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Bildung 10 Jahre Inklusion – Für Schulen ist die spezielle Förderung oft noch ein Kraftakt

Alle lernen gemeinsam, niemand wird ausgeschlossen – das überfordert viele Schulen. Und Inklusion ist nicht die einzige Baustelle im Bildungssystem.
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Seit zehn Jahren versucht man in Deutschland Kinder mit Förderungsbedarf möglichst in Regelschulen zu unterrichten. Quelle: Cavan/Getty Images
Inklusive Schulen

Seit zehn Jahren versucht man in Deutschland Kinder mit Förderungsbedarf möglichst in Regelschulen zu unterrichten.

(Foto: Cavan/Getty Images)

Düsseldorf Gunilla Große-Schware ist zwölf Jahre alt und zum ersten Mal ein bisschen verliebt. In einen Schulfreund, erzählt sie. Gunilla wird zur jungen Frau – genau wie andere Mädchen in ihrem Alter. Was Gunilla von ihren Klassenkameraden unterscheidet: Sie wurde mit Trisomie 21, dem Downsyndrom, geboren.

Vor bald zehn Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Inklusion wurde damit zur Pflicht. Niemanden ausschließen und behinderten Menschen ein eigenständiges, selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft ermöglichen – so funktioniert Inklusion. Theoretisch.

Denn in deutschen Regelschulen kommt das gemeinsame Lernen nur langsam voran. Das ergab jüngst eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung: Zu viele Kinder mit besonderem Förderbedarf – darunter auch solche, die soziale oder emotionale Probleme haben – werden noch an separaten Schulen unterrichtet, zu wenige an Regelschulen.

Demnach besuchten im Schuljahr 2008/09 bundesweit 4,9 Prozent aller Schüler eine Förderschule, acht Jahre später sind es immer noch 4,3 Prozent – nur 40.000 Kinder weniger.

Wie gut die Inklusion klappt, hängt laut Bertelsmann Stiftung auch vom Wohnort ab: Besonders weit sind die Länder Bremen, Berlin, Hamburg sowie Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Dort besuchten die wenigsten benachteiligten Kinder eine separate Schule. Mecklenburg-Vorpommern schickt laut der Studie mit sechs Prozent die meisten Kinder auf eine Förderschule.

Für Gunilla, deren Eltern beide Lehrer sind, sei eine Förderschule nie infrage gekommen, sagt ihr Vater Bernhard Große-Schware: „Sie braucht den Kontakt zu anderen Kindern ohne Förderbedarf, die Mischung macht’s.“

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht die Studie kritisch: „Die Stiftung hat sich nur an selbst gewählten Merkmalen, in erster Linie an Prozentzahlen, orientiert. Über die Qualität der Inklusion trifft sie keine Aussage.“

In welchen Klassengrößen die Kinder mit besonderem Förderbedarf unterrichtet werden, sei nicht berücksichtigt worden. Auch nicht, wie viele Sonderpädagogen in den Schulen arbeiten, um die Inklusionskinder zu unterstützen. Denn die Lehrer allein könnten das nicht leisten.

Gunilla besucht eine inklusive Privatschule in Köln. Rund 25 Kinder, davon vier bis fünf mit besonderem Förderbedarf, arbeiten dort gemeinsam in Lerngruppen – von der ersten bis zur zehnten Klasse. Inklusion funktioniere da super, bestätigt Angela Große-Schware, die Mutter der Zwölfjährigen: „Die Kinder werden individuell gefördert, weniger der Fachunterricht steht im Vordergrund, sondern viel stärker die sozialen Kompetenzen, wie zum Beispiel der Aufbau von Selbstbewusstsein.“

Doch wie funktioniert Inklusion an städtischen Schulen? Kinder mit besonderem Förderbedarf kommen in neu eingerichtete inklusive Klassen, in denen die Mehrheit keine besonderen Probleme hat. Unterstützt werden die Lehrer dann von einem Sonderpädagogen.

An der Schule von Gunillas Vater arbeiten sie sogar mit vergleichsweise vielen Stunden: „Da haben wir großes Glück, denn dadurch können wir Lehrer uns auf den Unterrichtsinhalt konzentrieren“, sagt der 56-jährige Musik- und Erdkunde-Lehrer.

