++ Newsblog zur Bundestagswahl ++ Volksparteien mit historischen Wahlpleiten, AfD wird dritte Kraft

Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin. Doch ihr Ergebnis ist schwach. Eine herbe Pleite erlebt die SPD, die als Konsequenz in die Opposition gehen will. Dritte Kraft im Bundestag wird die AfD – vor Grünen und Linken.
Update: 25.09.2017 - 04:20 Uhr 1 Kommentar

„Not my Mutti“ – Merkels schwierige Aufgabe nach der SPD-Absage

Die Wahllokale sind geschlossen. Die Union erhält die meisten Stimmen, muss aber erhebliche Verluste hinnehmen. Eine historische Niederlage droht der SPD und deren Spitzenkandidaten Martin Schulz. Die AfD erzielt ein zweistelliges Ergebnis und wird dritte Kraft im neuen Bundestag. Verfolgen Sie die Wahl in unserem Newsblog.


+++ Das Wichtigste in Kürze +++

  • Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin
  • Union büßt viele Prozentpunkte ein
  • SPD erlebt krachende Niederlage und will in die Opposition
  • AfD ist die neue dritte Kraft im Parlament
  • FDP, Linke und Grüne sicher im Bundestag

+++ Das vorläufige Ergebnis nach Auszählung aller Wahlkreise (Stand 4:00 Uhr)+++

  • CDU/CSU: 33,0 Prozent
  • SPD: 20,5 Prozent
  • AfD: 12,6 Prozent
  • FDP: 10,7 Prozent
  • Linke: 9,2 Prozent
  • Grüne: 8,9 Prozent


+++ Wahlsieger in Sachsen: Die AfD +++
Die AfD hat die Bundestagswahl in Sachsen gewonnen. Wie die Landeswahlleitung in der Nacht zum Montag in Kamenz mitteilte, wurde die rechtspopulistische Partei mit 27,0 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung von 0,1 Prozentpunkten vor der CDU hauchdünn stärkste Kraft in dem Bundesland.

+++ AfD-Co-Chefin Petry gewinnt Direktmandat in Sachsen +++
Die AfD-Co-Vorsitzende Frauke Petry gewinnt das Direktmandat im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Sie setzt sich mit 37,4 Prozent der Erststimmen klar gegen den bisherigen CDU-Abgeordneten Klaus Brähmig durch, der 28,8 Prozent erhält. Auch nach Zweitstimmen liegt die AfD im Wahlkreis mit 35,5 Prozent vorn.

+++ Merkel gewinnt ihren Wahlkreis vor AfD-Kandidaten +++
Kanzlerin Angela Merkel gewinnt ihren Wahlkreis in Vorpommern klar vor dem mecklenburg-vorpommerschen AfD-Landesvorsitzenden Leif-Erik Holm. Die CDU-Vorsitzende erhält 44,0 Prozent der Erststimmen (2013: 56,2 Prozent). Holm landet auf Platz zwei mit 19,2 Prozent, zieht aber über die Landesliste in den Bundestag ein.

+++ Merkel zuversichtlich für Regierungsbildung bis Weihnachten +++
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hält es für möglich, dass eine neue Regierung trotz schwieriger Koalitionsverhandlungen bis Weihnachten im Amt ist. Auf die Frage, wie zuversichtlich sie sei, den Deutschen bis Weihnachten eine stabile Regierung präsentieren zu können, sagte sie: „Ich bin generell immer zuversichtlich. Und außerdem: Seit vielen Jahren habe ich das Motto: in der Ruhe liegt die Kraft.“

„Ich glaube, das Kapitel GroKo ist beendet"

+++ Euro nach der Wahl im Minus +++
Der Euro hat mit Kursverlusten auf den Ausgang der Bundestagswahl reagiert. Die Gemeinschaftswährung gab im asiatischen Handel am Montag (Ortszeit) um 0,4 Prozent auf 1,1906 Dollar nach. „Für die Börsen ist der Ausgang der Wahl kein erfreulicher, da es wider Erwarten zu politischen Unsicherheiten kommt“, erklärte der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. „Zu Wochenbeginn dürfte es turbulenter an den europäischen Finanzmärkten zugehen.“ Dort könne die Sorge „eines politisch nicht mehr ganz so stabilen Deutschlands“ aufkommen.

+++ Von der Leyen verpasst erneut Direktmandat +++
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat bei der Bundestagswahl erneut ein Direktmandat verpasst. Wie schon 2013 und 2009 kam die Spitzenkandidatin der niedersächsischen CDU im Wahlkreis Stadt Hannover II auf den zweiten Platz. Sie erreichte 28,9 Prozent der Erststimmen. Die frühere Generalsekretärin der SPD, Yasmin Fahimi, gewann mit 33,7 Prozent das Direktmandat. 2013 hatte von der Leyen mit 33,9 Prozent der Erststimmen im Duell mit Edelgard Bulmahn den kürzeren gezogen. Von der Leyen (58) gehört dem Bundestag seit 2009 an. CDU-Generalsekretär Ulf Thiele sagte am Sonntagabend, dass von der Leyen wegen ihres Spitzenplatzes auf der Landesliste erneut mit einem Bundestagsmandat rechnen könne.

+++ „Ich bin nicht dazu bereit, mir jede Debatte durch die AfD bestimmen zu lassen“ +++
Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt fordert eine Auseinandersetzung mit der AfD im Bundestag. „Ignorieren kommt für mich nicht infrage“, sagte sie am Sonntagabend. „Ich bin nicht dazu bereit, mir jede Debatte durch die AfD bestimmen zu lassen.“ Die Demokraten im Parlament müssten sich darauf verständigen, wie diese Auseinandersetzung mit der AfD geführt werden könnte. „Es kann doch nicht sein, dass wir einer Partei eine offene Bühne bieten, die teilen will, die das Land spalten will.“

+++ Grüne erwarten schwierige Gespräche +++
Göring-Eckardt erwartet ein hartes Ringen um die Bildung einer möglichen Koalition aus Union, FDP und Grünen. „Ich bin sicher, wir werden uns da streiten, es wird hart werden, das wird schwierig werden, es wird kompliziert werden“, sagte sie. „Ich weiß nicht, ob es zu einem Ergebnis kommen wird.“ Auf die Frage, ob sie ein Jamaika-Bündnis reizen würde, entgegnete sie: „Das ist nicht die Kategorie. Da geht es um Ernsthaftigkeit und um Verantwortung.“ Zugleich stellte sie Bedingungen für ein Regierungsbündnis: „Natürlich sind wir in der Klimaschutzfrage sehr konsequent.“ Das erwarteten auch die Wähler.

