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Bundeswehr Der deutschen Marine fehlen Schiffe, Ersatzteile und Soldaten für Einsätze

Auf ihrer Sommerreise an die Ostseeküste muss sich Ministerin von der Leyen kritischen Fragen von Soldaten stellen – vor allem nach neuer Ausrüstung.
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Beim Truppenbesuch machte die Verteidigungsministerin den Soldaten Hoffnung, dass die Ausrüstungsmisere endet. Quelle: dpa
Verteidigungsministerin von der Leyen in Parow

Beim Truppenbesuch machte die Verteidigungsministerin den Soldaten Hoffnung, dass die Ausrüstungsmisere endet.

(Foto: dpa)

Stralsund/RostockDie vorerst letzte Hiobsbotschaft traf die Marine im Juni: Der Tüv zog die letzten beiden Tankschiffe aus dem Verkehr. Denn die 40 Jahre alten Tanker genügen nicht mehr heutigen Umweltauflagen, weil sie keinen doppelwandigen Rumpf haben. „Dass bei der Bundeswehr heute noch Einhüllen-Tanker im Einsatz sind, die viele Häfen nicht mehr anlaufen dürfen, ist ein Treppenwitz der Geschichte“, sagte der Grünen-Verteidigungsexperte Tobias Lindner dem Handelsblatt. 

Es ist deshalb keine einfache Etappe, die Ursula von der Leyen (CDU) an diesem Dienstag auf ihrer Sommerreise absolviert. Auf dem Programm stehen die Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund und das Marinekommando in Rostock, und es geht um mehr als fröhliche Selfies mit der Ministerin. Vor allem wollen die Soldaten hören, wann ihre Ausrüstungsmisere endet. 

„Die Talsohle haben wir mehr oder weniger durchschritten“, sagt die Ministerin bei strahlendem Sonnenschein in Parow. Die Klagen der Soldaten über schlechte Unterkünfte seien inzwischen seltener. „Aber es liegt noch ein steiler Weg vor uns“, so von der Leyen.

Sie erwarte, dass die Investitionen von 31 Milliarden Euro, die in der letzten Legislaturperiode angestoßen wurden, jetzt beginnen, bei der Bundeswehr anzukommen. Auf weitere Erhöhungen des Verteidigungsetats habe sich die Koalition vor dem Nato-Gipfel im Juli verständigt. 

Nach 25 Jahren des Schrumpfens dauere es eben, die Lücken bei der Bundeswehr zu schließen, sagt sie. Und dass die erste der neuen Fregatten des Typs 125 noch nicht im Einsatz sei: „Da müssen Sie die Industrie fragen“, sagt von der Leyen, und kurzzeitig verschwindet ihr Lächeln. Denn bereits Ende vergangenen Jahres sollte das erste dieser Schiffe kommen, die Bundeswehr gab es wegen massiver Software-Probleme zurück. Schief im Wasser lag es außerdem. 

Für die Marine bedeutet das: Alle verfügbaren Fregatten und Korvetten sind im Dauereinsatz. Im Mittelmeer, im Atlantik, in der Ostsee unterstützt die Bundeswehr Nato- und EU-Missionen. Wenn dann noch, wie Anfang Juni geschehen, die Korvette „Erfurt“ bei einem Manöver in der Ostsee Grund berührt und die Propeller danach beschädigt sind, kann die Marine ihren Nato-Beitrag erst einmal nicht erfüllen. 

Und dass bei der Mission „Sophia“ aus Mangel an Schiffen der Tender „Mosel“ Schlepper stoppen und notfalls Flüchtlinge retten soll, halten Experten für bedenklich: Solch ein Versorgungsschiff habe gar nicht den Platz, eine größere Anzahl Schiffbrüchiger angemessen zu versorgen.  

In der Marinetechnikschule Parow  bereiten sich die Soldaten bereits auf den Einsatz auf den moderneren neuen Schiffen vor. Neben der Ausbildung an alten Flak-Geschützen aus dem Jahr 1972 können sie seit kurzem die Bedienung am hochmodernen mit Elektronik ausgerüsteten Nachfolge-Schiffsgeschütz trainieren. „Ein technologischer Sprung“ sei dies, sagen die Soldaten. Das Training auf dem Schiff gehe dann schnell. 

