Bürokratieabbau Wie Deutschland das Gründen erleichtern kann

Die Zahl der Unternehmensgründer in Deutschland sinkt. Die Bundesregierung will mit Bürokratieabbau helfen. Erste Vorschläge liegen nun auf dem Tisch.
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Laut einer aktuellen Umfrage des IT-Verbands Bitkom sind Gründer in Deutschland mit nichts so unzufrieden wie mit der Bürokratie. Quelle: dpa
Bürokratieabbau

Laut einer aktuellen Umfrage des IT-Verbands Bitkom sind Gründer in Deutschland mit nichts so unzufrieden wie mit der Bürokratie.

(Foto: dpa)

Berlin, DüsseldorfEigentlich war alles schon eingetütet: Als Christian Manthey 2013 sein Beratungsunternehmen Firma.de gründen wollte, ging der erste Weg pflichtschuldig zur Industrie- und Handelskammer (IHK): „Dort haben wir angefragt, ob wir den Unternehmensnamen so ins Handelsregister eintragen lassen können“, erzählt Mitgründer und Technikchef Christian Kedzierski.

Die Antwort kam prompt: Alles kein Problem. Doch dann folgte die Absage vom Handelsregister. Der Name war zu allgemein. Kedzierski und Manthey mussten den Namen in „Firma.de Firmenbaukasten AG“ ändern. Und der Papierkram begann noch einmal von vorne.

Von Startschwierigkeiten dieser Art berichten viele Gründer. Und auch wenn die ersten Formalitäten erledigt sind, nehmen die bürokratischen Hürden kein Ende.

Gründer wie Sophie Chung, von der Arztvermittlungsplattform Qunomedical klagen etwa immer wieder darüber, wie kompliziert es aufgrund der deutschen Gesetze ist, Fachkräfte von außerhalb der Europäischen Union nach Deutschland zu bekommen. „Das Einstellen von Quereinsteigern aus dem Ausland ist zum Beispiel extrem schwierig, obwohl das bei Startups ja durchaus üblich ist“, sagt sie.

Wie eine aktuelle Umfrage des IT-Verbands Bitkom unter 300 Gründern ergab, sind diese mit nichts am Standort Deutschland so unzufrieden wie mit der Bürokratie.

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Laut einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsberatung KPMG im Auftrag des Bundesverbands Deutsche Start-ups unter 1291 Gründern ist der Abbau von regulatorischen und bürokratischen Hürden deren größter Wunsch an die Politik.

Bei ihren Koalitionsverhandlungen hatten CDU, CSU und SPD versprochen, sich um das Problem zu kümmern. Konkretes gab es bisher jedoch noch nicht.

Nun hat die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT) gemeinsam mit dem Verband Die Jungen Unternehmer zehn Forderungen aufgestellt, wie den Unternehmern das Leben erleichtert werden könnte.

Das Papier liegt dem Handelsblatt vorab vor. „Die Gründungsbereitschaft ist in Deutschland leider noch nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern“, heißt es darin. Ein wichtiger Grund dafür sei der „bürokratische Dschungel, durch den sich jeder Gründer kämpfen müsse“.

Seit Jahren bemüht sich die Bundesregierung, die Zahl der Gründer zu erhöhen. Sie legt immer neue Förderprogramme und Beratungsangebote auf – bisher jedoch mit wenig nachhaltigem Erfolg.

Die Zahl der Unternehmensgründungen ist zuletzt zwar wieder leicht gestiegen – der Trend zeigt jedoch nach unten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte sich wiederholt sehr besorgt darüber geäußert, dass „immer weniger junge Menschen ein Unternehmen gründen“.

„Wir müssen zum Gründerland Nr. 1 in Europa werden“, fordert Carsten Linnemann (CDU), Chef der MIT im Handelsblatt. „Das geht nur, wenn sich Gründer in der Startphase auf ihr Geschäft und die Kundenakquise konzentrieren können und sich nicht mit unverständlichen Regulierungen und Steuervorschriften auseinandersetzen müssen.“
Die Situation ist derzeit jedoch eine andere, wie Kai Teute berichten kann. Er ist Seriengründer und hat unter anderem das Bekleidungsunternehmen BK Beachhouse gegründet. Schon in der Anfangsphase musste er sich bis zu einem Tag in der Woche mit der Buchhaltung befassen.

Das deutsche Steuerrecht brachte aber auch finanzielle Herausforderungen mit sich. So musste Teutes Unternehmen die Umsatzsteuer auf ausgelieferte Ware immer sofort bezahlen – und nicht erst, wenn das Geld vom Kunden auf dem Firmenkonto eingegangen war.

