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Bildungsstand Immer mehr junge Menschen mit Hochschulabschluss – wieso das zum Problem werden kann

In Deutschland studieren vor allem mehr junge Frauen nach dem Abitur als noch vor einigen Jahren. Dabei gibt es ausreichend Perspektiven mit Potenzial.
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In der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen haben 30 Prozent einen akademischen Abschluss. Quelle: dpa
Immer mehr Studentinnen

In der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen haben 30 Prozent einen akademischen Abschluss.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Der Bildungsstand junger Menschen in Deutschland steigt weiter an. Tendenziell erreichen mehr junge Leute einen Hochschulabschluss als noch in der Generation ihrer Eltern. Das zeigen Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlicht hat, anlässlich des Weltbildungstags der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) am heutigen Samstag.

Fast 30 Prozent der 30- bis 34-Jährigen verfügen über einen Hochschulabschluss, der Anteil unter den 60- bis 64-Jährigen lag währenddessen nur bei 19 Prozent. Diese Entwicklung zeigte sich vor allem bei Frauen. Zwar haben auch mehr junge Männer einen Hochschulabschluss erreicht, aber der Anteil unter den Frauen ist stärker angestiegen. So haben in der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen Frauen mit 30 Prozent doppelt so viele einen Hochschulabschluss als in der Generation ihrer Eltern.

Die aktuellen Zahlen der Studierenden an den deutschen Hochschulen lassen vermuten, dass es auch in den nächsten Jahren vor allem mehr weibliche Absolventen geben könnte. Beispielsweise studierten an fast allen Fakultäten der Universität zu Köln 2016 mindestens genauso viele Frauen wie Männer.

An der Humanwissenschaftlichen Fakultät, an der man Studiengänge wie Psychologie und Erziehungswissenschaften studieren kann, lag der Anteil der Studentinnen sogar bei mehr als 80 Prozent. Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Deutschlands Universität mit den meisten Studierenden, sieht das ähnlich aus: Von den insgesamt fast 51.000 Studierenden im Wintersemester 2017/2018 waren mehr als die Hälfte Frauen. Das hat mehrere Gründe.

Der Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) Frank Ziegele spricht von einem generellen Phänomen in der Gesellschaft: Immer mehr Menschen studieren an den deutschen Hochschulen. „Die Arbeitswelt hat sich gewandelt, es gibt eine Akademisierung von Berufen im sozialen Bereich und in der Pflege“, erklärte er.

Inzwischen komme es immer häufiger vor, dass Erzieherinnen an Kindergärten einen Hochschulabschluss vorweisen können. Auch die Anforderungen vieler Arbeitgeber hätten sich seiner Meinung nach geändert. Das bestätigt Axel Plünnecke vom deutschen Institut der Wirtschaft (IW).

Die Gründe sind vielfältig: Die Berufsaussichten für Akademiker sind gut, sowohl die Arbeitswelt, als auch die Gesellschaft haben sich verändert. Und längst ist das Studium nicht mehr nur für Eliten angelegt.

Seit dem Jahr 2000 locken steigende Bildungsrenditen junge Schulabgänger – sie spekulieren darauf, mit einem besseren Abschluss später ein höheres Einkommen zu erzielen. Auch verstärkt eine niedrige Arbeitslosenquote unter Akademikern den Trend zum Gang an die Universitäten.

Zudem habe damals in der Gesellschaft die Meinung vorgeherrscht, man brauche mehr Akademiker. „Die Zunahme an akademischen Berufen liegt auch international daran, dass wir ein starkes Wachstum der Dienstleistungen beobachten können“, sagte Plünnecke.

Viele Wege führen an die Uni

Generell haben sich die Universitäten seit Jahren immer weiter geöffnet. „Früher war der normale Student männlich, kinderlos und etwa 18 Jahre alt. Das ist heute anders“, sagte Ziegele. In sehr vielen Bereichen studieren im Zuge der Gleichberechtigung nun mehr Frauen. Das sei allerdings nicht proportional. Im Grundschullehramt sind Frauen beispielsweise besonders häufig vertreten, in Informatikstudiengängen macht das weibliche Geschlecht allerdings dem CHE zufolge immer noch gerade einmal 20 Prozent aus. Außerdem würden immer noch wesentlich weniger Frauen promovieren oder gar lehren.

