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Corona Die Pandemie zeigt die Ästhetik des Widerstands

Nachdenken über das Coronavirus heißt auch Nachdenken über uns Menschen selbst – und unsere Fähigkeit zur Adaption. Ein Essay in Zeiten der Krise.
19.03.2020 Update: 20.03.2020 - 20:15 Uhr 2 Kommentare
Aufgrund des Coronavirus ist der Markusplatz in Venedig menschenleer. Quelle: AFP
Der Markusplatz in Venedig

Aufgrund des Coronavirus ist der Markusplatz in Venedig menschenleer.

(Foto: AFP)

Der Firnis menschlicher Zivilisationsgeschichte ist auch eine Art Rüstung – über Tausende von Jahren alt. Man sollte denken, die schützt uns ein Weilchen vor irrationaler Panik, wenn mal wieder eine Öl-, Finanz-, Handels- oder Politikkrise den Planeten erschüttert. In meinem Fall reichte ein Supermarkt-Besuch in Corona-Zeiten, um mich an den grunzenden Primaten zu erinnern, der in mir schlummert.

Vor mir an der Kasse stand eine Frau mit den letzten (!) drei (!!) Zehner-Packungen (!!!) Toilettenpapier des ganzen Ladens und hustete in ihre Armbeuge (das hatten wir immerhin schon gelernt), bevor sie der Kassiererin von ihrer kleinen Tochter erzählte, die gerade mit einer Lungenentzündung zu Hause liege. Auf einmal stand da keine Nachbarin mehr, sondern in jeder Hinsicht eine Bedrohung.

Man hat ja dann schnell Bilder im Kopf, die vom kontaminierten Kassenband bis hin zu Leichenbergen in Pestilenz-verseuchten Mittelalter-Städten reichen. Es gibt Katastrophenfilme wie „World War Z“ und „I am Legend“, in denen Stars wie Brad Pitt oder Will Smith erstaunlich schnell zu den letzten Überlebenden der Spezies Mensch gehören.

Jedenfalls wurde es auch hinter mir in der Kassenschlange dann zügig unruhig. Okay, wir haben die Frau dann weder ihres Hustens noch ihrer Hamsterei wegen verbrannt, wie man das vor wenigen Jahrhunderten noch mit vermeintlichen Hexen gemacht hätte. Aber wie würden wir nächste Woche reagieren?

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    Vor Kurzem konnten wir uns ja auch noch nicht vorstellen, Pasta zu horten und alle „sozialen Kontakte“ zu reduzieren, wie es uns die Kanzlerin neuerdings nahelegt. Der Ausnahmezustand ist zum Alltag geworden. Die gute Nachricht ist: An Corona dürfte die Menschheit nicht zugrunde gehen. Die schlechte: die Weltwirtschaft womöglich eher.

    Die Jalousien sind geschlossen, die Schüler zuhause: das Humboldt-Gymnasium in Düsseldorf. Quelle: dpa
    Nordrhein-Westfalen

    Die Jalousien sind geschlossen, die Schüler zuhause: das Humboldt-Gymnasium in Düsseldorf.

    (Foto: dpa)

    Es ist nicht mal vier Monate her, dass erstmals winzige Meldungen über ein neuartiges Virus auftauchten: Am 30. Dezember hatte der chinesische Arzt Li Wenliang (der ein paar Wochen später eines der ersten Todesopfer der Infektion wurde) seine Kollegen in einer WeChat-Gruppe über eine ungewöhnliche Häufung von Lungenentzündungen in der Millionenstadt Wuhan informiert. Man verzeihe die semantische Parallele, aber Nachricht und Krankheit gingen danach zügig viral.

    So schnell also kann das gehen, dass nichts mehr ist wie vorher: Bis gestern wurden weltweit 220.000 Infizierte und 9000 Todesopfer gezählt. Das ist immer noch überschaubar, wenn man es mit der Spanischen Grippe vergleicht, der bis 1920 mindestens 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die allermeisten Corona-Patienten genesen zudem erfreulich schnell. Aber viel schlimmer als das Virus selbst verbreiten sich eben Angst und Vorsicht, die alles lähmen.

    Das Coronavirus infiziert weniger unsere Körper als unsere Köpfe. Länder wie Italien verordnen sich Isolation, Metropolen wie Mailand gleichen plötzlich Geisterstädten. An den Börsen lösen sich Billionenwerte auf, Konzerne, Branchen und komplette Volkswirtschaften rutschen in die Rezession.

    Die Welt wirkt wie nach einer Neutronenbombe: Die Produktionsmittel sind unbeschadet, aber verwaist. Flughäfen etwa waren bis vor Kurzem die pulsierenden Kathedralen der Moderne, Umschlagplätze des Die-Welt-ist-ein-Dorf-Credos.

