Bundeswehr Milliarden-IT-Projekt „Herkules“ wird zum Debakel

Das milliardenteure IT-Projekt „Herkules" der Bundeswehr droht zu einem gigantischen Fehlschlag zu werden. Im Praxistest versagt das neue System. Ein vertraulicher Erfahrungsbericht fällt vernichtend aus.
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Soldat in Afghanistan: Die Telekommunikationstechnik der Bundeswehr ist vollkommen veraltet. Quelle: dpa

Soldat in Afghanistan: Die Telekommunikationstechnik der Bundeswehr ist vollkommen veraltet.

(Foto: dpa)

BERLIN. Nutzer und Projektleiter, die das neue System bedienen, fällen in einem internen Bericht des Verteidigungsministeriums, der dem Handelsblatt vorliegt, ein verheerendes Urteil: „Keiner der Befragten ist der Meinung, dass sich die strategische Partnerschaft der Bundeswehr mit der (Kooperationsgesellschaft) BWI IT bewährt habe.“ Angesichts der zahlreichen Pannen und Fehlfunktionen sowie der „sehr häufigen“ Ausfälle des gesamten IT-Netzes räumt das Verteidigungsministerium in seinem nicht-öffentlichen Resümee ein: „Niemand hält die BWI IT für einen guten industriellen Partner, der der Aufgabe gewachsen ist und flexibel genug ist, um auf die Besonderheiten seines Organisationsbereichs einzugehen.“

Die Kooperationsgesellschaft BWI IT, an der Siemens und IBM zu 51 Prozent und die Bundeswehr zu 49 Prozent beteiligt sind, wollte keine Stellungnahme abgeben. Der Evaluierungsbericht sei im Auftrag des Ministeriums erstellt worden und stehe dem Unternehmen noch nicht zur Verfügung, sagte ein Unternehmenssprecher dem Handelsblatt.

In dem Gemeinschaftsprojekt will der Bund die völlig veraltete Informations- und Telekommunikationstechnik der Bundeswehr modernisieren. Ursprünglich sollten bis Ende 2010 rund 6 000 Kilometer Glasfaserkabel gelegt und die Streitkräfte mit 300 000 neuen Telefonen und 140 000 neuen Computern ausgerüstet werden. Mindestens zwei Jahre verzögert sich das Vorhaben. Gleichzeitig sollen mit dem Software-Projekt SASPF Verfahren und Abläufe in der Bundeswehr betriebswirtschaftlich optimiert werden. Anfangs sollte das Unterfangen 6,8 Mrd. Euro kosten, doch bereits zur Jahreswende 2008 wuchs es auf über sieben Mrd. Euro an und ist heute nicht mehr seriös kalkulierbar.

Das bisher ehrgeizigste IT-Projekt der Bundeswehr scheitert im Praxistest: Nur jede zwanzigste betroffene Dienststelle glaubt an die Managementkompetenz der eigens für die Realisierung des Großprojektes gegründeten BWI IT. In der repräsentativen Evaluierungsstudie des Verteidigungsministeriums, die bis Ende 2009 Nutzer-Daten sammelte, glaubt „weniger als die Hälfte“ der Benutzer noch an ein Gelingen der angestrebten Modernisierung.

Nutzer bemängeln häufige Störungen und Systemausfälle

128 000 Endnutzer sowie deren Vorgesetzte wurden über ihre Erfahrungen mit „Herkules“ befragt, über 30 000 Mitarbeiter antworteten. In dem internen Bericht mit dem Titel „Evaluierung der Zielerreichung und der Wirtschaftlichkeit des Kooperationsprojektes Herkules“ listet das Verteidigungsministerium auch herbe Detail-Kritik der Nutzer auf: Jede vierte befragte Dienststelle beanstandet demnach „häufige“ oder „sehr häufige“ Störungen, Ausfälle diverser Geräte wie Laptops oder Drucker sowie ein Versagen des gesamten IT-Systems. Jede dritte Dienststelle beschwert sich über eine geringe Geschwindigkeit und die schlechte Performance des Internets. Ebenso viele Dienststellen bezeichneten den Zugang zur SASPF-Software als „schlecht“ bis „sehr schlecht“.