Zwar müssen Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 500.000 Euro pro Jahr die Steuer erst dann abführen, wenn der Kunde die Rechnung auch bezahlt hat. Doch Teutes Unternehmen hatte diese Schwelle schnell überschritten. Die Vorauszahlungen waren gerade in der Anfangszeit eine Herausforderung.

„Teilweise lagen zwischen dem Zeitpunkt, zu dem wir die Umsatzsteuer an das Finanzamt abführen mussten, und der Bezahlung durch den Auftraggeber zwei Monate.“ Das Unternehmen habe Beträge im deutlichen fünfstelligen Bereich vorstrecken müssen, erinnert sich Teute. „Wir konnten das nur mithilfe von Krediten stemmen.“ MIT und Junge Unternehmer wollen die Grenze von 500.000 Euro auf eine Million anheben.

Auch Marlies Marschke, die gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Sebastian Misch Ende 2016 das Unternehmen Uhrwerk Berlin gegründet hat, ein Onlinehandel für Uhren, stellt das deutsche Steuerrecht wie viele andere Gründer auch vor Herausforderungen.

Das Problem: Wenn sie ihren Jahresabschluss machen, können sie nur grob schätzen, wie viel Steuern sie tatsächlich entrichten werden und wie viel sie am Ende zurückerstattet bekommen.

Weil das Finanzamt aber erst ab Mai des aktuellen Jahres alle Meldungen anfängt zu bearbeiten, wissen Marschke und Misch erst nach frühestens weiteren vier Monaten, wie viel von ihren Steuerrücklagen übrig bleibt – erst dann können sie das Geld wieder in ihre Firma investieren. „Das sind mindestens 9 Monate nicht nutzbares, aber existierendes Kapital. Gerade in der Anfangsphase hätten wir uns ein einfacheres Steuerrecht gewünscht“, sagt Marschke.

Für Gründer sollten Regeln in der ersten Zeit gelockert werden, fordern MIT und der Verband die jungen Unternehmer. So sollen sie auch von bestimmten Regeln zur Ausgestaltung von Büroräumen befreit werden und ihnen keine Bußgelder bei fahrlässigen Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz oder den Mindestlohn mehr drohen. Die Jungen Unternehmer würden am liebsten gleich die Arbeitszeiten selbst aufweichen.

„Die gesetzlichen Tageshöchstarbeitszeiten und Ruhezeiten stammen aus einer Zeit, als noch die Mehrheit der Arbeitnehmer körperlich schuften mussten“, sagt Sarna Rösner, Chefin des Verbands die Die Jungen Unternehmer. Eine weitere Erleichterung soll die Befreiung von Unternehmen in den ersten zwei Jahren von der sogenannten Vorfälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge sein, die Rösner als „völlig unnötige Mehrbelastung“ kritisiert.

Komplizierter dürfte das Problem der verstreuten Zuständigkeiten zu lösen sein. „Gründen heißt der lange Weg durch die Silos – von der IHK, zum Notar, dann zur Bank und wieder zurück“, klagt Unternehmer Kedzierski.

Ein Problem, dass auch das Chemie-Start-up DexLeChem kennt. Gründerin Sonja Jost hat an der TU Berlin ein billigeres und umweltfreundlicheres Verfahren zur Produktion von Arzneimitteln und Duftstoffen entwickelt. Jetzt will sie eine eigene Produktion in Deutschland aufbauen.

Doch die Suche nach dem optimalen Standort gestaltet sich schwierig. „Wir arbeiten schon seit vielen Wochen daran, herauszufinden, welche Abteilungen bei Zulassungsverfahren an den verschiedenen Standorten involviert sind, wer die zuständigen Mitarbeiter sind und was allgemein die Anforderungen sind“, erzählt Jost. „Ein einheitlicher Ansprechpartner wäre sehr hilfreich.“

Dass für Unternehmensgründer ein sogenannter „One-Stop-Shop“ eingerichtet werden soll, ist bereits seit mehreren Jahren im Gespräch – bislang ohne Erfolg, wie Johannes Ludewig feststellt, Chef des Nationalen Normenkontrollrats, ein im Kanzleramt angesiedeltes Beratergremium der Bundesregierung für den Bürokratieabbau.

„In der letzten Legislaturperiode wurden wenig Fortschritte erzielt, was die Einrichtung eines einheitlichen Ansprechpartners“, kritisiert er im Handelsblatt. „Ich hoffe, dass in dieser Legislaturperiode mehr politischer Wille da ist. Die Zeit drängt.“

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