„Die Marine operiert wegen der vielen Einsätze am Anschlag“, stellt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels gegenüber dem Handelsblatt fest. Viel schlimmer als beim Heer, bei der Luftwaffe und dem Sanitätsdienst ächzten die Seestreitkräfte unter dem Mangel an Gerät und Personal. „Wir müssen die Marine mit dem ausstatten, was sie braucht“, fordert auch der CDU-Verteidigungsexperte Henning Otte im Handelsblatt. 

Experten sind sich einig: Weil die Schiffe im Dauereinsatz sind, kommt es auch zu Engpässen bei den Besatzungen. Denn: Nach Einsätzen sind Ruhezeiten vorgeschrieben. Und neue Marinesoldaten können nicht schnell genug ausgebildet werden, weil die Schiffe nicht mehr mehrere Wochen in ihren Heimathäfen liegen. 

Hinzu kommt: Im Dauereinsatz verschleißen Fregatten und Korvetten schneller. „Es fehlen Ersatzteile an allen Ecken und Enden, weil die Industrie keine auf Vorrat hält“, sagt Bartels. „Und die Depots sind leer.“ 

Zwar hat der Bundestag kurz vor der Wahl im vergangenen Jahr fünf zusätzliche Korvetten bestellt. Aber bis zur Lieferung werden wohl vier Jahre vergehen. „Das kann nur ein erster Schritt sein“, sagt Matthias Wachter, Verteidigungsexperte beim Industrieverband BDI, dem Handelsblatt, denn: „Der Schiffsmangel bei der Marine ist weitaus größer.“ 

Der Grünen-Oppositionspolitiker Lindner hält die Bestellung der Korvetten ohnehin für einen Fehler, weil diese Schiffe bei der Auslieferung veraltet sein dürften. Weil die Marine durch die zahlreichen Auslandseinsätze massiv gefordert sei, „verwundert es, dass das Ministerium beim Projekt MKS180 noch zu keiner Entscheidung gekommen ist", kritisiert Lindner. 

Das Bieterverfahren für die modernen Mehrzweckkampfschiffe MKS 180 verzögert sich jedoch immer weiter. Die verbliebenen zwei Bieterkonsortien um German Naval Yards und die niederländische Damen-Gruppe, sollen jetzt bis Ende 2018 konkretisierte Angebote vorlegen. 

Bartels fürchtet bereits, dass die Marine in diesem Jahr gar kein neues Schiff bekommen wird. Denn die Probleme der neuen Fregatte 125 sind noch nicht behoben. „Wir hoffen, dass das Schiff jetzt bald kommt“, sagte ein Kapitän in Parow. 

Auch bei den Marine-Hubschraubern bestehen Engpässe, bemängelt Wachter. „Vor allem der U-Boot-Jagdhubschrauber Sea Lynx, der seit 1981 eingesetzt wird, ist in die Jahre gekommen“, sagt er und verlangt, jetzt die Weichen für ein Nachfolgemodell zu stellen. 

Bartels plädiert angesichts des eklatanten Mangels an Schiffen für unkonventionelles Vorgehen seitens des Verteidigungsministeriums. „Es war ein eklatanter Fehler, in dieser Lage auch noch den Arsenalbetrieb in Kiel zu schließen“, sagt er. Man habe gedacht, in der Ostsee gebe es kaum Bedarf für die Reparatur von Schiffen.

Doch mit den neuen Nato-Einsätzen im Baltikum wegen der Russland-Gefahr sei das Gegenteil eingetreten: „Die Ostsee wird voller, nicht leerer.“ Es wäre daher gut, das Arsenal in Kiel schnell zu reaktivieren. 

Auch das Tankschiff-Problem hält Bartels für lösbar, wenn das Ministerium neue Wege wagen würde. „Man könnte zügig neue oder auch gebrauchte Tankschiffe auf dem zivilen Markt einkaufen und selbst für die Marine ausrüsten“, schlägt er vor. 

Immerhin: Zwei U-Boote der Marine sind wieder unterwegs. Noch im Januar war keines einsatzfähig.

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