    Jetzt ähneln sie Mausefallen aus Glas und Stahl. Und der Kampf gegen die Folgen des Virus ist bisweilen überraschend gegenläufig: Die Ansteckungsketten müssen unbedingt gekappt, die Lieferketten unbedingt gerettet werden.

    Greta Thunberg muss das Virus hasslieben

    Sars-CoV-2 Superstar. Das Virus ist schneller zum Welthit geworden als Jesus, Billie Eilish und Greta Thunberg zusammen. Apropos: Greta muss das Virus hasslieben. Einerseits hat es schneller und radikaler als all ihre vorwurfsvollen Reden dafür gesorgt, dass wir deutlich weniger CO2 produzieren.

    Sars-CoV-2 zeigt indes nicht nur, dass es irgendwie geht mit dem Umweltschutz, sondern ebenso dessen gigantische ökonomische Kollateralschäden, wenn uns eine derartige Schocktherapie verordnet wird. Zugleich spricht nun kaum noch jemand über die 17-jährige Schwedin oder die Erderwärmung, obwohl das Virus wie der Klimawandel die Menschheit ja gleichermaßen bedroht.

    Ein Mann steht auf einer Rolltreppe in einem fast leeren Bahnhof. Quelle: dpa
    Barcelona

    Ein Mann steht auf einer Rolltreppe in einem fast leeren Bahnhof.

    (Foto: dpa)

    Beide sind unsichtbare Kräfte. Beide gäb’s gar nicht ohne uns Menschen. Beide operieren mit Fieber: Das eine erhöht unsere eigene Temperatur, der andere die des Planeten. Nur ist das Virus eine mikroskopisch winzige, der Klimawandel aber eine gigantische Bedrohung.

    Sars-CoV-2 ist wahnsinnig schnell im Vergleich zu all den sich nur ganz allmählich über Jahrzehnte aufbauenden Ökoveränderungen. Und obwohl das Virus nicht mal ein echtes Lebewesen ist, ist es doch immerhin ein physisch verortbarer Feind. Der Klimawandel ist die Antwort der Natur auf unser Tun, das Virus auf unser Sein.

    Seine besondere Raffinesse besteht darin, dass es eine Art bösartiges Spiegelbild unseres Immunsystems darstellt und zugleich die Adern der Globalisierung für seine rasante Verbreitung mit höchster Effizienz missbraucht.

    Globalisierung macht es Viren einfacher

    Das Virus ist eine perfekte Waffe. Es denkt und fühlt nicht. Es braucht keine Work-Life-Balance und keinen Moralkodex. Es schafft die Welteroberung von einem Fischmarkt in Wuhan aus in vier Monaten – ohne Panzer, Drohnen und Legionen. Es ist, findet Richard Preston, „die Rache der Natur“.

    Preston schrieb „The Hot Zone“ (auf Deutsch im Knaur-Verlag erschienen), Vorbild vieler ähnlicher Thriller. Der Amerikaner beschreibt darin, wie der Corona-Verwandte Ebola den Planeten erobern und die Menschheit dahinraffen kann. „The Hot Zone“ erschien bereits 1995.

    In den 25 Jahren seither hat sich nach Ansicht von Preston viel verändert, was es den Viren einfacher machte: China und ganz Asien rückten ökonomisch noch näher an den Rest der Staatengemeinschaft. Weltreisen sind zum Hobby breiter Bevölkerungsschichten geworden. Die Menschheit wächst und versammelt sich in immer mehr Megametropolen mit Einwohnerzahlen in zweistelliger Millionenhöhe.

    Allein im Großraum New York leben heute mehr Menschen als im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, Nordrhein-Westfalen. „Die globalisierte Wirtschaft macht es dem Virus leicht“, findet Preston. „Wir alle sind aufeinander angewiesen. Und aus der Perspektive eines Virus sind wir ideal, weil wir uns alle so ähnlich sind.“ Der Erreger unterscheidet nicht zwischen Rassen oder Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder Intellekt, Arm oder Reich. Er macht auf eine apolitische Weise alle gleich. Für Sars-CoV-2 sind wir nur ein Wirt.

    Hamsterkäufe sind kein deutsches Phänomen, auch in den USA wie hier in den USA kaufen die Bewohner auf Vorrat. Quelle: imago images/ZUMA Wire
    Leere Regale

    Hamsterkäufe sind kein deutsches Phänomen, auch in den USA wie hier in den USA kaufen die Bewohner auf Vorrat.

    (Foto: imago images/ZUMA Wire)

    Preston „hasst es, das sagen zu müssen: Aber um eine derartige Bedrohung bekämpfen zu können, müssen wir das Beste und Feinste unseres Wesens ausschalten: Wir müssen uns voneinander separieren.“ Splendid Isolation nannte das britische Königreich einst seinen Versuch, sich auch dank der eigenen Insellage aus allen Allianzen rauszuhalten. Hat nicht wirklich geklappt. Und nun soll die wunderbare Isolation uns helfen?