„Die Lehrer spüren einen unheimlichen Druck“, sagt Lehrerverbands-Chef Meidinger. „Auch die Integration von Flüchtlingskindern in Regelklassen ist schwierig, denn viele der Kinder sind noch nicht weit genug, um dem Unterricht zu folgen.“

Mit der Digitalisierung haben die Schulen derzeit ein weiteres großes Thema zu bewältigen – und das alles bei einem massiven Personalmangel. 40.000 Lehrer fehlen laut Deutschem Lehrerverband momentan in Deutschland – vor allem an Grund- und Förderschulen. Zu wenig Lehrer für zu viele Herausforderungen.

„Die Belastungsgrenze der Lehrkräfte ist mittlerweile erreicht“, mahnt der Verbandschef daher. Dabei sei noch nicht einmal die inhaltliche Differenzierung des Unterrichtsstoffs für die verschiedenen Lernlevel der Kinder das Problem, sagt Bernhard Große-Schware. „Viel anstrengender sind die verschiedenen Verhaltensmuster der Kinder.“

Ein Problem ist auch die oft schlechte Ausstattung der Schulen. Die Förderbank KfW beziffert in einer aktuellen Studie den Investitionsstau auf fast 48 Milliarden Euro. Den Gemeinden und Kommunen fehlt das Geld, um Abhilfe zu schaffen. Besonders groß sind die Probleme in größeren Kommunen. Geld fehlt auch, um den wenigen Lehrern ausreichend Sonderpädagogen als Unterstützung zur Seite zu stellen.

Lehrerpräsident Meidinger fordert von der Politik eine ehrliche Bestandsaufnahme und ein Innehalten, anstatt weiter nervös an den vielen kleinen Stellschrauben des Bildungssystems zu drehen: „Danach wünsche ich mir einen Masterplan, der vor allem die Investitionen regelt.“

Mehr Arbeitsplätze für Schwerbehinderte

Während sich die Schulen bei der Inklusion schwertun, ist die Wirtschaft einen kleinen Schritt weiter. Viele Unternehmen würden genau auf diese besonderen Arbeitnehmer warten, meint Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD): „Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels kann die Wirtschaft nicht auf dieses Potenzial verzichten“, so der Minister anlässlich der Bewerbungsphase für den Inklusionspreis der deutschen Wirtschaft 2019.

Der Preis geht seit 2012 an Unternehmen, die behinderten Menschen die Chance geben, am Arbeitsleben teilzunehmen, und sich besonders für sie einsetzen.

Insgesamt haben Unternehmen im Jahr 2016 laut Bundesagentur für Arbeit 1.078.433 Pflichtarbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt. Das waren 20.455 mehr als im Jahr zuvor.

Vor rund einer Woche hat das Bundeskabinett den Zwischenbericht zum Nationalen Aktionsplan zur UN-Behindertenrechtskonvention vorgelegt bekommen. Den Aktionsplan 2.0 will die Bundesregierung nun aktiv fortschreiben. Vom zuständigen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Rolf Schmachtenberg, heißt es dazu, Deutschland sei auf einem guten Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Inklusion erfordere, „sich immer wieder neu für sie einzusetzen“.

Die Zeit nach der Schule, der erste Job: Das ist auch für Gunilla Große-Schware ein großes Thema. „Wie alle Eltern wollen wir das Beste für unser Kind, sie soll in keiner Behindertenwerkstatt arbeiten müssen“, sagt Gunillas Mutter. Deshalb hat das Ehepaar gemeinsam mit anderen Eltern von Kindern mit besonderem Förderbedarf den Verein „Vielfalt leben in Köln“ gegründet.

„Unser Ziel ist, ihr eine an ihren Fähigkeiten orientierte Arbeitsstelle möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen“, sagt ihr Vater. „Gunilla wäre später sicher super darin, eine gute Stimmung im Unternehmen zu verbreiten, weil sie so offen und kommunikativ ist. Vielleicht bringt sie den Mitarbeitern in einem großen Unternehmen dann die Post an ihren Schreibtisch und plaudert nebenbei mit allen ein bisschen.“

Vorher muss Gunilla die Schule abschließen. Bis dahin kann sie noch ein wenig träumen: von einer Hochzeit mit ihrem Schwarm. Den würde sie am liebsten bald schon heiraten.

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