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Buch der Grünen-Co-Chefin Um zu „reflektieren, zurückzuschauen und voraus“: 240 Seiten von Annalena Baerbock über sich selbst

Die Kanzlerkandidatin der Grünen schreibt in ihrem Buch darüber, was sie antreibt, wie sie regieren und die Klimaneutralität in Deutschland schaffen will.
14.06.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren
Die Grünen-Bundesvorsitzende will das Kanzleramt erobern. Quelle: REUTERS
Annalena Baerbock

Die Grünen-Bundesvorsitzende will das Kanzleramt erobern.

(Foto: REUTERS)

Berlin Eigentlich sei ein Buch „das Letzte gewesen, was ich mir vorstellen konnte, bei all dem Drumherum“. Doch der „Winter-Lockdown“ brachte sie dann doch dazu, „ein paar Dinge zu reflektieren, zurückzuschauen und voraus“, schreibt die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“, das am 21. Juni erscheinen soll und dem Handelsblatt vorab vorliegt.

Am Samstag war Baerbock auf dem Grünen-Parteitag mit 98,55 Prozent der abgegebenen Stimmen als Kanzlerkandidatin bestätigt worden, im Spitzenduo zusammen mit Co-Chef Robert Habeck. „Mit Mut, Erfindergeist, Solidarität und Vielfalt“ lasse sich eine Veränderung gestalten, die Halt geben könne in der Zukunft, sagte Baerbock in ihrer anschließenden Rede. „Über all dem steht die große Aufgabe unserer Zeit, das Abwenden der Klimakrise.“

Auf 240 Seiten legt sie jetzt noch einmal nach. „In diesem Buch beschreibe ich, wie das gelingen kann“, fasst sie ihr Anliegen zusammen. „Es geht mir nicht um abschließende Antworten auf alle Fragen, sondern um Pfade, die wir aus meiner Sicht einschlagen sollten.“

Ihr Fokus richtet sich auf Innen- wie Außenpolitik, auf Bildungs- über Industrie- bis hin zur Sicherheitspolitik. Sie habe eine „klare Vorstellung davon, was in unserem Land nicht gut ist und wie es stattdessen sein könnte“, schreibt sie. Am Donnerstag wird sie das Buch persönlich in Berlin vorstellen.

Deutschland sieht sie an einer „historischen Wegscheide“. Die Politik der letzten Jahre „war geprägt von Mutlosigkeit und einem zaghaften Auf-Sicht-Fahren statt Weitblick“, so die Grünen-Parteichefin. „Als könnten wir uns weiter irgendwie durchmogeln, mit kleinen Korrekturen hier und da, im Zweifel ein Hilfspaket auflegen – wenn der Schaden da ist und der Druck akut.“

Ein ausgezehrter Staat

Diese Politik habe den Staat ausgezehrt und zugleich Zweifel an dessen Zukunftsfähigkeit befördert. Damit müsse Schluss sein: „Die Pandemie hat uns verdeutlicht, wie zerbrechlich auch die stärksten Volkswirtschaften sind, wenn wir weiter im Reparaturmodus verharren.“

Annalena Baerbock: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern.
Ullstein
2021
240 Seiten
24 Euro

Erneut wirbt sie für einen Pakt mit der Industrie, den sie kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt skizziert hatte. Dieser Pakt garantiere Unternehmen, die sich der klimaneutralen Produktion verschrieben, die notwendige Planungssicherheit für den Umstieg, um so Produktionsstandorte in Deutschland zu sichern, schreibt sie und verspricht, die unterschiedlichen Strategien, die die einzelnen Branchen und Industrieverbände entwickelt hätten, zusammenzudenken und für Planungssicherheit zu sorgen. Sie wolle zuhören und einbeziehen, „damit unsere Politik eine bessere wird“.

Gleichzeitig sei Flexibilität gefragt. Ein klarer industriepolitischer Klimaneutralitätsplan könne nicht statisch sein, weil sich Technologien permanent weiterentwickelten.

In der Kürze der Zeit, „die uns für den Wettbewerb um die besten Lösungen und Technologien bleibt, ist eine neue Offenheit zwischen Wirtschaft und Politik nötig“, forderte Baerbock. Sie räumte ein, dass die Grünen „zu lange“ die Auffassung vertreten hätten,

„wir sind für die klare Kante zuständig, die Umsetzung müssen andere machen“. Zu groß sei das Misstrauen gegenüber manchen Branchen gewesen. „Die Parole von den dreckigen Kohlekonzernen kam auf jedem Parteitag gut an.“

Gereifte Grüne – Dankbarkeit gegenüber der Polizei

Inzwischen sieht sie die Grünen gereift, nicht nur im Verhältnis zur Wirtschaft, vor allem auch gegenüber dem Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsorganen. Während die Partei bei ihrer Gründung 1980 dem Staat mehrheitlich sehr kritisch gegenübergestanden habe, würde sie sie heute als einen der engagiertesten Verfassungsschützer unter den Parteien in Deutschland bezeichnen, so Baerbock.

Und sie beschreibt ihre Dankbarkeit, als bei einer Demonstration in Chemnitz 2018 „eine Hundertschaft von komplett vermummten Polizist*innen auf uns zu rannte, um uns, die Demonstranten*innen der Demo ‚Herz schlägt Hetze‘, gegen gewaltbereite Pegida-Anhänger*innen zu schützen“.