    In Afrika starben bei Ebola-Epidemien die Menschen auf den Straßen, weil Hilfe Selbstmord bedeutet hätte, erinnert sich der US-Schriftsteller. Das ist es, was uns auch mit Corona noch passieren könnte, und dann eben auch in Berlin, Peking oder New York. Die bereits zu beobachtende Folge: Wir werden temporär asozial.

    Nur ein winziger Teil ist erforscht

    Preston lebt von der Produktion fiktiver Worst-Case-Szenarien, möchte aber für die Realität Optimist bleiben. Was uns gefährdet, hätten wir dem Virus ja auch voraus: Bewusstsein, Werte, die Fähigkeit, in Teams zu arbeiten. „Das alles half uns bislang auch zu überleben“, sagt der Autor, der aus seinen Recherchen rund um das Virenthema gelernt hat: „Wir sind Teil der Natur. Und es gibt Kräfte in dieser Natur, die wir nicht kontrollieren, ja kaum verstehen können.“ Da gibt ihm auch ein Fachmann recht.

    Hartmut Hengel ist Ärztlicher Direktor am Institut für Virologie der Freiburger Uniklinik und Präsident der Gesellschaft für Virologie: Nur „ein winziger Bruchteil“ der Viren sei „überhaupt erforscht“, sagt er. Das macht es natürlich auch schwierig: Gegen SarsCoV-2 komme es „auf situative Reaktionen an“, sagt Hengel. „Das ist wie im Krieg, wo es für Taktiken und Strategien ebenso wenig immer gültige Regeln gibt. Auch bei Corona müssen wir immer flexibel und intelligent reagieren.“

    Die Kriegsrhetorik wird mittlerweile selbst von Staatsmännern übernommen wie Emmanuel Macron. Und es ist zumindest erstaunlich, wie derzeit allerorten die Freiheit einfach wegdesinfiziert wird. Niemand wundert sich mehr, dass im Handstreich sogar Grundrechte eingeschränkt werden. Die Maßnahmen mögen ja alle sinnvoll sein, aber nicht einmal eine Debatte darüber findet mehr statt.

    Warum Viren zum Nachdenken anregen
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    2 Kommentare zu "Corona: Die Pandemie zeigt die Ästhetik des Widerstands"

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    • Lieber Herr Hartmann,

      läuft bei Ihnen schon eine Anlage von Neutrino Energy Group?
      Produzieren Sie schon kostenlose Energie?

      Bitte um Ihre Hinweise - ich mache sofort mit.

    • "Sars-CoV-2 Superstar. Das Virus ist schneller zum Welthit geworden als Jesus, Billie Eilish und Greta Thunberg zusammen. Apropos: Greta muss das Virus hasslieben. Einerseits hat es schneller und radikaler als all ihre vorwurfsvollen Reden dafür gesorgt, dass wir deutlich weniger CO2 produzieren." Predigen hilft leider weniger, als wenn Menschen begreifen müssen, ihr Leben könnte gefährdet sein. Dabei ist klar, das Wetterextreme als Folge des Klimawandels ebenfalls Katastrophen bewirken könnten, die uns alle in den Abgrund stürzen. Nun ist der unsichtbare Feind da. Was kann die Welt und Erdengemeinschaft retten? UMDENKEN in erhöhtes Bewusstsein. Unser westlicher Konsumzwang hat andere Menschen ua. in China in menschenunwürdigen Verhältnissen schuften und vegetieren lassen. Wir wollten es BILLIG UND GEIZ IST GEIL...jetzt kommt der Bumerang zurück. Wo durch Ausbeutung menschenunwürdige Lebensverhältnisse und mit der Armut verbundene UNHYGENISCHE, SCHMUTZIGE LEBENSWEISE BAKTERIEN UND SEUCHEN hervorbringen, sollten wir uns nicht wundern, dass nun von China aus der Virus zu uns kam. Jetzt sollten wir grundlegend über das Leben als Spezies Mensch Nachdenken. Es gibt viele Wege aus dem Loch rauszukrabbeln...vor allem werden wir die Energienutzung weltweit anschauen. Wenn wir nicht überall auf emissionsfreie Energien Umrüsten, wird der Bumerang wieder kommen. Dabei gibt es Ressourcen die wir frei Nutzen können und die Technologien stehen jetzt schon in Kinderschuhen vor den Türen. Neutrino-Energy wird weltweit unendlich zur Verfügung stehen. Sie strömt 365 / 24 und allerorts und die Berliner Neutrino Energy Group bietet Patente und Lizenzen zur Herstellung von Neutrinovoltaik und Power Cu es welche zur MOBILEN UND DEZENTRALEN HAUSHALTSVERSORGUNG und für die Elektromobilität einsetzbar sind. Wir werden Strom frei in unseren Haushaltsgeräte und Fahrzeugen selbstladend nutzen. Politik muss das JETZT Steuern damit die Wirtschaft Rudern kann - es geht um unsere Zukunft.

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