Böhmermann und die Folgen Satiriker Oliver Welke attackiert Merkel

Der „Heute-Show“-Moderator Oliver Welke hat sich in der Böhmermann-Debatte zu Wort gemeldet. Er bezeichnet das Verhalten Angela Merkels als großen Fehler.
„Man kann nicht zuerst nichts sagen zum Einbestellen des deutschen Botschafters in Ankara nach dem Fall ,extra 3' und sich dann quasi als oberste deutsche Fernsehkritikerin zu Böhmermann äußern - das geht gar nicht!“ Quelle: dpa
„heute-show“-Moderator Oliver Welke

„Man kann nicht zuerst nichts sagen zum Einbestellen des deutschen Botschafters in Ankara nach dem Fall ,extra 3' und sich dann quasi als oberste deutsche Fernsehkritikerin zu Böhmermann äußern - das geht gar nicht!“

(Foto: dpa)

BerlinDer Moderator der ZDF-Satiresendung „Heute-Show“, Oliver Welke, hat den Satiriker Jan Böhmermann in der Auseinandersetzung über dessen Erdogan-Gedicht in Schutz genommen. Es sei legitim, „dass Böhmermann seine Grenzen ausloten wollte“, völlig unabhängig von der Beurteilung des Gedichts selbst, sagte Welke der "Bild"-Zeitung vom Dienstag. Er kündigte auch an, er werde den Fall in seiner Sendung am Freitag zum Thema machen, wenn dieser weiter zum Politikum wird“.

Scharfe Kritik übte Welke an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Erst zur Einbestellung des deutschen Botschafters in Ankara zu einem Lied über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in der NDR-Sendung „extra3“ schweigen „und sich dann quasi als oberste deutsche Fernsehkritikerin zu Böhmermann äußern, das geht gar nicht", sagte Welke. Dies werfe „ein schlimmes Licht auf die Prioritäten von Frau Merkel und überspitzt gesagt über ihr Verhältnis zu den Grundrechten“. Merkel habe hier „einen großen Fehler“ begangen.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter warf Merkel vor, sich im Umgang mit der Türkei „duckmäuserisch zu verhalten“, auch in Bezug auf Fragen der Menschenrechte. Was die Satire-Beiträge über Erdogan in „extra3“ und von Böhmermann angehe, so habe die Kanzlerin durch ihr Verhalten den Fall politisiert und „so trägt sie selbst die Verantwortung für den Schlamassel, in dem sie steckt“, erklärte Hofreiter in Berlin.

Der Grünen-Fraktionschef attackierte auch Erdogan: „Wer im eigenen Land Journalisten und Oppositionelle drangsaliert, sollte sich in eigener Sache mäßigen“, forderte Hofreiter. Mit seinem Vorgehen gegen Böhmermann verdrehe Erdogan „ganz offensichtlich die politischen Realitäten“.

Der Spott als Staatsfeind
Von spitzen Federn
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„Was darf die Satire?“, fragte der deutsche Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky in seinem berühmten Aufsatz von 1919 – und antwortete gleich selbst: „Alles.“ Nicht erst seit Jan Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan diskutieren Millionen Schüler wie Rechtsgelehrte über den schmalen Grat zwischen freier Meinungsäußerung und unzulässiger Schmähkritik, über falsch verstandene Zurückhaltung und die Grenzen des guten Geschmacks. Oft bemühen vermeintlich Geschmähte die Justiz und sorgen so für doppelten Spott. Eine Auswahl der prominentesten Streitfälle.

Ajatollah Khomenei und Rudi Carrell im Schlüpferstreit
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Es ist Februar 1987, auf den Farbfernsehern der westdeutschen Bundesrepublik läuft „Rudis Tagesshow“, der Comedy-Nachrichtenrückblick des inzwischen verstorbenen niederländischen Showmasters Rudi Carrell. Zwischen launigen Moderationen zur Nachrichtenlage lässt Carrell einen fiktiven Einspieler laufen: Der iranische Staatsführer Ajatollah Khomenei wird bei einer Kundgebung mit Damenunterwäsche beworfen und wühlt darin herum. Aus dem Off die Stimme von Carrell: „Ajatollah Khomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft.“ Obwohl der Ausschnitt keine 20 Sekunden dauert, sorgt er in Teheran für Ärger: Der Iran zieht daraufhin seinen Botschafter ab, verweist deutsche Diplomaten des Landes und schränkt die Handelsbeziehungen ein.

