt: Das Problem fängt mit der Definition von "Lüge" an.

    Bekanntlich ein weites Feld, da hier jeder nicht nur seine ganz persönliche Auffassung hat, sondern vor allen Dingen einen mehr oder (wie z.B. bei uns oder in den westlichen Demokratien) weniger beschränkten Zugang zu allen relevanten Fakten und Gegebenheiten hat, also zu Informationen, die einer objektiven Überprüfung von tatsächlich unabhängiger Stelle standhalten.

    Macht nichts: Da aber - insgesamt gesehen - die gesamte Menschheit mehr oder weniger im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, folgt daraus:

    Wir brauchen Transparenz über Fakten, Fakten, Fakten. Einzige Ausnahme: Diese Fakten sind rein privater Natur, berühren also n i c h t die Interessen der Allgemeinheit und gehen diese somit tatsächlich nichts an.

    Und keinen "Datenschutz".

    Mit dem ist es wie mit den sogenannten "Sicherheitskräften": Da stellt sich auch mehr denn je die Frage, WESSEN Sicherheit da gemeint ist. Dies gilt jedenfalls, vielleicht mit Ausnahme einiger weniger Länder, in denen tatsächlich (noch?) die Sicherheit der Bevölkerung Vorrang hat, inzwischen für sämtliche "Nationalstaaten".

  • Enrico Caruso - 20.06.2017, 19:09 Uhr

    Zitat: "Wenn eine Lüge oft genug und von verschiedenster Seite wiederholt wird, wird sie irgendwann geglaubt."

    Das glauben nur notorische Lügner.

  • @ Rainer von Horn

    Der „Europäer“ betreibt kein Flüchtlingsheim, sondern in einer nicht unbekannten Stadt u. A. einen Spieleladen (Manga, japanische Comics und Ähnliches).

    Falls Sie Bedarf haben, kann ich Ihnen Anschrift und Rufnummer, etc. zwecks Terminabstimmung geben.

  • @ Annette Bollmohr

    Wenn eine Lüge oft genug und von verschiedenster Seite wiederholt wird, wird sie irgendwann geglaubt. Die wenigen, die es noch wagen, ihr zu widersprechen, werden dann entweder konsequent ignoriert oder als "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet.

  • @Enrico Caruso, 20.06.2017, 17:50 Uhr

    "Am Anfang eines Krieges steht immer eine Lüge."

    Vor allen Dingen aber zu viele Menschen, die, weil sie es nicht besser wissen dürfen, können, oder, und das ist das Schlimmste: wollen, darauf reinfallen.

  • Wirklich schlimm ist der Vergleich mit den Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten. Zum einen waren das tatsächlich Flüchtlinge und Vertriebene, und zum anderen sind sie innerhalb ihres Heimatlandes geflüchtet. Sie haben die Grenzen Deutschlands nie verlassen, nur die Besatzungszonen.

    Dort, wo sie aufgenommen wurden, herrschte fast völlige Zerstörung. Niemand auf der Welt wäre auf die Idee gekommen, in den Jahren nach dem Krieg freiwillig nach Deutschland zu reisen um dort zu leben.

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