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Corona-Pandemie Deutschland macht sich locker – doch die Rückkehr in den Alltag spaltet die Gesellschaft

Die Menschen wagen in der Coronakrise wieder etwas mehr Alltag. Das schürt Ängste vor einer zweiten Welle. Statistische Feinheiten gewinnen in der Debatte an Gewicht.
10.05.2020 - 19:22 Uhr 2 Kommentare

Festnahmen bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen in Berlin

Berlin Die Maisonne scheint auf einen Spielplatz in Berlin Mitte: Kinder stauen sich an der Rutsche, auf der Liegewiese haben sich kleine Gruppen niedergelassen. Vor einem Eisladen stehen Menschen Schlange. Die Straßen sind voll, sehr voll. Der Spielplatz liegt hundert Meter entfernt vom Rosa-Luxemburg-Platz, wo Proteste gegen die Coronamaßnahmen stattfinden. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Wer Passant ist und wer Demonstrant, das ist am Samstagnachmittag nicht immer klar zu erkennen.

Auch in anderen deutschen Städten gehen die Menschen wieder auf die Straße. Die ganz große Mehrheit zum Einkaufen, Flanieren, Freunde treffen. Einige zum Demonstrieren. In Stuttgart kamen Tausende Menschen zu einer Protestkundgebung. Die Rückkehr in den Alltag spaltet die Gesellschaft. Bei einem Bevölkerungsteil überwiegt die Erleichterung nach den wochenlangen staatlichen Einschränkungen, bei anderen die Angst vor einer zweiten Welle der Pandemie. Der Ton wird rauer.

Starke Polarisierung

Es gibt legitime Gründe, gegen die Coronamaßnahmen auf die Straße zu gehen. Bei den Protesten finden aber auch Wut und Verschwörungstheorien ein Ventil. Twitter-Nutzer wiederum beschimpfen aus sicherer sozialer Distanz heraus jene, die sich außerhalb der virtuellen Welt nicht an Regeln halten, als #Covidioten.
Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach befürchtet: „Insgesamt stehen wir vor einer starken Polarisierung, deren Ausgang unklar ist.“ Die Zahl derer, die nicht mehr bereit seien, wesentliche Einschränkungen zu ertragen, „wächst in diesen Stunden sehr stark“. Lauterbach führt das auf die Öffnungsperspektive von Bund und Ländern in der vergangenen Woche zurück. „Diese Lockerungen haben das Signal gegeben, dass wir das Schlimmste hinter uns haben. Doch das stimmt nicht. Dass der schlimmste Teil der Pandemie schon bewältigt wäre, davon kann keine Rede sein“, sagte Lauterbach dem Handelsblatt.

Auch Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, mahnt: „Wir sind in einer kritischen Phase. Nach den ersten Lockerungen ist zu befürchten, dass einige wieder sorgloser und nachlässiger werden.“ Für Göring-Eckardt trägt dazu auch das unklarer gewordene Krisenmanagement von Bund und Ländern bei. „Das Vorpreschen von einigen Ministerpräsidenten und ihr uneinheitliches Vorgehen untergraben das Vertrauen in die Notwendigkeit der Maßnahmen“, sagte die Grünen-Politikerin dem Handelsblatt.

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    Als das Robert Koch-Institut (RKI) am Wochenende mitteilte, dass die Ansteckungsrate R wieder über die kritische Marke von eins gestiegen sei, fühlten sich Kritiker der Lockerungen bestätigt. Die Reproduktionszahl sagt aus, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Am Mittwoch hatte das RKI den Wert noch mit 0,65 angegeben. Liegt der Wert unter eins, schwächt sich die Ausbreitung des Virus ab.

    Allerdings machte das RKI auch deutlich: Wegen der statistischen Schwankungen, die durch die insgesamt niedrigeren Zahlen verstärkt würden, könne noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetze. Auch Ende April war die Aufregung mitten in der Öffnungsdebatte groß, als das RKI einen Anstieg der Ansteckungsrate auf 1,0 vermeldete – nur um einen Tag später wieder einen Wert von 0,9 anzugeben.

    Eine Gruppe von Gesundheitsexperten kritisiert, dass die Debatte von Kennziffern getrieben wird, die nur begrenzt Aussagen über das aktuelle Infektionsgeschehen zulassen. „Verständlicherweise gibt es, sowohl in der Öffentlichkeit als auch auf der politischen Ebene, eine große Nachfrage nach Instrumenten, die die Dynamik der Entwicklung der Epidemie beschreiben“, heißt es in dem Papier von Anfang Mai. Unter den Verfassern sind auch zwei frühere Mitglieder des Sachverständigenrats der Bundesregierung, der Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe und der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Universität Bremen.