Ein Großteil der Nutzer konnte keinen Fortschritt zum veralteten, maroden Bundeswehrsystem erkennen. „Mehr als die Hälfte stellt eine Verschlechterung beziehungsweise starke Verschlechterung fest.“ Kein Wunder, dass auch das Verteidigungsministerium um ein negatives Resümee von „Herkules“ nicht herumkommt: „Die deutliche Skepsis gegenüber dem Projekt ,Herkules', insbesondere gegenüber der Entscheidung, die flächendeckende Modernisierung der IT der Bundeswehr im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft zu realisieren, manifestiert sich in einem geringen Vertrauen in die Managementkompetenz der BWI IT.“

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10 Kommentare zu "Bundeswehr: Milliarden-IT-Projekt „Herkules“ wird zum Debakel"

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  • Ein wesentliches Problem wird hier übersehen: Beim HERKULES-Vertrag un den daraus resultierenden Tätigkeiten prallen zwei Welten aufeinander: Die Bürokratie der BW (die stellenweise wirklich ihresgleichen sucht) und die Bürokratie ziviler IT-Firmen, die der der BW in nichts nachsteht. Ich weiss, wovon ich rede ..... ich verdiene mein Geld bei dieser Firma.
    Das Durcheinander der Zuständigkeiten und die immens komplex gestalteten Prozesse spotten zum Teil jeder Beschreibung.

  • Ein typisches Symptom der deutschen industrie und behörden. Eine schwerfällige Ausschreibung und starker Einfluß von Lobbyisten garantieren nicht ein effektives Management und Qualität, sondern ein von Einzelinteressen zerfressenes Projekt, das nach allen Seiten ausufert. Auch die Ausstattung mit technischen Fachleuten wird aus Kostengründen zu schmal gehalten, dagegen mit bWL-Leuten überdiemensional bestückt. Aber bWL-Leute produzieren keine Qualität, eher das Gegenteil.

  • Diese Projekt iST desaströs und wird desaströs geführt. Dies ist zumindest ist weiten bereichen der Fall. ES wurde ein politisch gewollter Anbieterverbund ausgewählt, nicht der beste. ich durfte live dabei sein, wie dieses Projekt umgesetzt wird. Es es wohl wie mit so machen Dingen: Der Einäugige ist auch hier nicht König. Und wenn man nach Naivität und ignorante Arroganz der beteiligten sucht, sucht man in diesem Projekt richtig. Mit Kompetenz hat das wenig zu tun.

  • Fragt doch mal die "Kerntechniker" und "Kernvalidierer" des Systems.

    Manchmal hapert es nur an Kleinigkeiten die sich anschließend flächendeckend auswirken.

    Dsweiteren ist immer wieder die Frage zu klären: Möchte "man" überhaupt dieses System?

    Klar war bei dem Projekt Mautgebühr: Dieses System fährt Geld ein für den Staat. Daher funktioniert es auch.

    Welchem System dient dieses Projekt?
    Welches Ziel hat dieses Projekt?

    Werden dadurch wieder Arbeitsplätze abgebaut oder ist es etwas anderes warum das System nicht funktionieren soll?

  • Wo ist denn hier das Problem, 140.000 System sollen ausgetauscht werden und wenn ich es richtig lese wurde 128.00 Nutzer befragt. Da ich davon ausgehe das nur diejenigen befragt worden sind, die mit einem neune System versorgt wurden, dann sind doch fast alle geplanten Systeme ausgestauscht worden.

    Weiterhin sollte man auch bedenken das die Kostenerhöhung aus der Erhöhung der Mehrwertsteuer des Jahres 2006 von 16% auf 19% erfolgte.

    Und noch eine Frage: Wenn die bundeswehr zu 49% an dem Projekt beteiligt ist, und dies dann besser machen kann, warum wird dann dieses Wissen nicht eingebracht?

    Noch eines, wenn mich nicht alles täuscht ist SASPF nicht bestandteil von HERKULES das die Aufgabe der Erneuerung der iT und TK hat, oder liege ich da falsch.