Die Wege an die Universität sind vielfältiger geworden. Auch Menschen ohne Abitur können nun studieren, Kinder während des Studiums sind kaum noch ein Problem und die Politik und Hochschulen haben für mehr Studienplätze gesorgt. „Die Gefahr ist natürlich, dass durch diese Akademisierung die Ausbildung vor die Hunde geht. Das dürfen wir aber auf keinen Fall verhindern, indem wir den NC höher setzen und wie früher nur noch die Elite an die Hochschulen lassen“, findet er.

Stattdessen müsse der Ruf des dualen Ausbildungssystems wiederhergestellt werden und für eine engere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Ausbildungsbetrieben gesorgt werden. Zurzeit stehe nämlich vor allem ein Studium bei jungen Menschen besonders hoch im Kurs.

Ein bekannter Kritiker dieser Entwicklung ist der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer. „Es muss ein gesellschaftlicher Diskurs über die Wertigkeit von Berufen stattfinden. Wir können nicht nur mit Akademikern leben“, fordert er. Den Anstieg des Frauenanteils an den Absolventen führt er auf die Debatte über die Rolle der Frau zurück.

Nach dem Abi folgt (zu) oft die Uni

Auch der Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung an der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln, Christopher Meier, kritisiert die zunehmende Akademisierung. Zu dieser komme es, weil viele Schüler den höchstmöglichen Schulabschluss erreichen wollen. Dass vor allem mehr Frauen studieren, bestätigt einen Trend bei den Betrieben in der Region Köln. Denn schon jetzt sind etwa zwei Drittel der Auszubildenden männlich, das sei besonders in den technischen und gewerblichen Bereichen so.

„Den Unternehmen ist der Schulabschluss relativ egal. Es kommt viel mehr auf die Motivation an“, sagte Meier. Er spricht von einem Automatismus bei den Abiturienten. Auf das Gymnasium folge allzu oft automatisch die Universität, beobachtet er: „Ganz egal, was einem besser liegt“. Das müsse sich ändern. Die hohen Zukunftschancen einer dualen Ausbildung wären vielen nicht bewusst. Neben umfassenden Beratungsangeboten der IHKs könnten auch Lehrer und Eltern den Abiturienten hier eine größere Vielfalt an Wegen vermitteln.

Axel Plünnecke vom IW rechnet damit, dass es in manchen Ausbildungsberufen weiterhin zu Engpässen kommen wird. Das, obwohl an sich die Löhne in technischen Ausbildungsberufen deutlich gestiegen sind und die Arbeitslosenquoten in diesem Bereich stark gesunken sind.

„Heute und für die kommenden Jahre sollten junge Menschen also wieder deutlich stärker auch die Chancen in den Ausbildungsberufen im Blick haben. Dafür ist eine gute Berufsorientierung in den Schulen wichtig – dies gilt auch für Gymnasien“, rät er.

Zudem sieht er mehrere Gründe, warum es in der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen mehr weibliche Absolventinnen gibt. „Frauen liegen inzwischen bei den Studienabschlüssen deutlich vorne. Bei Männern sind die Akademikerquoten inzwischen niedriger. Es gibt nämlich hochattraktive Alternativen in technischen Ausbildungsberufen“, sagte Plünnecke.

Ihm zufolge kommt es teilweise an Schulen dazu, dass junge Männer benachteiligt werden. „Vor 50 Jahren gab es das katholische Mädchen vom Land – heute sind es eher Jungs aus sozial schwierigen Gegenden in Städten, bei denen der Bildungserfolg ausbleibt und Bildungsarmut droht“, sagte er. Um das zu ändern, könnten finanzielle Mittel an Schulen nach einem Sozialindex zugewiesen werden.

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