+++ Merkel: Ich scheue mich vor keinem Untersuchungsausschuss +++

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich zurückhaltend zu AfD-Forderungen nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu ihrer Flüchtlingspolitik geäußert. „Ich scheue mich vor keinem Untersuchungsausschuss“, sagte Merkel am Sonntag in der „Berliner Runde“ von ARD und ZDF. Die CDU-Chefin ergänzte aber: „Wir müssen nur aufpassen, dass wir noch genug Zeit haben, uns um die Zukunft zu kümmern.“ Es gehe um die wirtschaftliche Zukunft des Landes, Deutschland befinde sich „in einer der dramatischsten Umbrüche der Menschheit“, der Digitalisierung. „Deshalb rate ich uns, die Legislaturperiode nicht mit Vergangenheitsschau allein“ zu beginnen. Merkel kündigte zugleich eine sehr harte Auseinandersetzung mit der AfD auf dem Boden des Grundgesetzes im Parlament an.

+++ Angela Merkel spricht zu den CDU-Anhängern +++
Bundeskanzlerin Angela Merkel will zum vierten Mal in Folge ein Regierungsbündnis unter ihrer Führung schmieden. „Wir haben einen Auftrag, eine Regierung zu bilden. Und gegen uns kann keine Regierung gebildet werden“, sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntagabend: „Wir haben einen Auftrag, Verantwortung zu übernehmen.“ Man brauche aber nicht drumherum zu reden, dass man sich bei der Bundestagswahl ein besseres Ergebnis gewünscht hätte. Mit Blick auf den Erfolg der AfD sagte sie: „Wir wollen die Wähler und Wählerinnen der AfD zurückgewinnen.“ Zudem lägen nun weitere große Herausforderungen vor der Union, sagte Merkel: „Dazu gehört vor allem, für wirtschaftlichen Wohlstand zu sorgen. Dazu gehört, die EU zusammenzuhalten und ein starkes Europa zu bauen. Dazu gehört, die illegale Migration zu bekämpfen.“

+++ Wahlbeteiligung weiter im Aufwind +++
Deutschlands Wähler kehren an die Stimm-Urnen zurück. Nach den jüngsten Landtagswahlen zeigt auch die Wahl zum Bundestag: Der jahrelange Abwärtstrend bei der Wahlbeteiligung ist offenbar gebrochen. Sie lag am Sonntag bei 75 bis 76,5 Prozent, 2013 hatten nur 71,5 der Wahlberechtigten abgestimmt.

Keine Lust mehr auf Merkel
Angela Merkel
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Die Enttäuschung ist ihr anzusehen: Angela Merkel wird Bundeskanzlerin bleiben, CDU/CSU haben jedoch viel Stimmen verloren.

Im Adenauer-Haus
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Die Parteispitze applaudiert der Chefin. Als die CDU-Chefin um 18.49 Uhr auf die Bühne im Konrad-Adenauer-Haus tritt, wird sie mit „Angie, Angie“-Rufen empfangen.

Handy-Alarm
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Die Kanzlerin erklärt die Union trotz der Verluste zur Wahlsiegerin, weil das „strategische Ziel“ erreicht worden sei, weiter die Regierung anzuführen.

CDU-Spitze
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Dass die CDU-Chefin die gesamte Führungsspitze hinter sich versammelt, sollte ein wichtiges Zeichen sein: Auch beim schlechtesten Ergebnis der Union seit 1949 soll nicht der Eindruck einer Führungsdiskussion in der CDU entstehen.

Enttäuscht
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Noch schlechter müsste die Stimmung bei der SPD sein. Die Sozialdemokraten haben ein historisches Debakel zu verkraften.

Im Willy-Brandt-Haus
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Doch als der Vorsitzende um 18.30 Uhr zusammen mit der Führungsmannschaft im Atrium des Willy-Brandt-Hauses erscheint, gibt es kein Halten mehr. „Martin, Martin“, rufen Mitarbeiter, Jusos und Parteianhänger. Moment mal.

Viel Applaus
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Steht da vorne nicht jener Mann, in dessen Verantwortung die älteste Partei Deutschlands, die Partei von Bebel, Schumacher und Brandt, gerade krachend vor die Wand gefahren ist? Wer sich angesichts der katastrophalen Zahlen knapp über 20 Prozent fragt, kann die SPD mit Schulz überhaupt weitermachen, erlebt in diesem Moment quasi eine Abstimmung mit den Füßen. Die Genossen wollen ihren Martin behalten. Und er will es auch.

+++ Lindner wird FDP-Fraktionschef im Bundestag +++
FDP-Chef Christian Lindner hat den Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag als großen Erfolg gewertet. „Die vergangene Wahlperiode war die erste in der Geschichte der Republik, in der es keine liberale Stimme im Bundestag gab – es soll zugleich die letzte gewesen sein“, sagte Lindner am Sonntagabend unter dem Beifall seiner Anhänger in Berlin. „Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit im Deutschen Bundestag, denn die Menschen haben uns ein Comeback ermöglicht.“ Er selbst soll Fraktionsvorsitzender werden. Parteivize Wolfgang Kubicki will ihn bei der konstituierenden Sitzung der Fraktion an diesem Montag vorschlagen, wie am Sonntagabend in FDP-Kreisen zu erfahren war.

+++ Anti-Merkel-Stimmung bei der AfD +++
Als die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel später auf die Bühne tritt, kündigt auch sie sofort einen „Untersuchungsausschuss Angela Merkel“ an, „der sich ganz dezidiert mit den Rechtsbrüchen dieser Dame beschäftigen wird“. Wieder brandet Jubel auf, wie immer, wenn ein Redner gegen Merkel spricht. Parteichef Jörg Meuthen befeuert die Anti-Merkel-Stimmung weiter: „Wir haben der Union mehr als eine Million Stimmen abgenommen. Es ist das schlechteste Ergebnis der CDU seit 1953, und das sollte der Dame klarmachen, doch endlich mal zu gehen“, rief er in der Saal.

+++ „Ein zweistelliges Ergebnis war nicht zu erwarten“ +++
FDP-Urgestein Hermann Otto Solms zeigte sich hoch zufrieden: „Ein zweistelliges Ergebnis war nicht zu erwarten. Und das befriedigt uns natürlich sehr. Aber es ist eben auch ein Auftrag. Und es wird nicht einfach sein bei der Gemengelage mit sechs Fraktionen im Bundestag und einer angeschlagenen Führung“, sagte er dem Handelsblatt.

