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Bildungspolitik Hochschulen sind schlecht gerüstet für die Digitalisierung

Bei der Ausbildung von Fachkräften mangelt es an Ausstattung, Geld und Personal. Allein in den nächsten Jahren fehlen 700.000 Tech-Experten.
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Welche Kompetenzen werden für das digitale Zeitalter benötigt? Quelle: mauritius images
Labor in der Universität Düsseldorf

Welche Kompetenzen werden für das digitale Zeitalter benötigt?

(Foto: mauritius images)

Berlin Die Leuphana-Universität in Lüneburg macht gerade einen großen Schritt in die digitale Zukunft. Vor einem Vierteljahr hat dort das Projekt „DATAx“ begonnen. Im Rahmen des ersten Semesters, das alle 1500 Bachelorstudenten unabhängig von ihrem Fach gemeinsam durchlaufen, werden künftig nicht nur Forschungsmethoden oder Wissenschaftsethik vermittelt, sondern auch digitale Qualifikationen.

„Unser Ziel ist, allen Studierenden eine grundlegende Programmier- und Datenanalysekompetenz mit auf den Weg zu geben“, sagt Burkhardt Funk, Professor für Wirtschaftsinformatik und Projektleiter. Erhoffter Nebeneffekt: Vielleicht beschäftigen sich einige Studenten, die eigentlich etwas ganz anderes im Sinn hatten, daraufhin intensiver mit dem Digitalthema oder wählen sogar ein solches Digitalfach dazu.

Geht es nach dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, müssen solche Beispiele schnell Schule machen. Gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey hat der Verband in einer „Future-Skills“-Studie untersucht, welche Kompetenzen für das digitale Zeitalter gefragt sind.

Kernergebnis der exklusiv für das Handelsblatt erstellten Studie: In den kommenden fünf Jahren werden 700.000 zusätzliche Tech-Spezialisten benötigt. Außerdem müssen 2,4 Millionen Erwerbstätigen Schlüsselqualifikationen wie die Fähigkeit zu agilem Arbeiten oder digitalem Lernen vermittelt werden.

Den Hochschulen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, sie „werden für die Personalstrategien von Unternehmen zunehmend wichtiger“, heißt es in der Studie. Schon heute arbeitet jede vierte der gut 600 Firmen, die McKinsey befragt hat, bei der Vermittlung von Zukunftsqualifikationen mit öffentlichen Bildungsträgern zusammen. In fünf Jahren soll es schon mehr als ein Drittel sein.

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Allerdings sind die Hochschulen dafür schlecht vorbereitet. Laut Stifterverband gibt es heute gut 50 Studiengänge in komplexer Datenanalyse und 40 in der Entwicklung von smarter Hardware oder Robotik. Noch deutlich weniger sind es für Web-Entwicklung, nutzerzentriertes Design oder die Entwicklung von Blockchain-Technologien.

Die Zahl der Informatik-Studienplätze muss dringend ausgebaut werden, rät der Stifterverband. Außerdem seien spezielle Masterprogramme etwa für Big Data sinnvoll, und beispielsweise im Maschinenbau sollte ein Schwerpunkt „Industrie 4.0“ angeboten werden.

Neue Studiengänge und Curricula reichen aber nicht, schreiben die Autoren. 2017 gab es nur 44 Weiterbildungsstudiengänge für technologische Future-Skills, mit geschätzt etwa 2000 Teilnehmern jährlich. Die Hochschulen müssten sich noch viel stärker als bisher als Weiterbilder positionieren und sollten dafür auch mehr Lehrangebote auf Internetplattformen zugänglich machen. Bislang sind nur wenige Unis wie etwa die RWTH Aachen oder die TU München auf digitalen Lernplattformen wie Coursera, edX oder Udacity präsent.

Digitale Kompetenzen unabhängig vom Fach

Digitale Kompetenzen müssten zudem allen Studenten unabhängig von ihrem Fach vermittelt werden. Das kann durch die Kombination eines berufsqualifizierenden Abschlusses in einer Fachdisziplin mit einem Master in einem informatiknahen Fach geschehen, wie es zum Beispiel in der Betriebswirtschaftslehre der Hochschule Trier mit dem Master of Computer Science gehandhabt wird. Möglich sind aber auch kombinierbare Bausteine, in denen digitales Wissen vermittelt wird, oder ein Vorsemester wie in Lüneburg.

Bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) stoßen die Forderungen auf offene Ohren: Weiterbildung als Auftrag stehe schon heute im Gesetz, sagte HRK-Präsident Peter-André Alt dem Handelsblatt. „Aber die Hochschulen sind in einer Situation permanenter Überlast, die Studierendenzahlen befinden sich auf Rekordniveau“ (siehe Interview). Auch McKinsey und der Stifterverband fordern, dass die Erneuerung von Lehr- und Lernformaten „mit deutlich mehr Ressourcen als bislang von der Politik unterstützt werden muss“.

Das findet auch die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die die Bundesregierung berät: Sie hatte dazu in ihrem jüngsten Bericht eine „Digitalisierungspauschale“ gefordert – also pro Student einen bestimmten Betrag für die digitale Infrastruktur sowie digitale Lehr- und Lernangebote.

Richte man sich dabei nach dem Digitalpakt für die Schulen, wären für die Hochschulen pro Jahr rund 260 Millionen Euro, also 1,2 Milliarden in fünf Jahren, nötig, rechnete EFI-Mitglied Uwe Cantner vor.

Hochschulen können nicht mit der Wirtschaft konkurrieren

Anders sei der digitale Rückstand nicht aufzuholen: Heute stehen die Hochschulen nach dem EFI-Gutachten zwar in der Forschung digital ganz gut da, in der Lehre und der Verwaltung hapert es aber gewaltig. Nur 14 Prozent haben überhaupt eine Digitalisierungsstrategie.

Zwar verfügen 85 Prozent der Hochschulen über zentrale IT-Systeme für die Lehre, diese werden allerdings kaum genutzt. Mobiles Lernen wird nur an jeder vierten, soziale Medien werden nicht mal an jeder fünften angeboten (siehe Grafiken) – daher spielten deutsche Hochschulen auf dem internationalen Markt für digitale Lehre bislang auch so gut wie keine Rolle.

In der Verwaltung dominieren weithin analoge Reisekostenabrechnungen oder Beschaffungsanträge.

All das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Personal fehlt: Mit befristeten Stellen und geringeren Gehältern können die Hochschulen nicht mit der Wirtschaft um die ohnehin knappen IT-Kräfte konkurrieren. „Digital- und Big-Data-Spezialisten sind für diejenigen Institutionen, die diese Spezialisten ausbilden sollen, zunehmend schwieriger zu finden und zu halten“, heißt es in der Studie des Stifterverbands.

EFI fordert daher nicht nur mehr Geld, sondern auch ein anderes Tarifrecht für die Hochschulen, damit diese bei Bedarf höhere Gehälter zahlen können.

Klar sei jedoch: „Um digitale Querschnittsqualifikationen in die Fläche zu bringen, brauchen wir in der Tat eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“, sagt Rektorenpräsident Alt. Egal ob es sich um den Kunsthistoriker, den Informatiker, die Biochemikerin oder die Physikerin handele – alle brauchten in ihrem Fach digitale Schlüsselqualifikationen und müssten diese auch weitergeben können. „Unsere Aufgabe ist es, mehr Promotionskollegs aufzubauen, um das zu fördern“, betont Alt.

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