Gesprächsbedarf zwischen Kim Jong Un und Hollywood
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Nicht nur einen Einspieler, sondern gleich einen ganzen Kinofilm made in Hollywood widmete Sony Pictures dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un: In „The Interview“ versuchen sich ein TV-Moderator und sein Produzent (gespielt von James Franco und Seth Rogen) an einem Interview mit dem streitbaren Autokraten und werden dabei vom US-Geheimdienst CIA eingespannt, um Kim (Randall Park) zu liquidieren. In Pjöngjang sorgte der Film für heftigen Protest, in einer offiziellen Beschwerde verurteilt das Regime die Veröffentlichung als „Kriegshandlung“ und „unverhohlene Unterstützung von Terrorismus“.

Kohl, die ARD und der „Tiefpunkt der Geschmacklosigkeit“
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Doch nicht nur Autokraten wehren sich gegen Satire: 1998 schrieb der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl einen sechsseitigen Brief an den damaligen ARD-Intendanten. Der Grund: In der Sendung „Monitor“ ließ die Redaktion ein fiktives Telefonat zwischen Kohl und Boris Jelzin, damals russischer Präsident, abspielen, in dem die beiden über den Tschetschenien-Krieg sprechen. Der Altkanzler bezeichnete den Beitrag damals als „Tiefpunkt der Geschmacklosigkeit“.

Kaczynski und die „taz“
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Als „Polens neue Kartoffel“ bezeichnete die Satire-Seite der Berliner Tageszeitung „taz“ 2006 den damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski. Der reagierte pikiert und sagte ein geplantes deutsch-polnisch-französisches Treffen ab, bevor er eine Klage gegen die Autoren anstrengte. Auch er berief sich damals auf den Paragraphen 103 des Strafgesetzbuches, der einen Ehrenschutz für ausländische Staatsoberhäupter begründet und auch von der türkischen Regierung gegen Jan Böhmermann angeführt wird.

Mohammed Resa Pahlewi und der „Kölner Stadt-Anzeiger“
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Und wieder der Iran: 1964 druckte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ein satirisches Bild, das den damaligen Schah von Persien, Mohammed Resa Pahlewi, zusammen mit dem inzwischen verstorbenen König Saud zeigt. In der Szene übergibt der saudi-arabische König dem Schah ein Bündel Geldscheine. Untertitelt ist das Bild mit den Worten: „Also gut, gib mir die 30.000 – und du kannst Farah Diba haben!“. Farah Diba lautete der Geburtsname der Ehefrau des Schahs. Der persische Hof verlangte daraufhin die Bestrafung der Schöpfer der Fotomontage.

Die „Titanic“, im Vatikan versunken
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„Die undichte Stelle ist gefunden!“: Mit diesen Worten versah das Satire-Magazin „Titanic“ das Cover ihrer Juli-Ausgabe von 2012. Im Bild: Eine Fotomontage des damaligen Papstes Benedikt XVI., der sich offenbar eingenässt hat. Der Vatikan beauftragt nach der Veröffentlichung ein Bonner Anwaltsbüro mit der Durchsetzung einer einstweiligen Verfügung, die den weiteren Vertrieb der Ausgabe verbietet. Nach rund vier Wochen gibt der Heilige Stuhl jedoch seinen Widerstand gegen die „Titanic“-Redaktion auf – und zieht die Verfügung wieder zurück.

Auch der Beitrag in „extra3“ hatte Menschenrechtsverletzungen sowie Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei angeprangert, außerdem das gewaltsame Vorgehen gegen Kurden in der Türkei. Im Fall Böhmermann prüft die Bundesregierung derzeit, ob ein strafrechtliches Vorgehen gegen den Satiriker wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts zugelassen werden soll. Böhmermann hatte Erdogan in seinem Beitrag mit Äußerungen unter der Gürtellinie angegriffen.

  • dpa
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