+++ FDP und Grüne gesprächsbereit +++
Grüne und FDP sind nach der Bundestagswahl gesprächsbereit, was eine mögliche Koalition mit der Union angeht. Einen Automatismus für ein Jamaika-Bündnis gebe es aber nicht. FDP-Vize Wolfgang Kubicki sagte in der ARD: „Man kann uns nicht in eine Koalition hineinzwingen.“ Dies gelte ungeachtet der Tatsache, dass die SPD eine Fortsetzung der großen Koalition ablehne. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte, seine Partei werde „sehr ernsthafte Gespräche“ mit den anderen demokratischen Parteien führen. Das gute Abschneiden der AfD sei „bitter für alle Bürger“.

„Wir werden Frau Merkel jagen – und unser Land und Volk zurückholen“

+++ Regierungsbildung schwierig +++

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) geht von einer schwierigen Regierungsbildung nach der Bundestagswahl aus. Trotz der schweren Verluste der Union vom Sonntag sagt er in der ARD: „Die CDU hat die Wahl gewonnen. Wir wollen, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt.“ Die Aufgabe, eine stabile Regierung zu bilden, sei aber „nicht ganz einfach“. Zugleich räumte er ein: „Wir hätten uns viel mehr gewünscht.“ Stimmung und Umfragen seien anders gewesen.

„Das ist schon Wahnsinn“
Joe Koeser, Siemens-Chef
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„Ich wünsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem neuen Kabinett für die kommenden vier Jahre viel Geschick für unser Land. Auch wenn es noch unklar ist, wie genau die nächste Koalitionsregierung aussehen wird: Entscheidend für ihren Erfolg wird sein, dass sie die anstehenden Veränderungen, die ich unter dem Stichwort Gesellschaftlicher Wandel zusammenfassen möchte, mutig und ambitioniert angeht. Dazu gehören Investitionen in die digitale Welt und höhere Investitionen in Bildung, in die duale Ausbildung, aber vor allem in die Fort- und Weiterbildung der heutigen Arbeitswelt. Wir sind ein Industrieland und müssen die Vierte Industrielle Revolution formen und gesellschaftlich inklusiv gestalten – also so, dass möglichst alle Menschen davon profitieren. Es geht also, wenn man so will, um die Verbindung von „Industrie 4.0“ und „Soziale Marktwirtschaft 2.0“.

Die Welt wird nicht einfacher durch das Erstarken von Populismus und Kurzfristdenken, durch globale Migration und Klimawandel. Was mich zuversichtlich stimmt: Wir haben eine sehr erfahrene und kluge Bundeskanzlerin, die die Interessen Deutschlands und Europas auf dem internationalen Parkett zu vertreten weiß und höchsten Respekt überall in der Welt genießt. Mit der AfD hat es aber eine national-populistische Partei fulminant ins Parlament geschafft. Das ist auch eine Niederlage der Eliten in Deutschland. Wir haben ihre Wähler als Menschen am Rande der Gesellschaft abgetan Wir haben wieder zugeschaut und das muss sich ändern. Es muss die Aufgabe von uns allen sein, Menschen, die sich zurückgesetzt fühlen, einzubinden und ihnen Perspektiven zu geben. Für den Wohlstand im Lande, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für Frieden und Freiheit ist genau das letztlich entscheidend.“

Kasper Rorsted, Adidas-Chef
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„Das war keine Überraschung, ich glaube, das hat man schon sehen können. Und für uns ist das nur teilweise interessant. Wir machen sieben Prozent von unserem Umsatz in Deutschland und 93 außerhalb. Das heißt, Deutschland ist für uns als Headquarter-Land wichtig, aber absatzmäßig ist Amerika und China deutlich voran. Ich hoffe, dass wir am Ende eine tatkräftige Regierung bekommen können. Die AfD wird nicht in der Regierung dabei sein, aber man muss halt sehen, wie man auch mit einer AfD im Umfeld regieren kann – gut oder schlecht. 13 Prozent haben die gewählt, das kann man mögen oder nicht – aber das ist auch Demokratie.“

Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin von Trumpf
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„Ich habe mir ein höheres Wahlergebnis für die Union gewünscht, keine Frage. Erfreut bin ich über das fulminante Comeback der FDP. „Jamaika“ ist nie meine Wunschkoalition gewesen, auch wenn die Zusammenarbeit mit den Grünen im Südwesten gut funktioniert. Doch so fremd sich Schwarz-Gelb-Grün auch anfühlt: Wir sollten jetzt nach vorn schauen und im Sinne unseres Landes dafür sorgen, dass Wirtschaftsthemen im Zeichen von Globalisierung und Digitalisierung wieder mehr Gewicht bekommen. Dafür braucht es eine solide Mehrheit. Und Impulse, wie sie die FDP einbringen kann.

Der Koalitionsvertrag muss eine stärkere wirtschaftspolitische Handschrift tragen als 2013 – das ist mein Credo. Denn die Aufgaben, vor denen wir bei der digitalen Transformation von Schlüsselindustrien und der Bildung im internationalen Wettbewerb stehen, sind immens. Das hat die Bundeskanzlerin in der „Berliner Runde“ bereits zum Ausdruck gebracht. Beides müssen A-Themen der nächsten Legislaturperiode werden, um die weltweite Spitzenposition der deutschen Wirtschaft auszubauen.

Wenn es darum etwas Positives am Wahlergebnis gibt, dann die Chance einer konsequenten Neuausrichtung der Politik auf Zukunft und Innovationen. Am Wahlabend ist viel von „Verantwortung“ die Rede gewesen. Ich würde dem ein Wort wie „Veränderung“ unbedingt hinzufügen.

