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Bundestagswahl Die Piraten kommen

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"Ich habe ein Gefühl wie damals", sagt Thomas Koch. Er passt nicht ins Bild der jugendlichen Spaßpartei. Gut, sein Schnäuzer ist piratig gezwirbelt, aber so trägt der Mann das im Rheinland. Koch ist 57, einer der bekanntesten Figuren der Marketingszene, seine Mediaagentur war einmal die größte unabhänginge im Lande und verwaltete über eine Milliarde Mark an Kundenetats. Seit Juli ist Koch Pirat.

"Ich liebe das Internet. Und ich kann jede der Forderungen der Piraten unterschreiben. Außerdem: Junge Menschen begeistern sich wieder für Politik - das ist toll", schwärmt der Düsseldorfer. "Die planen Aktionen, sind so viel kreativer als die anderen Parteien. Schauen sie sich doch nur die Wahlplakate von CDU und SPD an - das ist grausig. Und die Piraten sind so herrlich unorganisiert."

Herrlich unorganisiert. Das trifft zu für viele Momente bei der Landesversammlung NRW. Vorne stehen ein paar junge Männer, sie sollen später die Stimmen zählen. "Mike, wolltest Du nicht kandidieren? Dann darfst Du nicht zählen", mahnt der Wahlleiter an. "Oh, sorry", der Angesprochene hebt die Hand und setzt sich wieder.

Für viele im Saal ist es die erste Konfrontation mit der Bürokratie, die Parteien in der Bundesrepublik Deutschland abverlangt wird. Wahlhelfer, Versammlungsleiter, Schriftführer - lauter Posten, die für mitleidiges Lächeln sorgen. Mancher meldet sich spontan, den Gesichtern ist anzumerken: So richtig ernst mag das kaum jemand nehmen. Am Ende werden sie umsonst im Kolping-Haus gesessen haben: Eine Verwirrung zwischen Stimmzetteln und Stimmkarten sorgt dafür, dass die Wahlen nicht durchgeführt werden können - Frust. "Das System versteht doch keine Sau", flucht einer der Teilnehmer.

Noch vor einem Jahr war es leichter mit den Wahlen. Damals hätten in Düsseldorf vielleicht zwei Dutzend Leute beieinander gesessen. Doch den Piraten gelingt derzeit, woran die Großen seit Jahren verzweifeln: Sie machen aus Anhängern Mitglieder. Und das in atemberaubendem Tempo: 1 000 waren es bundesweit im Frühjahr, heute sind es über 8 000. Die Piratenpartei ist die mitgliederstärkste Partei nach den Grünen.

"Das ist eine wahnsinnige Herausforderung", sagt Jens Seipenbusch. Der 41-Jährige kümmert sich tagsüber um die IT-Ausstattung des Jura-Fachbereichs der Uni Münster - in seiner Freizeit ist er Parteivorsitzender. Fast enervierend ruhig spricht er, es ist nicht möglich ihn sich in einem überhitzten Bierzelt vorzustellen, die Rauch- und Alkoholschwaden schreiend durchschneidend. "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher nennt ihn einen "Intellektuellen von Format". "Um die Außendarstellung machen wir uns erst sekundär Gedanken", sagt er: "Wir wollen keine Gesichter auf Wahlplakaten haben. Es gibt PR-Berater, die sagen, das würde uns schaden. Aber man muss ja nicht alles so machen, wie die anderen." Seipenbusch zuckt mit den Achseln.

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