    Statistische Feinheiten

    Ihr Einwand: Die beim RKI gemeldeten Zahlen zum Infektionsgeschehen seien „Momentaufnahmen, die auf einen Zeitpunkt in der Vergangenheit verweisen“. Außerdem hänge der R-Wert stark davon ab, wie viele Menschen getestet würden. Angesichts der deutlichen Ausweitung der Coronatests sei „mit einem künstlichen, auf die Teststrategie zurückgehenden Anstieg“ der statistischen Ansteckungsrate zu rechnen. Es sei vorhersehbar, dass sich der R-Wert dadurch in den nächsten Wochen wieder auf einen Wert über eins erhöhen werde, „ohne dass diesem Anstieg eine Zunahme des Infektionsgeschehens gegenüberstehen würde“.

    Das Expertenteam stellt die harten Einschränkungen insgesamt infrage, da das Infektionsgeschehen schon kurz vor dem Lockdown unter eins gefallen sei. Ihre Kritik: Die Zahl der Neuinfektionen und die darauf basierenden Berechnungen spiegelten ursprünglich den Tag der Meldung der Coronafälle beim RKI wider. Wenn sich jemand mit dem Virus infiziert, können wegen der Inkubationszeit, des Auftretens von Symptomen sowie Verzögerungen im Meldewesen mehr als zwei Wochen vergehen, bis der Fall in der RKI-Statistik auftaucht.

    Mittlerweile verwendet das Bundesinstitut eine andere Berechnungsmethode, die für jeden Fall rückwirkend den Tag der Ansteckung schätzt. Diese Daten zeigen, dass die Ansteckungsrate schon zwei Tage vor den weitreichenden politischen Entscheidungen vom 23. März unter eins sank.

    Die Autoren des Thesenpapiers folgern daraus: „Es gibt deutliche Anhaltspunkte für die Annahme, dass die einfachen Maßnahmen wie Verbot von Großveranstaltungen bereits ausgereicht hätten. Auf jeden Fall reichen die beschriebenen Werte aus, um eine weitere Öffnung der Maßnahmen offen zu diskutieren.“

    SPD-Politiker Lauterbach, selbst Medizinprofessor, warnt dagegen vor einem leichtfertigen Umgang mit dem Virus: Zwar trügen viele Menschen im Alltag nun Schutzmasken, „minderwertige Stoffmasken, wohlgemerkt“, ansonsten aber sei man „keinen Millimeter weitergekommen“. Es sei „vollkommen unlogisch, dass wir an so breiter Front so viele Lockerungen gleichzeitig beschließen“. Wenn man das Verhalten der Menschen auf öffentlichen Plätzen beobachte, „dann befürchte ich in den nächsten Wochen eine Rückkehr zum exponentiellen Wachstum der Fallzahlen“.

    Mehr: Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen zur Coronakrise in unserem Newsblog.

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    2 Kommentare zu "Corona-Pandemie : Deutschland macht sich locker – doch die Rückkehr in den Alltag spaltet die Gesellschaft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "...„vollkommen unlogisch, dass wir an so breiter Front so viele Lockerungen gleichzeitig beschließen"

      Nein.
      Es wäre unlogisch keine weiteren Lockerungen zu diskutieren.
      Es hieß die Kontaktsperren wären wichtig, damit die Kliniken nicht überlaufen werden. Wir lägen nur zwei Wochen hinter Italien, verkündete man uns. Die Kliniken sind gegenwärtig weit davon entfernt überlaufen zu werden.

      "...ansonsten aber sei man „keinen Millimeter weitergekommen“"

      In Bezug worauf?
      Wir fahren gerade die Volkswirtschaft vor die Wand aber sind keinen Millimeter weitergekommen?
      Das wäre ja erst recht ein Grund die Beschränkungen weiter zu lockern, oder?
      Oder worauf will Hr. Lauterbach noch warten?
      Bis das gesellschaftliche Leid unerträglich wird und wir hundertausende weitere Existenzen vernichtet haben?




    • Die zweite Welle ist doch jetzt schon gesetzt und programmiert - Grippeviren sind MUTIEREND, sie ändern sich laufend. So wird aus Covid19 ein Covid20, Covid21...

      Das ist ja das Fatale an diesen Maßnahmen - einmal installiert lassen sich permanent Interpretationen herbeibiegen, die eine Fortschreibung dieser zu einem neuen Alltag bis in alle Ewigkeit erlauben würden.

      Und deshalb muss bald SCHLUSS SEIN mit diesem Kaperungsakt unserer Demokratie.

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