Neben überzogenen ökologischen Forderungen, wie sie seitens der Grünen im Vorfeld zu hören waren, warne ich entschieden vor weiteren Auflagen für die Wirtschaft im Bereich der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Dies betrifft etwa die betriebliche Flexibilität. Hier hat die Große Koalition zu wenig für Unternehmen getan. Starre Arbeitszeitmodelle passen nicht zu einer Produktionswelt 4.0. Genauso wenig wie neue Pflichtenhefte für Arbeitgeber, wenn ich an das Entgeltgleichheitsgesetz, das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit, die Antistressverordnung und anderes mehr denke.“

Matthias Müller, VW-Chef
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„Das Wahlergebnis vom Sonntag markiert einen historischen Einschnitt: Die alten Volksparteien verlieren dramatisch. Gleichzeitig wird die rechtsextreme und ausländerfeindliche AfD drittstärkste politische Kraft im Bundestag. Das zweistellige Ergebnis für eine solche Protestpartei ist aus meiner Sicht schockierend. Es wird unser Land verändern und die demokratische Stabilität auf die Probe stellen. Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich erfolgreich gewesen, weil wir ein weltoffenes, tolerantes und international orientiertes Land sind. Dafür gilt es weiter zu kämpfen. Für Deutschlands größtes Industrieunternehmen sage ich: In der globalisierten Wirtschaftswelt führen nationaler Egoismus und Protektionismus in die Sackgasse – und am Ende zum Verlust von Arbeitsplätzen. Deutschland hat aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung für Demokratie, Freiheit, Toleranz und Völkerverständigung. Wir im Volkswagen Konzern stehen zu diesen Werten der europäischen und westlichen Zivilisation. Seit der Bundestagswahl mehr denn je.“

Christoph Weigler, Deutschland-Chef von Uber
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„Ich bin zuversichtlich, dass eine solche Koalition das große Potential sieht, wie digitale Geschäftsmodelle zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können - insbesondere wenn es darum geht, die Mobilität in unseren Städten durch den Einsatz von Smartphone-Technologie effizienter, sauberer und verbraucherfreundlicher zu gestalten. Hierzu müssen jetzt die Rahmenbedingungen für das digitale Zeitalter fitgemacht werden.“

Patrick Adenauer, geschäftsführender Gesellschafter der Bauwens GmbH & Co KG
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„Es ist ein sehr kompliziertes Wahlergebnis. Die Union hat eine Million Stimmen an die AfD verloren. Es gibt jetzt aber eine Chance, dass sich die großen Parteien wieder profilieren. Entweder gibt es schwarz-gelb in einer Minderheitsregierung oder schwarz-gelb-grün. Das muss nichts schlimmes sein. Es wurde vermisst, die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen, ich hoffe, dass das nun wieder möglich ist. Es ist ein Zeichen, dass die CDU wieder eine Wertepartei werden muss. Die Protestwähler gingen zur AfD, die liberal-konservativen sind zur FDP gegangen. Auch die Zusammenarbeit im deutschen Bundestag wird sich grundlegend ändern. Früher gab es eine linke Mehrheit. Nun wird es interessante Auseinandersetzungen geben, das trägt zur Belebung der Debatte bei.“

Patrick Adenauer ist Enkel des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer und Mitglied der CDU. Er engagiert sich zudem als Präsident des Family Business Network und ist Vizepräsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“.

Lutz Goebel
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„Das ist schon Wahnsinn. Die FDP hat ja ordentlich abgeschnitten, weil sie im Gegensatz zu den großen Parteien über die Zukunft gesprochen hat, die sich nur über die Vergangenheit und die Gegenwart ausgetauscht haben. Man hat das gefühlt, dass die Großen verlieren würden. Frau Merkel hat es wie selbstverständlich angenommen, dass sie wieder gewählt wird. Ich hätte nie gedacht, dass die Union so schlecht abschneidet. Auch wenn sie so einen ambitionslosen Wahlkampf macht, wie die CDU mit Plakaten, auf denen steht: Für ein Land in dem wir gut und gerne leben. Ich sehe ein Problem darin, dass die CDU ihr wirtschaftspolitisches Profil verloren hat. Dass die Rechtsradikalen mit 13.5 Prozent abgeschnitten haben, damit müssen wir uns auseinander setzen. Wenn das einzige, was möglich ist, die Jamaika-Koalition ist, wird es schwierig. Aber die Wähler erwarteten von Christian Lindner, dass er der großen Koalition ein Ende setzt.“
Lutz Goebel ist geschäftsführender Gesellschafter des Motoren- und Maschinenbauers Henkelhausen in Krefeld. Von 2011 bis Mai 2017 war er Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“. Nur einen Tag nach dem Ende seiner Amtszeit trat er in die FDP ein.

+++ Proteste nahe AfD-Wahlparty +++
Vor dem Gebäude, in dem die AfD ihren Einzug in den Bundestag feiert, protestieren nach Angaben des ZDF mehrere Hundert Menschen. Zugleich habe die Polizei mehrere Hundertschaften am Berliner Alexanderplatz zusammengezogen.

+++ Kauder sieht Wahlziel erreicht +++
Nach 1949 hatte die Union nie ein so schwaches Ergebnis erzielt. Dennoch haben CDU/CSU nach Ansicht von Fraktionschef Volker Kauder ihre Wahlziele erreicht. Sie bleibe stärkste Partei und stärkste Fraktion, sagt Kauder in der ARD. Die Union habe einen Regierungsauftrag erhalten. Angela Merkel bleibe Kanzlerin.

+++ Michael Müller in Sorge +++
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) warnt seine Partei davor, nun eine Personaldebatte zu führen. „Es geht jetzt nicht darum, darüber zu streiten, wer an der Spitze der Partei steht, es muss um Inhalte gehen“, sagte Müller dem Handelsblatt. Er plädierte dafür, sich auf die Arbeit in der Opposition einzurichten. Andere Überlegungen seien angesichts des Ergebnisses abwegig.

+++ Schulz nennt AfD-Erfolg „bedrückend“ +++
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat das starke Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl als bedrückend bezeichnet. Mit ihr werde erstmals eine rechtsextreme Partei in Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen. „Das ist eine Zäsur, und kein Demokrat kann darüber einfach hinweggehen“, sagte Schulz am Sonntagabend. Zentrale Aufgabe der SPD bleibe es, den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu organisieren. Man werde den Kampf für Demokratie, Toleranz und Respekt weiterführen. „Wir sind das Bollwerk der Demokratie in diesem Land.“ Den Fraktionsvorsitz strebe er aber nicht an.

„Wir werden sie jagen“
Angela Merkel (CDU)
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„Wir haben einen Auftrag, eine Regierung zu bilden. Und gegen uns kann keine Regierung gebildet werden“, sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntagabend: „Wir haben einen Auftrag, Verantwortung zu übernehmen.“

Christian Lindner (FDP)
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„Nur ein Wort: Danke“ – So lautet der erste Tweet vom FDP-Vorsitzenden nach den Prognosen. Wenig später zeigt sich Lindner erfreut über das Wahlergebnis: „Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit. Die Menschen haben uns ein Comeback ermöglicht.“ Nach dem Scheitern sei ein Neuanfang möglich.