    All dies sind Fragen eines Unwissenden, der nur obigen Artikel nicht ganz versteht. Kann es sein das der Autor dieses Artikels die Phase des Wahlkampfes in NRW nutzt um Politik zu machen?

  • „Herkules“ ist ein sehr gutes beispiel dafür, wie die bundesregierung Konzerne im Rahmen ihrer industriepolitik begünstigt und andere, oft viel kleinere, aber kostengünstigere und mithin durchaus leistungsfähigere Unternehmen gar nicht erst zum Zuge kommen lässt.

    Es gibt viele beispiele für diese Politik, auch und gerade außerhalb des Verteidigungssektors – nicht zuletzt etwa das Mautsystem von „Toll Collect“ (Daimler und Telekom) oder, wie sich abzeichnet, beim Projekt „Elektromobilität“ zur Förderung des Elektroautos (siehe Hb-bericht „Ein Dreamteam für das Elektroauto“: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/koepfe/deutsche-industrie-ein-dreamteam-fuer-das-elektroauto;2564144 ). Und nicht zu vergessen: Die bankenrettungspakete und Konjunkturmaßnahmen haben insbesondere die großen, führenden institute und Unternehmen unterstützt. Was aber geschieht, wenn die Hilfen eingestellt werden und deren Wirkung aufgebraucht ist? Gibt es dann neue Hilfen für die Großen? Das bleibt abzuwarten.

    in jedem Falle aber muss man sich fragen, ob die Leistungsbilanz und der beitrag deutscher Großunternehmen zur Stabilisierung, zu Wachstum und beschäftigung den von der bundesregierung betriebenen finanziellen Aufwand rechtfertigen. Wohl kaum. Was aber, so kann man des Weiteren fragen, würde dieses viele Geld für Wachstum und beschäftigung bewirken können, wenn es z. b. nicht den Konzernen zuflösse, sondern leistungsfähigen kleinen und mittelgroßen Unternehmen? Vermutlich eine Menge.

    Warum wird es dann nicht gemacht?

  • @Weltenbummlerin: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! ich habe als ingenieur in der Krise meinen Job verloren, während auf den Managementebenen kein einziger gehen musste. Die "Human Resources"-Abteilung wurde sogar noch aufgestockt, da so viele Entlassungen zu bearbeiten waren. Techniker haben die seit dem nicht mehr eingestellt. Es wundert mich nicht, dass man in letzter Zeit immer öfter von fehlerhaften Produkten hört.

  • Man sollte mal hinterfragen, wie die Ausstattung mit Fachleuten aussieht. Siemens und ibM entlassen erfahrene iT-Fachleute und ersetzt sie durch remote arbeitende Fachleute aus indien und China. Die vielen Schnittstellen treiben den Preis und vernichten Qualität. Aber den bWL-Gehirnen ist dies völlig egal. Es bezahlt in jedem Fall der "dumme" Steuerzahler. Wenn man diesen Firmen weiterhin Raum und Subventionen gewährt, werden wir unsere ingenieur- und informatikerschicht verliehren und es bleiben nur nutzlose bWL-Köpfe übrig.

  • @PeterPan
    Die Griechen brauchen doch nur in den nächsten beiden Jahren 130 Mrd. € zur Refinanzierung. Und nicht nur "Herkules" sondern auch andere Projekte wie das Raketenabwehrsystems Meads oder der A400 floppen auf breiter Front.
    Da zahlt der Rentner doch gerne mit inflation und gibt seine Rente her. ist das Rentensystem nicht sowieso nur ein illegales Schneeballsystem, welches, wenn man es privat installieren würde, mit dem Staatsanwalt zu tun bekommt?

  • Was regen wir uns denn eigentlich so auf? Zahlt doch wieder der Steuerzahler, oder? Und wenn wir 30 Mrd. für Griechenland haben, dann werden wir doch noch 7 für unsere eigene bundeswehr ausgeben dürfen, oder? Kommt mir vor wie der Schildbügerstreich mit der HRE. Und wenn ich nicht genug Geld habe, dann drucke ich eben noch was.

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