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Bildungspolitisches Forum Forscher fordern von Familienministerin Giffey mehr Taten bei früher Bildung

Gerade hat Franziska Giffey ihr „Gute-Kita-Gesetz“ durchs Kabinett gebracht. Nun schlagen Wissenschaftler Alarm: Die Pläne gehen ihnen nicht weit genug.
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Familienministerin Giffey zu Besuch in einem hessischen Kindergarten. Quelle: dpa
Hochrangiger Gast aus Berlin

Familienministerin Giffey zu Besuch in einem hessischen Kindergarten.

(Foto: dpa)

BerlinKurz entschlossen räumt Franziska Giffey die sorgsam drapierten Erfrischungsgetränke beiseite und wuchtet einen alten Karton neben das Rednerpult. Die Bundesfamilienministerin will an diesem Dienstagmorgen über die Potenziale früher Bildung sprechen.

„80 Prozent der Kinder in Deutschland geht es gut“, erklärt die SPD-Politikerin. Die übrigen 20 Prozent lebten in sozial schwierigen Verhältnissen. Da ließe sich leicht sagen, der Durchschnitt sei in Ordnung. „Aber ich vergleiche das mit zwei Herdplatten“, sagt Giffey. „Wenn die eine Hand auf der kalten und die andere Hand auf der heißen Platte liegt, ist das im Schnitt zwar okay, aber trotzdem ist eine Hand verbrannt.“

Dann greift die Ministerin in den Karton und holt plakativ die „Bausteine“ vom „Gute-Kita-Gesetz“ heraus, das gerade vom Bundeskabinett gebilligt wurde. Auf einem Würfel steht „guter Betreuungsschlüssel“, auf den anderen „vielfältige pädagogische Angebote“, „Sprachförderung“, „qualifizierte Fachkräfte“. Bis 2022 sollen für die beschlossenen Maßnahmen 5,5 Milliarden Euro vom Bund an die Länder fließen.

„Wenn wir darüber reden, dass wir den Wohlstand unseres Landes wahren und mehren wollen durch eine gute Erwerbstätigkeit, auch von Frauen, dann wird das ohne gute Kinderbetreuung nicht funktionieren“, betont Giffey und spricht von der frühen Bildung als „nationaler Zukunftsausgabe“.

Das alles hört sich schlüssig an – wären da nicht die Veranstalter des „Bildungspolitischen Forums“, auf dem Giffey da spricht. Geladen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zusammen mit dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) unter dem Motto „Früh übt sich“. Die Wissenschaftler halten der Ministerin ein Positionspapier entgegen.

Es listet zahlreiche Vorschläge auf, wie sich die Qualität von Kitas und Grundschulen verbessern ließe und Kinder gezielt gefördert werden könnten. „Frühe Bildung ist von enormer Wichtigkeit, auch für die Wirtschaft“, betont DIW-Bildungsökonomin Katharina Spieß. Es gehe um die Entwicklung von Kindern und deren Kompetenzen, um mittelfristige Bildungswege in der Schule und langfristig um das Erwerbsleben und damit die Altersvorsorge.

„Leider gibt es in Deutschland sowohl mit Blick auf die Quantität als auch auf die Qualität derzeit einen Flickenteppich, wodurch viele Potenziale verschenkt werden“, kritisiert Spieß. Das „Gute-Kita-Gesetz“ sei ein seit langem überfälliger Start, um dem entgegenzuwirken. „Es geht in vielen Bereichen aber nicht weit genug“, bekräftigte die DIW-Abteilungsleiterin. Sie empfahl Giffey etwa, endlich bundesweite Mindeststandards für frühe Bildung anzugehen.

Aus einer „gesamtwirtschaftlichen Perspektive sind Investitionen in die frühe Bildung zentral“, heißt es in den Positionspapier. Unterschiedliche Studien belegten, dass dadurch etwa das Einkommensteueraufkommen gesteigert und staatliche Ausgaben beispielsweise der staatlichen Fürsorge gesenkt werden könnten.

Konkret fordern die Forscher, die Bildungspläne im Kita-Bereich länderübergreifenden Mindestvorgaben zu unterstellen, eine einheitliche Gebührenordnung zu schaffen und sich auf notwendige Qualifikationen der frühpädagogischen Fachkräfte zu verständigen.

„Systematisch sollte über bundesweit einheitliche Gebührenordnungen diskutiert werden, die eine einkommensabhängige progressive Gebührenstaffelung vorsehen“, heißt es in dem Forderungskatalog der Wissenschaftler. „Eine komplette Abschaffung von Kita-Gebühren ist aktuell nicht empfehlenswert.“

Kinder mit Migrations- oder Fluchthintergrund sollten laut Papier ein breites Förderangebot und nicht nur Sprachförderung bekommen. Die Quer- und Seiteneinstiege in Grundschulen aufgrund des akuten Mangels an qualifizierten Fachkräften müssten von intensiven Nachqualifikationen begleitet werden.

Es sei „absurd“ zu glauben, per Quereinstieg ein ganzes Studium nachholen zu können, betont IPN-Leiter Olaf Köller. „Gute frühkindliche Bildung steht und fällt mit einer hohen Qualität der Einrichtungen und vor allem des Personals“, erklärte der Bildungsforscher. Erzieher müssten darum höher qualifiziert, aber auch besser entlohnt werden. „Frühpädagogische Berufe müssen aufgewertet werden“, fordert Köller.

Scharfe Kritik übt DIW-Expertin Spieß an dem Umstand, dass ein Monitoring für das „Gute-Kita-Gesetz“ im Ministerium und nicht bei einer neutralen Stelle angesiedelt werden soll. Sie fordert die Politik in Bund, Ländern und Kommunen zudem auf, die Ressourcen kritisch zu prüfen und einen Kosten-Nutzen-Plan zu erstellen. Es sei wichtig, Mittel nicht nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen, sondern gezielt Projekte zu fördern.

Welche Summe nötig wäre, um alle im Positionspapier geforderten Maßnahmen umzusetzen, wollten die Wissenschaftler nicht beziffern. „Es dürfte mehr kosten als die 5,5 Milliarden Euro“, sagt Spieß. Doch es sei gut investiertes Geld. „Das Reparaturprinzip ist teurer als frühe Unterstützung.“

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