Das Buch ist stellenweise sehr persönlich. Baerbock erzählt von der Oma, die ihre Enkelin „Annalenchen“ nennt, eine „stolze, selbstbewusste und lebensbejahende Frau“, die ein Hauptantrieb für sie war, dass sie eine Leidenschaft für Europa- und Völkerrecht entwickelt habe.

Sie erzählt von ihren Eltern, ihren zwei Schwestern, ihrer Kindheit im Dorf Schulenberg bei Hannover und warum sie es unbedingt als 16-Jährige für ein Schuljahr in den USA verlassen wollte.

Sie wollte weg vom Land, in dem die Busse viel zu selten fahren und man Ewigkeiten an irgendwelchen Haltestellen warten muss. Damit schlägt sie den Bogen zum Heute, den Grünen-Forderungen nach mehr Investitionen in die Infrastruktur – vor allem in ländlichen Regionen.

Baerbock, selbst Mutter von zwei kleineren Kindern, hat einen starken Wunsch nach Gerechtigkeit. Das treibt sie an. Nicht ohne Grund widmet die Parteivorsitzende ein ganzes Kapitel den Themen Kinder, Bildung und Aufstiegschancen.

Dabei liefert sie jede Menge Beispiele. Etwa über die Jugendlichen von Eltern, die Hartz IV bekommen und sich darum mit Leistungskürzungen zufrieden geben müssen, wenn sie sich Geld über einen Minijob hinzuverdienen. „Das signalisiert doch knallhart: Wehe, du arbeitest und versuchst, aus dem System zu kommen. Wie soll da der Eindruck entstehen, dass sich Arbeit lohnt?“

Der Mensch im Mittelpunkt

Sie steht dafür, das Wohlergehen der Menschen insgesamt in den Mittelpunkt stellen zu wollen, nicht die Gewinnmaximierung Einzelner. Damit verbunden ist für Baerbock, „das Wirtschaftssystem neu aufzustellen und eine sozial-ökologische Marktwirtschaft zu schaffen“. Das bedeute für sie aber gerade nicht, den Markt infrage zu stellen, schreibt sie. Der freie Wettbewerb „kann mit großer Kraft Innovationen entfachen, die wir für die Transformation brauchen“. Märkte ohne Regeln könnten dagegen viel zerstören.

Doch von „dogmatischen Kampfaufstellungen wie Markt gegen Staat, Kapitalismus gegen Klimaschutz, Verzicht gegen Konsum“ will sie nichts wissen. „Sie bringen uns nicht wirklich weiter“, meint die 40-Jährige, die in den vergangenen Wochen ob ihrer Ambitionen, aber auch wegen einiger Fehler im Lebenslauf und nachgemeldeter Sonderzahlungen in die Kritik geraten war.

In der Debatte um höhere CO2- und Benzinpreise gelang es der Partei nicht, ihr Konzept eines Energiegeldes zu erläutern. Dieses wollen die Grünen einführen, um einen sozialen Ausgleich für steigende Kosten etwa bei den Benzin-, aber auch Heizkosten zu schaffen. Die Zustimmungswerte für Baerbock und die Grünen sanken.

Winfried Kretschmann, einziger Ministerpräsident der Grünen, kritisierte Union und SPD scharf. Die Benzinpreisdebatte werfe die Frage auf, wie glaubwürdig die Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz seien, sagte der baden-württembergische Regierungschef auf dem Parteitag. „Man kann sich doch nicht gleich aus dem Staub machen, wenn es mal Gegenwind gibt. Oder – noch schlimmer – den Gegenwind selbst erzeugen, weil man sich davon taktische Geländegewinne verspricht.“

Unlängst hatten sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gegen eine weitere Verteuerung von Benzin ausgesprochen. Klar ist aber, dass mit einem steigenden CO2-Preis auch der Benzinpreis steigt – das hat die Große Koalition selbst so vorgesehen.

Wider Schwarz-weiß-Debatten von gestern

Die Gegenwehr ist groß, zuletzt zu beobachten in Form einer großformatigen Anzeige durch die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), mit der Baerbock und die Grünen als vermeintliche Verbotspartei abgestempelt werden sollten. Finanziert wird die INSM nach eigenen Angaben durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie. Und auch wenn ein schneller Faktencheck der Nachrichtenagentur dpa „halb gare Vorwürfe“ offenbarte und sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) von der Anzeige distanzierte, dürfte bei vielen Wählern sich der Eindruck festsetzen, die Grünen wollten das Land lähmen.

Baerbock selbst warnt davor, in den Schwarz-weiß-Debatten von gestern und den vermeintlichen Unvereinbarkeiten der Vergangenheit hängen zu bleiben. Es sei vielmehr wichtig, „die politischen Stellschrauben so anzusetzen, dass Nachhaltigkeit, soziale Fragen, wirtschaftliche Entwicklung und ökonomische Stabilität ineinandergreifen“.

Ihr gehe es nicht darum, übliche Regierungspolitik in Grün zu machen, sondern neue Prioritäten zu setzen, bessere Politik zu machen, schreibt sie in ihrem Buch. „Was alles nicht geht, haben wir alle miteinander gerade in der Pandemiezeit noch einmal vor Augen geführt bekommen. Jetzt zählt es, in den Blick zu nehmen, was alles geht.“

Mehr: Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock verspricht eine Transformation der Wirtschaft ohne Opfer. Doch wie ist das?

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