Frauke Petry (AfD)
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Die AfD-Bundesvorsitzende zitiert nach den ersten Prognosen Gandhi und twittert: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du. DANKE“. Kurz darauf der nächste Tweet: „Das Unmögliche ist wahr geworden: Deutschland erlebt ein unvergleichliches politisches Erdbeben. Packen wir es an!“

Martin Schulz (SPD)
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„Heute ist ein schwerer und ein bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie“ sagte der SPD-Kanzlerkandidat am Sonntagabend. Die SPD habe ihr Wahlziel verfehlt.

Sahra Wagenknecht (Die Linke)
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Die Linke hätte sich nach Ansicht ihrer Spitzenkandidatin im Wahlkampf mehr der Flüchtlingsthematik widmen müssen. Man habe „dort auch vielleicht bestimmte Probleme ausgeklammert, in der Sorge, dass man damit Ressentiments schürt“, sagte Wagenknecht am Sonntagabend in Berlin. „Aber am Ende hat man dann der AfD überlassen, bestimmte Dinge anzusprechen, von denen die Menschen einfach erleben, dass sie so sind.“

Alexander Gauland (AfD)
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„Wir werden sie jagen. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, sagt Parteisprecher Gauland vor Anhängern und meint die künftige Bundesregierung.

Katrin Göring-Eckardt (Die Grünen)
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„Das werden schwierige Gespräche, wir sind keine einfachen Partner“, sagt die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen mit Blick auf Koalitionsverhandlungen.

+++ Schulz soll Parteichef bleiben +++

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Parteivize Manuela Schwesig haben sich dafür ausgesprochen, dass SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz trotz des Absturzes der Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl Parteichef bleiben soll. „Er wird diesen Erneuerungsprozess jetzt fortsetzen“, sagte Oppermann. „Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam.“ Unterstützung gibt es auch vom linken Flügel: „Martin Schulz hat alles gegeben. Die SPD hat mit ihm viele neue Mitglieder gewonnen“, sagt der Sprecher des linken Flügels in der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch. „Er hat weiter meine volle Unterstützung, auch künftig die Partei zu führen.“

+++ Große Herausforderungen durch die AfD +++
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sieht nach der Bundestagswahl einen klaren Regierungsauftrag für die Union. „Gegen uns ist keine Regierungsbildung möglich“, sagte Günther. Angela Merkel bleibe Bundeskanzlerin und könne „ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzen und das ist gut so“. Das Abschneiden der AfD stelle alle demokratischen Parteien vor große Herausforderungen. „Es ist bedauerlich, dass wir im Wahlkampf mehr über Vergangenheit geredet haben statt über Zukunftsthemen zu streiten.“

+++ CSU erlebt Fiasko +++
Die CSU unter Parteichef Horst Seehofer hat bei der Bundestagswahl nach einer Prognose des Bayerischen Fernsehens ein Debakel erlebt. Die Christsozialen stürzten demnach auf für ihre Verhältnisse katastrophale 38,5 Prozent ab – nach 49,3 Prozent vor vier Jahren. Das wäre das schlechteste Bundestagswahlergebnis der CSU seit 1949. Nun dürften Personaldebatten in der Partei neu aufbrechen.

+++ Grüne bejubeln ihr Ergebnis +++

„Wer hätte das gedacht?“, jubelt die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt. „Danke, Danke, Danke.“ Auch Ex-Grünen-Chef Reinhard Bütikofer ist glücklich: „Wir sind als Akteur im Spiel. Wir sind kein gerupftes Hühnchen, über das sich die anderen hermachen können.“

+++ Linke sind zufrieden +++

Beim Verkünden der ersten Prognosen jubeln die Anhänger der Linken und halten ihre Plakate und Luftballons in die Luft. Wahlkampfmanager Matthias Höhn nimmt direkt Stellung: Er freue sich über das zweitstärkste Ergebnis der Geschichte der Linkspartei. „Wir werden die stärkste Kraft gegen die AfD im deutschen Bundestag sein.“

+++ Schwarz-Gelb klappt nicht +++

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub bedauert, dass es für Schwarz-Gelb nicht reicht: „Bitter, dass es nicht für eine liberal-konservative Koalition gereicht hat. Das Ergebnis für CDU/CSU enttäuscht sehr, das der AfD erschreckt doch in der Höhe.“

+++ Zwei Koalitionen sind rechnerisch möglich +++

Nach den Prognosen von ARD und ZDF nur eine erneute große Koalition oder ein sogenanntes Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen eine rechnerische Mehrheit. Mit der AfD wollen alle genannten Parteien kein Bündnis eingehen. Allerdings hat die SPD bereits angekündigt, in die Opposition gehen zu wollen. Parteivize Manuela Schwesig sagte dazu: „Das ist ein ganz schlimmes Ergebnis für die SPD, eine schwere Niederlage.“ Als Konsequenz daraus nannte sie: „Für uns endet heute die große Koalition.“ Darüber bestehe in der Parteiführung Einvernehmen. Es werde für die SPD damit kein Bündnis mit der Union mehr geben.

+++ „Wir werden sie jagen“ +++

Die AfD feiert ihr Spitzenergebnis lautstark. Alexander Gauland hat schon kurz nach der ersten Prognose zu seinen Anhängern gesprochen. Und der neuen Bundesregierung gedroht, egal wie diese aussehe: „Wir werden sie jagen“, so Gauland.

+++ Sozialdemokraten wollen in die Opposition +++

Die SPD-Spitze hat sich nach dem historischen Absturz bei der Bundestagswahl einmütig dafür ausgesprochen, in die Opposition gehen. Das erfuhren die Deutsche Presse-Agentur und „Focus“ nach einer Telefonschalte unter Leitung des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz am Sonntag.

+++ SPD in Schockstarre +++

Harald Christ, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums, hat die SPD zu einem Neuanfang aufgerufen. „Der Wähler hat gesprochen und die SPD mit ihrem linken Gerechtigkeitswahlkampf hart abgestraft.“, sagte Christ dem Handelsblatt. Es gelte, Verantwortung zu übernehmen und aus den Fehlern zu lernen. „Es ist nun dringend notwendig, den Kurs zur modernen Fortschrittspartei zu gestalten. Eine linke Volkspartei braucht auch ein Angebot an die Mitte“, sagte Christ. „Dafür braucht es überzeugende Köpfe. Es ist Zeit: Für Neues!“, sagte der Vorstand in einem großen Versicherungskonzern, in Anlehnung an den Wahlkampfslogan von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit.“

+++ Hier die erste Prognose +++

Mit dem Schließen der Wahllokale veröffentlichen die Meinungsforscher die ersten Prognosen. Hier die 18-Uhr-Zahlen der ARD:

  • CDU/CSU: 32,5 Prozent
  • SPD: 20,0 Prozent
  • AfD: 13,5 Prozent
  • FDP: 10,5: Prozent
  • Linke: 9,0 Prozent
  • Grüne: 9,5 Prozent

Das ZDF sieht die Union bei 33,5 Prozent, die SPD bei 21 Prozent, die AfD bei 13 Prozent, die FDP bei 10 Prozent sowie Linkspartei und Grüne bei jeweils 9 Prozent.

