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Cloud-Dienst Server-Hardware: Der blinde Fleck von Gaia-X

Peter Altmaiers Cloud-Initiative ignoriert Abhängigkeiten im Hardware-Bereich. Das Problem: Es gibt dort kaum europäische Hersteller.
14.07.2020 - 03:48 Uhr Kommentieren
Mit Abstand dominieren die beiden US-Konzerne Dell und Hewlett-Packard Enterprise das Geschäft mit den Großrechnern. Quelle: Bloomberg
HP-Konferenz

Mit Abstand dominieren die beiden US-Konzerne Dell und Hewlett-Packard Enterprise das Geschäft mit den Großrechnern.

(Foto: Bloomberg)

Berlin, Düsseldorf Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will mit seiner Initiative Gaia-X hoch hinaus, sehr hoch sogar. Als „Moonshot“ bezeichnet er das Projekt, als Mondmission.

Der Erfolg sei „zentral für Deutschland, für Frankreich und für Europa, wenn es um wirtschaftliche Stärke und Souveränität geht“. So wie einst US-Präsident John Kennedy das Ziel ausgab, einen Amerikaner auf den Mond zu schießen, will Altmaier die Europäer in eine neue Digitalära katapultieren.

An Ambition mangelt es Gaia-X also nicht. Europa soll unabhängig von den großen Datenkonzernen der USA werden, die den Markt für Cloud-Computing bisher dominieren. Dadurch soll ein florierendes Ökosystem für Firmen entstehen, die an Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz arbeiten.

Die Idee des Projekts, das Altmaier gemeinsam mit der französischen Regierung und europäischen Unternehmen in Form eines Konsortiums vorantreibt, lautet im Kern: bestehende Cloud-Anbieter miteinander zu verbinden und höchste Datenschutzstandards zu etablieren. Es soll ein Netzwerk entstehen, in dem Daten gespeichert und verarbeitet werden können. Offen, sicher und geprägt von europäischen Werten, ein Gegengewicht zu Amazon, Microsoft und Google – so stellt sich Altmaier Gaia-X vor.

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    Doch wie sich zeigt, hat die Initiative einen blinden Fleck: die Abhängigkeit Europas von Hardware aus dem Ausland. Das Projekt macht den Unternehmen, die Gaia-fähige Cloud-Angebote machen, keine Vorgaben darüber, welche Arten von Servern und Routern sie verwenden dürfen.

    Experten sehen darin eine Schwachstelle. „Ausrüster von kritischer Infrastruktur, egal ob es um das Mobilfunknetz oder die Cloud geht, müssen vertrauenswürdig sein“, sagt Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung.

    Eine rein technische Überprüfung der Komponenten sei nicht ausreichend, da bei vielen Teilen Fernwartung erforderlich sei, bei der ein Betreiber eines Funknetzes oder einer Cloud auf die Zusammenarbeit mit dem Hersteller angewiesen sei. „Dabei besteht die Gefahr, dass das System kompromittiert wird“, erläutert Kleinhans.

    USA und China dominieren Server-Geschäft

    Das Problem lässt sich jedoch nicht einfach lösen. Der Marktforscher IDC trägt jedes Quartal die globale Marktverteilung der Hersteller von Server-Hardware zusammen. Und die jüngst verfügbaren Daten zeigen ein klares Bild: Europäische Firmen spielen kaum eine Rolle in der Herstellung von Servern.

    Mit Abstand dominieren die beiden US-Konzerne Dell und Hewlett-Packard Enterprise das Geschäft mit den Großrechnern. Auf Platz drei folgt die chinesische Inspur-Gruppe, der die US-Regierung enge Beziehungen zum chinesischen Militär vorwirft. Die Firma bestreitet das. Unter den Top 5 der globalen Serverhersteller landen sonst noch das chinesische Unternehmen Lenovo sowie der US-Konzern IBM.

    Grafik

    Ein wichtiger Akteur bei Gaia-X ist die Deutsche Telekom – und einer der Hauptausstatter ihres Cloud-Angebots ist der chinesische Technologielieferant Huawei. Der Konzern steht im Zentrum einer geopolitischen Auseinandersetzung zwischen Peking und Washington.

    Huawei sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Vehikel für Spionage und Sabotage der chinesischen Regierung zu sein. Obwohl die Chinesen das vehement bestreiten, werden sie von den Amerikanern sanktioniert. Mehr noch: Die US-Regierung drängt ihre Verbündeten, Huawei aus ihrer kritischen Infrastruktur zu entfernen.

    Diese Woche reist eine US-Delegation um den Nationalen Sicherheitsberater Robert O’Brien nach Europa, auch mit der Bundesregierung soll es Gespräche geben. Das Thema Huawei steht weit oben auf der Agenda der Amerikaner. Vor allem für Sicherheitsvorschriften für das Mobilfunknetz der nächsten Generation 5G interessiert sich die US-Regierung.

    Doch die Coronakrise hat gezeigt, dass auch die Cloud längst eine kritische Infrastruktur ist. Videokonferenzen ersetzen Meetings, der Einkauf im Netz die Shoppingtour in der Innenstadt, der Filmabend auf der Couch den Kinobesuch: Erst das Cloud-Computing – bei dem Software, Speicherplatz und Rechenleistung über Datennetze angeboten werden – macht es möglich.

