Buchkritik So tickt der Bundestag

Ein Jahr auf der harten Besucherbank des Bundestags: Autor Roger Willemsen hat in Berlin dieses Experiment gewagt und danach ein Buch geschrieben, das Emotionen weckt – vor allem Wut.
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Interesse sieht anders aus: Thomas de Maiziere, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Angela Merkel (von links). Quelle: dpa

Interesse sieht anders aus: Thomas de Maiziere, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Angela Merkel (von links).

(Foto: dpa)

BerlinEs ist nicht leicht, in den deutschen Bundestag zu kommen. Auch nicht für Besucher. Ein Jugendlicher darf nicht hinein, solange er das Kaugummi im Mund hat. Es widerspräche der Würde des Hauses, sagt der Schrank von einem Sicherheitsmann. Roger Willemsen beschreibt die Szene in seinem neuen Buch „Das hohe Haus“ und stellt anschließend die Frage: „Aber wird sich auch das Haus der Entsorgung des Kaugummis würdig erweisen?“.

Ein Jahr lang (2013) hat es sich Willemsen auf der harten Besucherbank des Reichstages so gemütlich wie möglich gemacht. Und was er dort erlebte, geht an Überraschung, Verdrossenheit und extremer Unhöflichkeit weit über das hinaus, was ein Kaugummi jemals bedeuten könnte. Willemsens Buch ist trotz einiger Schwächen nicht nur ein Werk des Fleißes und ein Beweis, wie hart auch etablierte Autoren zu sich selbst gegenüber sein können. Es überzeugt auch mit einem streckenweise herrlichen Sprachstil und einer feinen Ironie. Aber vor allem weckt es mehr Emotionen als ein Konzert von Helene Fischer: Der Leser wird wütend, hat Mitleid, lacht mit, lacht über das Beschriebene, ballt die Faust und schlägt sich mit der Hand vor den Kopf.

Was an diesem Buch gefällt ist, dass der Autor die Worte der Politiker mit einem ungehörig großen Feingefühl dreht und wendet. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der 142 getöteten Menschen nahe dem afghanischen Kunduz nach einer durch einen deutschen General angeordneten Bombardierung sagt: „Wenn es zivile Opfer gegeben haben sollte, dann werden ich das natürlich zutiefst betrauern.“ Willemsen hört diesen Satz und macht daraus in seinem Buch folgende Passage: „Das konjunktivische Mitleid: Wenn tot, dann traurig, wenn traurig, dann ‚„zutiefst‘“, und wenn ‚„zutiefst‘“, dann ‚„natürlich‘“. So muss man Merkel erst mal interpretieren.

Großer Sport sind auch die reportageartigen Beschreibungen von Sitzungen: „Ilse Aigner trägt jetzt den Pagenkopf, mit dem Michelle Obama gerade ihre Midlife-Crisis erklärte … Wolfgang Schäuble rast in Hochgeschwindigkeit die Rampe runter, helfende Hände ausschlagend, grüßende schüttelnd … Eine Wichtigkeit liegt in der Luft, der Geräuschpegel steigt … Peer Steinbrück zeigt sich, ein selektives Nicken … Die neue Bildungsministerin Johanna Wanka wird vereidigt. Sie trägt ein französisches Pelzkrägelchen, Merkel den üblichen Brustpanzer …“

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8 Kommentare zu "Buchkritik: So tickt der Bundestag"

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  • Darum hassen unsere Politiker ja auch so die Volksabstimmungen und können angeblich nicht verstehen, dass die Schweiz sich von Europa entfernen will. Es gibt eben echte Demokraten udn es gibt die ausführenden Organe der NWO

  • bitte.

  • ...So tickt der Bundestag.....
    Ein Zitat als Kommentar:
    Am Ende standen die Häuptlinge ohne Gefolgsleute da.
    Das letzte Recht, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen konnten, war das Recht, als Letzte zu verhungern.
    Jared Diamond >KOLLAPS<

  • Danke für Ihren auf grosse Erfahrung basierenden Kommentar!

  • Was erwarten Sie von einer Regierung welche Staat und Kirche durch ihre obersten Häupter verschmelzt hat.
    Sollten nicht Staat und Kirchen autark und getrennt agieren?
    Wie soll die Regierung gegen Fanatikern anderer Religionen agieren, wenn man sich durch diese Ausrichtung selbst gefesselt hat?

  • Ja, das ist die traurige Wahrheit.

    Und die Bevölkerung weiß das doch schon längst.

    Es interessiert doch auch niemanden mehr.

    Jeder sieht nur noch zu, wie er am besten über die Runden kommt.

    Nicht jeder kann eben als Bahnvorstand ent(ver)sorgt werden.

    Es wird eine Zeit kommen, da hat die Regierung und das Parlament kein Volk mehr, weil die Leute dann vollständig abgeschaltet haben.

    Die Demokratie stirbt am "ohne mich", sprach einst der Ludwig Erhard.

    Und Demokratie hatten wir ohnehin noch nie in Deutschland. Bestenfalls eben eine Parlamentarische Demokratie. Und in welchen Händen die dann liegt, zeigt dieser Artikel des Handelsblatts nur einmal mehr.

    Von den Schweizern lernen, heißt als Demokrat siegen lernen. Und genau da müssen wir hin kommen.

    Zarte Entwicklungen dorthin gibt es ja bereits.

    Die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt.

  • dazu muss man sich doch nicht 1 jahr damit befassen. da reichen doch 5 minuten.

  • Jüngere Leser brauchen das Buch nicht - die Lesen doch eh nicht UND

    Politikverdrossen sind wir eben, weil es so in der Berliner Politik zugeht. (Und die EU Politik setzt da noch einen drauf.) Das Buch ist da weder Ursache noch sonst irgendwas - sondern (wenn überhaupt) nur ein Beweis des Ganzen.

    Und last-not-least: anstatt mehrteilige Rezessionen zu pinseln, hätte man sich die Presse als kritische Berichterstattung in der aktuellen Politikarbeit gewünscht. Stw: investigative Pressearbeit und kritisches Hinterfragen... Aber seitdem die ehem. "freie Presse" diese Rolle aufgegeben hat und sich lieber die Häppchen konsumierend beim Empfang der Partei räkelt... nun, da bekommt der Bürger das, was er ohnehin erwartet. Und so stellt sich letztlich die Frage ob das Buch nicht so ist, wie ein Buch über Regenwetter und Regenschirme. Alltäglich. Banal. Voller überflüssiger Informationen und letztlich nur für den Schirmenthusiasten gedacht?

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