Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Christopher Hermann Der Pionier der Arzneimittel-Rabattverträge hört auf

Mit Rabattverträgen bei Medikamenten sparen Krankenkassen Milliarden. Der Mann, der das Instrument gegen die Pharmabranche durchsetzte, tritt nun ab.
23.12.2019 - 15:43 Uhr Kommentieren
Christopher Hermann saß seit Mitte 2000 zunächst im Vorstand der AOK Baden-Württemberg und führte die AOK seit 2011.
Christopher Hermann

Christopher Hermann saß seit Mitte 2000 zunächst im Vorstand der AOK Baden-Württemberg und führte die AOK seit 2011.

Berlin „Mr. Rabattvertrag“ – unter diesem Namen ist Christopher Hermann im Gesundheitswesen bekannt. Gegen den erbitterten Widerstand der Pharmabranche prägte der Krankenkassenmanager vor mehr als einem Jahrzehnt die Praxis, dass Kassen über exklusive Verträge mit einzelnen Arzneimittelherstellern festlegen, welche Präparate ihre Versicherten in der Apotheke bekommen. Durch die dabei vereinbarten Preisnachlässe sparte die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bislang fast 30 Milliarden Euro.

Zum Jahresende zieht sich Hermann als Chef der AOK Baden-Württemberg zurück, im Januar wird er 65 Jahre alt. Sein Lebenswerk der Rabattverträge steht zunehmend unter Beschuss und wird für Lieferengpässe bei Arzneimitteln verantwortlich gemacht. Hermann sieht hinter Forderungen nach einem Ende der Verträge eine Kampagne von Pharmafirmen und Apothekern, die „nie ihren Frieden“ mit dem Sparinstrument gemacht hätten.

Als 2007 eine Neuregelung zur Abgabe von Nachahmerpräparaten in Apotheken in Kraft trat, machte sich Hermann daran, für die gesamte AOK-Gemeinschaft mit über 20 Millionen Versicherten Rabattverträge auszuschreiben. „Die Preise für Generika in Deutschland waren im europäischen Vergleich extrem hoch“, sagt Hermann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Gesetzesänderung habe den Krankenkassen ermöglicht, in der Arzneimittelversorgung eine Gestalterrolle einzunehmen und nicht nur Zahlmeister zu spielen.

„Dass Big Pharma das nicht gut fand, war selbstverständlich“, erinnert sich Hermann, der seit Mitte 2000 zunächst im Vorstand der AOK Baden-Württemberg saß und die fünftgrößte deutsche Kasse seit 2011 führte. Am Anfang hätten die großen Generika-Hersteller die Ausschreibungen ignoriert – mit der Folge, dass kleinere Anbieter zum Zuge kamen und sich die Marktanteile deutlich verschoben. „Dann hat die Pharmabranche realisiert, dass wir es ernst meinen und ist rechtlich mit allen Mitteln dagegen vorgegangen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es folgten jahrelange juristische Auseinandersetzungen. „Wir haben das durchgefochten in mehr als 100 Prozessen auf allen Ebenen, bis zum Bundesverfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof”, so der scheidende AOK-Chef. „Die anderen Kassen haben erst einmal abgewartet und geguckt, ob der Hermann sich eine blutige Nase holt. Als die Sache klar war, sind sie dann auch in das Rabattgeschäft eingestiegen.”

    Lieferprobleme bei Arzneimitteln

    In den vergangenen Monaten sorgten Lieferschwierigkeiten bei Arzneimitteln für Schlagzeilen. Apotheker und Pharmaindustrie kritisieren, dass die Exklusivverträge mit den Kassen den Austausch von Präparaten bei einem Engpass erschweren oder gar unmöglich machen.

    Laut Apothekerverband ABDA hat sich die Anzahl nicht verfügbarer Rabattarzneimitteln von 4,7 Millionen Packungen in 2017 auf 9,3 Millionen Packungen in 2018 fast verdoppelt. Der Branchenverband Pro Generika legte im November eine Studie mit dem Ergebnis vor, dass Lieferprobleme in Deutschland vor allem bei jenen Medikamenten auftraten, deren Hersteller Rabattverträge mit Krankenkassen geschlossen haben.

    Hermann hält dagegen, dass die Lieferengpässe ein weltweites Phänomen seien. Die Ursachen seien Probleme in den globale Lieferketten und beim Produktionsablauf. Das Verteufeln von Rabattverträgen bringe dagegen gar nichts. „Die Politik sollte sich drei Mal überlegen, ob sie sich auf dieses Pferd setzen lässt und Scheinlösungen produziert“, warnt er.

    Denn wenn die Rabattverträge wegfielen, könne dies auch schnell zu höheren Krankenkassenbeiträgen führen. Alleine 2018 sparte die GKV nach Zahlen des AOK-Bundesverbandes fast 4,5 Milliarden Euro ein, was ungefähr 0,3 Beitragssatzpunkten entspricht.

    Hermann kam über Tätigkeiten beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages und im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium zur Südwest-AOK. In Baden-Württemberg trieb er auch Versorgungsverträge mit Haus- und Fachärzten voran – und handelte sich die Kritik von bundesweit tätigen Krankenkassen ein, mit der Steuerung von ärztlichen Diagnosen möglichst viele Mittel aus dem Finanztopf der GKV abzugreifen.

    Hermann entgegnet: „Wir brauchen keine Manipulation des Finanzausgleichs, wir machen regionale Versorgung. Das ist der große Unterschied.” Die Investitionen in die Haus- und Facharztverträge würden sich lohnen, „weil wir durch die strukturierte Zusammenarbeit der Ärzte Patienten helfen und am Ende auch bei den Gesundheitsausgaben besser laufen“. Die Versicherten der AOK Baden-Württemberg seien im Vergleich gesünder oder könnten mit ihrer Krankheit besser umgehen.

    Gesetze von Spahn stellen Kassen vor Herausforderungen

    Auf die gesetzliche Krankenversicherung sieht Hermann schwierige Jahre bei den Ausgaben zukommen. Das liege nicht nur an innovativen Arzneimitteln, für die Hersteller im ersten Jahr „Mondpreise“ von über einer Million Euro verlangen könnten und die das bisherige Preisfindungsverfahren für patentgeschützte Medikamente untergraben würden. Auch die Gesetze von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) würden die Kassen vor große finanzielle Herausforderungen stellen.

    „Der Motor der Spahnschen Ausgabengesetze ist jetzt richtig angesprungen. Und im kommenden Jahr wird es einen weiteren Schub geben“, so der scheidende AOK-Chef. „Ich wage die Prognose, dass bereits im Verlauf von 2020 größeren Krankenkassen die Luft ausgeht und sie den Zusatzbeitrag anheben müssen. Zum 1.1.2021 wird es dann eine Beitragserhöhungswelle geben, das zeichnet sich bereits ab.”

    In den Ruhestand will sich Hermann nach dem Ende seiner Aufgabe bei der Südwest-AOK nicht verabschieden. Was er genau plant, will er noch nicht verraten – nur, dass er seinen „Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegen“ werde. Klar sei aber: „Ich werde nicht auf die Pharmaseite wechseln und Verträge von der anderen Seite aushandeln.”

    Mehr: Gesundheitsminister Spahn hat die Krankenkassen ab 2020 zu Beitragssenkungen drängen wollen. Doch die Kassen verzichten nun darauf wegen seiner teuren Gesetze.

    Startseite
    Mehr zu: Christopher Hermann - Der Pionier der Arzneimittel-Rabattverträge hört auf
    0 Kommentare zu "Christopher Hermann: Der Pionier der Arzneimittel-Rabattverträge hört auf"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%