+++ Petry schießt gegen die SPD +++
Die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry kritisiert die SPD scharf. „Arroganz der #SPD wird sich bitter rächen“, schreibt sie auf Twitter. „Lebt damit, Genossen. Linkstrend ist ab heute vorbei.“ Petry reagiert damit auf einen Tweet von SPD-Parteichef Martin Schulz, in dem er die AfD als rechtsextreme Partei bezeichnet, die nicht in den Bundestag gehöre.

+++ Handelsblatt-Wahlanalyse ab 18.20 Uhr +++
Um 18 Uhr – wenn die Wahllokale schließen – werden die ersten Prognosen veröffentlicht. Kurz später kommentiert unser Politik-Ressortleiter Thomas Sigmund die Wahlergebnisse. Live zu sehen auf der Handelsblatt-Facebookseite.

+++ Beteiligung in München und Berlin +++
In München erreicht die Wahlbeteiligung inklusive Briefwahlstimmen nach Angaben der Stadtverwaltung bis 17.10 Uhr einen Wert von 89,3 Prozent. Vor vier Jahren waren es 20 Minuten später lediglich 70,60 Prozent. In Berlin lag die Wahlbeteiligung bis 16.00 Uhr etwas höher als 2013. Die Landeswahlleiterin nannte eine Beteiligung von 60,3 Prozent, das sind 1,9 Punkte mehr als vor vier Jahren zu dieser Zeit.

+++ Wie geht es nach der Wahl weiter? +++
Ab morgen geht es an die Bildung der neuen Regierung. Spätestens 30 Tage nach der Abstimmung muss der Bundestag erstmals zusammenkommen, das wäre der 24. Oktober. Bis dahin amtiert die bisherige Koalition. Der Alterspräsident eröffnet die konstituierende Parlamentssitzung mit einer Rede. Dann wird unter anderem über den Bundestagspräsidenten abgestimmt. Den Bundeskanzler wählen die Abgeordneten in einer späteren Sitzung, in der in der Regel auch die gesamte Regierung vereidigt wird. 2013 trat Angela Merkel (CDU) erst in der vierten Bundestagssitzung am 17. Dezember ihre erneute Kanzlerschaft an – also fast drei Monate nach der Wahl.

„Merkel hat zu verantworten, dass die AfD drin ist“

+++ Wahlbeteiligung bis zum Mittag bei 41 Prozent +++
Die Beteiligung bei der Bundestagswahl ist bis zur Mittagszeit nahezu identisch gewesen wie bei der jüngsten Wahl vor vier Jahren. Bis 14 Uhr hatten 41,1 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben, wie der Bundeswahlleiter mitteilte. Bei der Bundestagswahl 2013 hatte die Wahlbeteiligung zu diesem Zeitpunkt bei 41,4 Prozent gelegen. Der Zwischenstand wird auf Grundlage der Wahlbeteiligung in ausgewählten Wahllokalen ermittelt. Allerdings sind in den Berechnungen nicht die Stimmen der Briefwähler enthalten. Experten erwarten in diesem Jahr einen Rekord an Briefwahlstimmen. Vor vier Jahren lag die Wahlbeteiligung am Ende bei 71,5 Prozent.

Pro und Contra

+++ Lange Schlangen in Frankfurt +++
Munteres Treiben im Wahllokal im Frankfurter Nordend, wo viele junge Leute und Familien mit Kindern zur Wahl kommen: Die Kinder rennen rufend und kreischend um die zig Meter langen Schlangen herum. Das Interesse ist offenbar so groß wie lange nicht in einem der Vorzeigestadtviertel in Hessens Metropole, berichtet eine Wahlhelferin.

+++ Prognose, Hochrechnung, Ergebnis +++

  • Prognose: Wenn die Wahllokale schließen, wird ein erster Trend mit der Prognose verbreitet. Sie basiert auf einer Umfrage, in der Wähler in repräsentativ ausgewählten Stimmbezirken kurz nach ihrem Besuch im Wahllokal ihr Kreuz ein zweites Mal machen.
  • Hochrechnung: Kurz nach Schließung der Wahllokale berücksichtigen sie ausschließlich Wahlergebnisse. Die Meinungsforscher rechnen dafür erste ausgezählte Teilmengen auf die Wähler insgesamt hoch.
  • Ergebnis: Erst wenn der letzte Wahlbezirk ausgezählt ist, stellt der jeweils zuständige Wahlleiter am Wahlabend ein vorläufiges amtliches Ergebnis fest. Das endgültige amtliche Ergebnis kommt Tage oder Wochen später.

+++ Die Kanzlerin hat gewählt +++

Gemeinsam mit Ehemann Joachim Sauer schritt die Kanzlerin in Berlin-Mitte an die Wahlurne. Im Wahllokal, wo sonst Studierende zu Mittag essen, warteten zahlreiche Journalisten auf das Paar. Auf dem Weg dorthin hielt der Chemieprofessor einen Schirm schützend über seine Frau – das Wetter in Berlin ist regnerisch. Die Kanzlerin präsentierte sich dennoch gut gelaunt und fand noch Zeit für einen Schwatz mit den Wahlhelfern. Für den Wahltag hatte Merkel einen blutorangefarbenen Blazer gewählt, ihr Mann entschied sich für eine grüne Krawatte.

