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Bildung Betriebe kämpfen gegen Analphabetismus

Viele Unternehmen helfen Mitarbeitern bei Schreib-oder Leseschwächen – deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren. Doch sie brauchen mehr Hilfe vom Staat.
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44 Prozent der Unternehmen, die Geringqualifizierte beschäftigen, haben diesen zuletzt Programme zur „Grundbildung“ angeboten. Quelle: obs
Paketzentrum

44 Prozent der Unternehmen, die Geringqualifizierte beschäftigen, haben diesen zuletzt Programme zur „Grundbildung“ angeboten.

(Foto: obs)

BerlinDie Digitalisierung schraubt die Anforderungen auch für Ungelernte immer mehr in die Höhe: Arbeiter in der Logistik oder in Reinigungsbetrieben könnten schon bald vor der Situation stehen, nicht mehr länger nur Pakete umzuladen oder zu putzen, sondern ihre Arbeit auch auf Displays zu dokumentieren.

„Das können aber viele Helfer gar nicht, weil sie große Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben“, warnt der Bildungsexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Axel Plünnecke.

Das Problem ist größer als gemeinhin bekannt: Nach der einzigen Studie dazu gibt es in Deutschland mehr als sieben Millionen erwachsene sogenannte funktionale Analphabeten, die also nicht richtig lesen oder schreiben können. 57 Prozent davon arbeiten trotzdem, wenn auch oft prekär.

Und es sind nicht in erster Linie Zuwanderer, denn Migranten, die des Deutschen nicht mächtig sind, wurden dabei nicht berücksichtigt. Das Problem ist in weiten Teilen hausgemacht: nach den Pisa-Tests erfüllt rund ein Fünftel der 15-jährigen Schüler beim Lesen, Schreiben und Rechnen nicht die Mindestanforderungen – und nehmen das Problem dann mit in die Arbeitswelt.

Es ist auch nicht so, dass Geringqualifizierte mit solchen Defiziten am Arbeitsmarkt schon keine Rolle mehr spielten. Im Gegenteil: Noch immer hat ein Viertel der Erwerbstätigen keinen Berufsabschluss. Im Zuge der guten Konjunktur ist die Zahl der an- und ungelernten Erwerbstätigen nach Angaben des IW zwischen 2013 und 2017 um fast 900.000 gewachsen – darunter gut 500.000 Zugewanderte.

Angesichts des Fachkräftemangels reagieren immer mehr Unternehmen auf die Misere und versuchen, die Defizite geringqualifizierter Mitarbeiter so zu beheben, dass sie zumindest ihre täglichen Aufgaben bewältigen, Arbeitsanweisungen lesen oder schriftlich Informationen weitergeben können: Nach einer Studie des IW, die dem Handelsblatt vorliegt, haben zuletzt 44 Prozent der Unternehmen, die Geringqualifizierte beschäftigen, diesen Programme zur „Grundbildung“ angeboten, also etwa Schulungen zu Produkten oder für den Erwerb eines Gabelstapler-Führerscheins – aber auch Nachhilfe beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Vier Jahre zuvor waren es lediglich 29 Prozent.

Und die Betriebe gehen davon aus, dass das erst der Anfang ist: knapp zwei Drittel der Unternehmen erwarten, dass der Bedarf an Grundbildung der Mitarbeiter künftig steigen wird – 2014 glaubte das nur ein Drittel. Dabei geht es jedoch fast immer um „arbeitsplatzbezogene“ Grundbildung – denn „die Unternehmen sind ja nicht verantwortlich für das Nachholen der Schulbildung“, sagt die Autorin der Studie, Sigrid Schöpper-Grabe.

Weil aber die Lücken, die die Schule nicht füllte, beim Übergang in den Beruf nicht automatisch verschwinden, oft aber erst nach Jahren auffällig werden, kommen Arbeitgeber gar nicht darum herum, sich auch damit zu beschäftigen. Dafür wünschen sie sich aber deutlich mehr Hilfe vom Staat: Mehr als die Hälfte hätten gern eine finanzielle Unterstützung, fast ebenso viele wünschen sich eine Informationsstelle mit gebündelten Beratungsangeboten.

Die vorhandenen Förderprogramme für erwerbstätige Geringqualifizierte – wie etwa das WeGeBau-Programm der Bundesagentur für Arbeit – sehen bisher die reine Nachhilfe in elementaren Lese-, Schreib- oder Rechenfähigkeiten nicht vor, schildern die IW-Experten das Dilemma. Deshalb empfehlen sie, „die arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen der Förderung für diese Gruppe zu erweitern“.

Erste Erfahrungen bietet das Projekt „Alpha Grund“, ein vom Bundesbildungsministerium finanziertes Projekt für die Grundbildung von Erwerbstätigen: Hier haben zumindest acht der Bildungswerke der Wirtschaft ausprobiert, welche Aktivitäten sinnvoll sind. Bisher profitierten aufgrund des Pilotcharakters nur wenige tausend Menschen.

Das IW empfiehlt, das Pilotprojekt auf alle Bundesländer auszudehnen. Um jedoch deutlich mehr Menschen zu erreichen, sollte die Basisförderung derer, die die Schule als Halbgebildete verlassen haben, allerdings innerhalb der Arbeitsmarktförderung auf eine breitere Basis gestellt werden.

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