    Das Wirtschaftsministerium räumt ein, dass die Frage, wer die Technologie bereitstellt, auf der europäische Anbieter ihre Cloud betreiben, in den Gesprächen zwischen Politik und Wirtschaft bislang eine untergeordnete Rolle gespielt hat.

    Marco-Alexander Breit, der Projektleiter von Gaia-X, betont im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Schon heute sind die einzelnen Infrastrukturanbieter dafür verantwortlich, dass eingesetzte Komponenten sicher sind. Daran ändert Gaia-X nichts.“  Allerdings fügt Breit hinzu: „Das Projekt könnte den Rahmen dafür bieten, zu einem späteren Zeitpunkt neben der

    Softwareunabhängigkeit auch die Hardwaresouveränität anzustreben. Und es ist durchaus vorstellbar, dass die beteiligten Unternehmen innerhalb des europäischen Ökosystems verstärkt auf europäische Angebote auch bei der Hardware setzen.“

    Kritikern im Bundestag reicht das nicht. „Wir müssen bei Gaia-X von vornherein aufpassen, dass wir uns nicht in neue Abhängigkeiten begeben“, sagt der grüne Digitalpolitiker Dieter Janecek. „Man kann die Frage, wie es um die europäische Hardware-Industrie steht, nicht unabhängig von der Frage diskutieren, wie man eine eigene Cloud-Infrastruktur aufbaut.“ Es gehöre zu einer Souveränitätsstrategie, sich auch über die Herkunft von Komponenten Gedanken zu machen. Allerdings wäre hier zunächst der Industriepolitiker Altmaier gefragt, denn bisher hat Europa im Hardware-Bereich nur wenig vorzuweisen.

    Der SPD-Abgeordnete Nils Schmid sieht ebenfalls Versäumnisse bei Gaia-X: „Konzerne sind blind für Geopolitik.“ Das hätten zuletzt die Handelsblatt-Berichte über die enge Zusammenarbeit zwischen der Telekom und Huawei deutlich gezeigt. „Gerade deshalb muss die Bundesregierung der Wirtschaft klare Vorgaben machen“, fordert Schmid.

    Damit allerdings tut sich die Regierung schwer. Seit bald zwei Jahren diskutiert sie, welche Kriterien sie für die Vertrauenswürdigkeit von Ausrüstern kritischer Infrastrukturen festlegen will. Das Wirtschaftsministerium und das Kanzleramt sperren sich gegen eine Regelung, die auf den Ausschluss chinesischer Hersteller hinauslaufen würde.

    Bei Gaia-X fährt das Wirtschaftsministerium offenbar eine ähnliche Linie. Jedenfalls scheint es den beteiligten Unternehmen keine allzu harten Vorgaben machen zu wollen. Die Politik hat zwar den Impuls gegeben, heißt es aus Kreisen des Konsortiums, die Wirtschaft ist aber maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung.

    Aktueller Stand von Gaia-X

    Das ambitionierte Projekt Gaia-X befindet sich noch in einer frühen Phase. Altmaier und seine Fachleute hätten verschiedene Akteure an den Tisch geholt, berichtet Stephan Melzer, der beim IT-Dienstleister msg den Geschäftsbereich „Automotive“ leitet und bei Gaia-X schon seit einer frühen Phase in einer Arbeitsgruppe mitwirkt – „es ist aber gewollt, dass die Industrie langfristig die Führung übernimmt“. Die „Community“ sei sehr aktiv. „Es ist ein großer Erfolg, was wir in kurzer Zeit geschafft haben“, ist Melzer überzeugt. 

    Etwa 300 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentliche Einrichtungen beteiligen sich an Gaia-X, rund 40 Nutzungsszenarien für Bereiche wie Fertigung, Gesundheitswesen, Energie und öffentlichen Sektor sind derzeit in Entwicklung.

    Die Arbeit beginnt nicht bei null: Das erklärte Ziel ist es, bestehende Technologien und Standards zu einem großen Ganzen zu verbinden. So hat die Fraunhofer-Gesellschaft mit den „International Data Spaces“ die Grundlage für einen sicheren Datenraum geschaffen.

    Gaia-X setzt auf das Open-Source-Prinzip, das Konsortium will also den Quellcode offenlegen und alle zur Mitarbeit einladen. „Im Internet basiert viel auf Open Source, das ist eine gängige und erfolgversprechende Methodik“, sagt Oliver Mauss, Chef des Hosting-Anbieters Plusserver.

    Es gebe bereits viele Projekte, die aber zersplittert seien. „Das alles zu bündeln auf einer Plattform hat eine große Kraft“, betont er.

    Das Konsortium muss noch viel Arbeit leisten. „Gaia-X ist ambitioniert, aber es fehlen Details“, urteilt das Analysehaus Forrester in einem aktuellen Papier, das dem Handelsblatt vorliegt – das schränke die Attraktivität des Projektes ein. So gebe es bislang noch keine konkreten Produkte, zudem seien sowohl der vertragliche Rahmen als auch die Rolle der neuen Organisation unklar, die Gaia-X steuern soll.

    IT-Manager, so die Empfehlung von Forrester, sollten sich deswegen davor hüten, das Projekt bereits als „Antwort auf heikle Fragen der Datensouveränität und des Datenschutzes zu sehen“. Zumal die Hardware-Sicherheit noch gar nicht richtig debattiert wird. 

    Mehr: Die Huawei-Connection: Wie die Telekom immer abhängiger von China wurde.

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