+++ Die Stimmabgabe im Bewegtbild +++

+++ Aufrufe zur Wahl +++
In den Stunden bis zur Prognose um 18 Uhr herrschte auf den Social-Media-Kanälen von Parteien und Politikern ein letztes Mal Wahlkampf-Hochbetrieb. Mit eindringlichen Botschaften riefen sie die Menschen zum Abstimmen auf. „Raus aus den Federn & rein ins Wahllokal!“, mahnte die SPD ihre Anhänger schon morgens via Twitter. Kanzlerkandidat Martin Schulz postete nach Abgabe seiner Stimme ein Video aus seiner nordrhein-westfälischen Heimatstadt Würselen, wünschte den Zuhörern einen schönen Tag - „aber: Ihr müsst wählen gehen!“. Die CDU versuchte auf ihrem Facebook-Kanal, die Komplexität der politischen Streitpunkte in einen Satz zu pressen: „Darum geht's: Familien und Kinder fördern, sichere Arbeit und starke Wirtschaft.“

So kommt Merkel ihrer Wahl-Pflicht nach

+++ Was ist das Wasserglas von Martin Schulz wert? +++
Das Wasserglas macht in der Politik allenfalls Karriere, wenn sich darin ein Sturm entwickelt. Ansonsten steht es unbeachtet und meist auch unbenutzt auf dem Rednerpult. Das könnte sich nun ändern. Dem Berliner Alexander Hauk ist es nach eigenem Bekunden gelungen, das Wasserglas zu ergattern, aus dem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Freitag bei seiner Rede auf dem Gendarmenmarkt in Berlin getrunken hat. Hauk bietet das Glas nun auf der Auktionsplattform Ebay an. Der Erlös geht nach Angaben Hauks an den Deutschen Pflegerat, den Dachverband der bedeutendsten Berufsverbände des Pflege- und Hebammenwesens in Deutschland. Sinn und Zweck der Übung ist es, den Pflegenotstand in Deutschland zum Thema zu machen.

+++ Einige Wahlbeobachter im Einsatz +++
Bei der Bundestagswahl sind rund 60 Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) im Einsatz. Dies bestätigte ein Sprecher in Berlin. Die Mission wird von George Tsereteli aus Georgien geleitet. Nach 2009 und 2013 sind Beobachter der OSZE zum dritten Mal bei einer Bundestagswahl dabei. Sie waren von der Bundesregierung eingeladen worden. Dies sei „übliche Praxis“ der OSZE-Mitgliedsstaaten, sagte Tsereteli. Teams von jeweils zwei Beobachtern sollten Wahllokale in mehreren deutschen Städten besuchen.

Sie informieren sich über die Abläufe, sprechen mit den Wahlhelfern und beobachten die Stimmabgabe. „Wir sind keine Wahl-Polizei“, betonte Tsereteli. Schon vor Monaten hatte die OSZE erklärt, es bestehe kein Zweifel an den rechtmäßigen Abläufen, allerdings hätten einige Ansprechpartner Sorge über gleiche Chancen im Wahlkampf und bei dessen Finanzierung geäußert. Am Montag wird die Beobachtermission in Berlin über ihren Einsatz berichten.

+++ Hohe Wahlbeteiligung in München +++
Ein einheitlicher Trend zur Wahlbeteiligung ergab sich nach ersten regionalen und lokalen Stichproben nicht. In München gaben nach Angaben der Stadt bis kurz vor 12.00 Uhr 57,1 Prozent der Wahlberechtigten – inklusive einer deutlich erhöhten Zahl von Briefwahlstimmen – ihr Votum ab. Das sind mehr als zehn Punkte mehr als 2013. Auch in den Großstädten Hamburg und Frankfurt gaben am Morgen mehr Bürger ihre Stimmen ab als vor vier Jahren. In dem Flächenland Niedersachsen dagegen lag die Wahlbeteiligung um 12.30 Uhr mit 32,08 Prozent um etwa einen Punkt hinter den Zahlen von 2013 zurück. Deutlich unter dem Wert von vor vier Jahren blieb auch Thüringen mit einem Minus von mehr als sechs Prozentpunkten bis zum Mittag sowie Schleswig-Holstein.

+++ Auch der Bundespräsident stellt sich in die Schlange +++
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den rund 650.000 Wahlhelfern bei der Bundestagswahl gedankt. Sie trügen auch in diesem Jahr zu einem reibungslosen Ablauf der Wahl bei, sagte er bei der Stimmabgabe in Berlin. Steinmeier kam bei kühlem, regnerischen Wetter in Begleitung seiner Frau Elke Büdenbender in das Wahllokal in einer Grundschule im Stadtteil Zehlendorf. Dort reihten sich beide zunächst geduldig in die Warteschlange ein und redeten mit anderen Wahlberechtigten, ehe sie zur Wahl schritten.

Steinmeier zeigte sich erfreut über die offenkundig rege Wahlbeteiligung, die er in der Schule erleben konnte. In der „Bild am Sonntag“ hatte das Staatsoberhaupt die deutschen aufgerufen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. „Wahlrecht ist Bürgerrecht. Für mich ist es in einer Demokratie vornehmste Bürgerpflicht. Gehen Sie zur Wahl!“, schrieb er in der Zeitung.

+++ Schulz weiter optimistisch +++
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat in Würselen seine Stimme für die Bundestagswahl abgegeben. Gegen 10 Uhr betrat er zusammen mit seiner Ehefrau Inge das Wahllokal im Rathaus seiner Heimatstadt. Er hoffe, dass das schöne Wetter dazu beitrage, dass möglichst viele Menschen an der Wahl teilnehmen, sagte der 61-Jährige. „Ich hoffe, dass heute möglichst viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und eine demokratische Zukunft der Bundesrepublik Deutschland bestärken, indem sie demokratischen Parteien ihre Stimme geben.“

Der Bundespräsident hat in Berlin-Zehlendorf gewählt. Quelle: dpa
Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender

Der Bundespräsident hat in Berlin-Zehlendorf gewählt.

(Foto: dpa)

Viele Wähler seien bis zuletzt unentschlossen, wen sie wählen sollen, sagte Schulz. „Ich glaube, auch heute am Wahltag gibt es nach wie vor Bürgerinnen und Bürger, die überlegen, was sie mit ihrer Stimme machen.“ Er sei zuversichtlich, dass viele der Unentschlossene ihre Stimme seiner Partei geben. „Ich bin optimistisch, dass die SPD mit einem guten Resultat aus diesem Wahlkampf herauskommt.“

+++ Berlin läuft +++
An diesem Sonntag findet in Berlin auch der weltweit beachtete Marathon statt. Unsere Reporter sind für die Wahl vor Ort, schauen sich aber auch gern einmal die Läufer an.

„So, das war die entscheidende Stimme“

+++ Özdemir früh im Wahllokal +++
Der Spitzenkandidat der Grünen, Cem Özdemir, hat am Sonntagmorgen als einer der ersten Spitzenpolitiker seine Stimme bei der Bundestagswahl abgegeben. Gut gelaunt grüßte er wartende Journalisten, Wahlhelfer und andere Wähler, verließ danach das Wahllokal im Berliner Bezirk Kreuzberg aber kommentarlos. Die Grünen kämpfen mit anderen kleineren Parteien um den dritten Platz. Umfragen sahen sie zuletzt bei nur sieben bis acht Prozent.

+++ Volksentscheid zu Tegel +++
In Berlin sind die Bürger an diesem Sonntag außerdem zu einem Volksentscheid über die Offenhaltung des Flughafens Tegel aufgerufen. Der rot-rot-grüne Senat lehnt dies ab und will den innerstädtischen Airport nach der Eröffnung des geplanten Hauptstadtflughafens BER schließen. Ein Ja im Volksentscheid bedeutet nicht, dass der Wählerwille umgesetzt werden muss.

Grünen-Chef bei Stimmabgabe ganz früh dran

+++ Wahllokale sind geöffnet +++
Die Bundestagswahl hat begonnen: Rund 73.500 Wahllokale haben am Sonntag um 08.00 Uhr geöffnet. Etwa 61,5 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, Erst- und Zweitstimme abzugeben und so über die Zusammensetzung des Bundestags zu entscheiden. Geöffnet haben die Wahllokale bis 18 Uhr. Dann werden auch die ersten Prognosen veröffentlicht.

+++ Jeder Wähler hat zwei Stimmen +++
Mit der Erststimme kann er einen Wahlkreisabgeordneten direkt in den Bundestag schicken. Die Zweitstimme gibt er einer Partei, die ihre Kandidaten zuvor auf einer Landesliste nominiert hat. Die Zweitstimme ist also entscheidend für die parteipolitische Zusammensetzung des Bundestages, da die Sitze auf die einzelnen Parteien entsprechend ihrem bundesweiten Zweitstimmenergebnis verteilt werden.

+++ Mehrfach wählen verboten +++
Bei der Bundestagswahl darf jeder Wahlberechtigte nur einmal wählen. Laut Bundeswahlleiter gilt dies auch dann, wenn man – beispielsweise nach einem Umzug – mehrere Wahlbenachrichtigungen erhalten haben sollte. Wer mehrfach wählt oder wer wählt, ohne wahlberechtigt zu sein, begeht Wahlfälschung und macht sich strafbar.

+++ Mehr Briefwähler +++
Fast jeder dritte Wahlberechtigte will nach einer Ende August veröffentlichten Umfrage per Brief wählen. 2013 betrug der Anteil der Briefwähler 24,3 Prozent.


+++ Wahlkrimi möglich, TV-Krimi fällt aus +++
Wer am Sonntag der Bundestagswahl um 20.15 Uhr einen neuen „Tatort“ sehen will, wird enttäuscht. Das Erste, wie auch das ZDF, sendet zur besten Sendezeit die „Berliner Runde“ mit Vertretern der Bundestagsparteien. Es kommt also kein neuer Sonntagskrimi. Seit 47 Jahren gibt es die Krimireihe „Tatort“, 13 Bundestagswahlsonntage fallen in diese Zeit. Lediglich zweimal gab es an einem solchen Sonntag einen neuen „Tatort“ im Ersten, wie „Tatort“-Experte François Werner von „tatort-fundus.de“ weiß: 1987 und 1994.

+++ Schwierige Verhandlungen +++
Nach Umfragen liegt die Union derzeit deutlich vorne – erreicht die 40 Prozent aber womöglich nicht. Derzeit sind nach der Wahl demnach Verhandlungen über eine Neuauflage der großen Koalition wie auch über ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen denkbar. Unionsfraktionschef Volker Kauder erwartet daher komplizierte Verhandlungen. „In der Programmatik von Grünen und FDP gibt es bei beiden Punkte, die für uns schwierig sind“, sagte er. „Die FDP hat ihre Defizite in der Inneren Sicherheit, die Grünen sind zu technikfeindlich. Das gilt auch für die SPD. Die vernachlässigt die Wirtschaft eklatant.“ Bündnisse mit der AfD und der Linkspartei schließt Kauder aus.

+++ Ringen um Rang drei +++
Spannung verspricht der Kampf um Platz 3 hinter CDU/CSU und SPD. Linke, Grüne und FDP beanspruchen diese Position jeweils für sich. Sorge bereitet den etablierten Parteien das Erstarken der AfD in den Umfragen. Nach diesen haben die Rechtspopulisten gute Chancen, aus dem Stand heraus drittstärkste Kraft im neuen Bundestag zu werden und damit womöglich die Opposition anzuführen. Die Frage, welche Partei die Opposition anführt, ist keine reine Symbolik. Traditionell fällt dieser Partei der Vorsitz im wichtigen Haushaltsausschuss des Bundestags zu. Der Oppositionsführer ist zudem bei Regierungserklärungen der erste Redner nach der Kanzlerin.

Wahlkampf bis über die Schmerzgrenze
A wie Ausschließeritis
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Beliebte Disziplin im Wahlkampf-Mehrkampf. Kurz vor der Wahl wird verkündet, mit wem man alles nicht will: FDP nicht mit den Grünen, CDU nicht mit der Linken, niemand mit der AfD. (Quelle: dpa)

B wie Bürgermeister Heiko Senking
2 von 26

Hängte in seiner Gemeinde in der Lüneburger Heide aus Protest ein AfD-Plakat erst ab, dann – drei Tage später und eine Laterne weiter – wieder auf. S wie strafbar.

C wie Chulz
3 von 26

Von der Satirepartei Die Partei gern benutztes Synonym für den SPD-Kandidaten. Martin Schulz selbst weiß um seine „mittelrheinische Konsonanten-Schwäche“, will sie aber nicht ablegen.

D wie Die Partei
4 von 26

Bitterböse Plakate und Guerilla-Aktionen auf Facebook: Wahlkampf hart an und über der Schmerzgrenze.

E wie entsorgen
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Nach „Barbaren“ und „Kanzlerdiktatorin“ neuester Hit aus dem Wörterbuch von Alexander Gauland (AfD). Hier: Synonym für „eine Deutsche aus dem Land schmeißen“. War natürlich alles ganz anders gemeint, beziehungsweise doch nicht, aber halt schon.

F wie Ferdinand
6 von 26

Kaum geboren, schon jüngster Plakat-Wahlkämpfer der AfD, auf dem Arm seiner Mutter Frauke Petry. Viel Geschrei! Auch in der eigenen Partei über das Plakat.

G wie Greifen
7 von 26

Akute Sorge von Martin Schulz, im TV-Duell geäußert: Man wisse nie, wann Trump wieder „zum Tweet greift“. Verständlich – greift Trump doch gerne dort hin, wo es andere nicht wollen.

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