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Corona-Pandemie „Die Regierung hat versagt“ – Ex-Berater Cummings rechnet mit Boris Johnson ab

Boris Johnsons ehemaliger Chefberater packt gegen den britischen Premier aus: Zehntausende Corona-Todesfälle hätten verhindert werden können.
26.05.2021 Update: 26.05.2021 - 17:05 Uhr Kommentieren
Regierungsvertreter werfen Ex-Berater Cummings einen Rachefeldzug gegen Johnson und die britische Regierung vor. Quelle: AFP
Der britische Premierminister Boris Johnson und sein ehemaliger Berater Dominic Cummings

Regierungsvertreter werfen Ex-Berater Cummings einen Rachefeldzug gegen Johnson und die britische Regierung vor.

(Foto: AFP)

London Dominic Cummings ist ein unversöhnlicher Gegner. Das bekam am Mittwoch der britische Premier Boris Johnson zu spüren. Ein halbes Jahr nachdem er Cummings als Chefberater entlassen hatte, rechnete dieser am Mittwoch bei einem explosiven Auftritt mit seinem früheren Chef ab.

In einer mehrstündigen Anhörung vor dem Unterhaus warf Cummings dem Premier schweres Versagen in der Corona-Pandemie vor. Johnson habe das Virus lange nicht ernst genommen. Er habe es als Panikmache und „neue Schweinegrippe“ abgetan. Um zu zeigen, wie harmlos das Virus sei, habe er sogar erwogen, sich live im Fernsehen infizieren zu lassen. „Als die Öffentlichkeit uns am meisten brauchte, hat die Regierung versagt“, sagte Cummings.

Die Aussagen des Ex-Beraters sind deshalb so brisant, weil der 49-Jährige an allen zentralen Entscheidungen in der Downing Street beteiligt war. Im Londoner Regierungsviertel wurde die Offenheit des Insiders mit ungläubigem Staunen verfolgt. Cummings bot einen tiefen Einblick, wie verheerend das Krisenmanagement war.

„Es gab überhaupt keinen Plan“, sagte er. Es sei „verrückt“, dass in so einer Lage Johnson Premier und er selbst Berater gewesen sei. Zehntausende Menschenleben hätten durch schnelleres Handeln gerettet werden können, so Cummings. Mittlerweile sind 128.000 Menschen im Königreich mit oder an Corona gestorben.

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    Die Regierung habe sich anfangs gegen einen Lockdown entschieden, weil sie die Herdenimmunität bis September erreichen wollte, sagte Cummings. Erst als klar wurde, dass die Infektionswelle die Krankenhäuser überfordern würde, habe man umgesteuert und am 23. März den ersten Lockdown verhängt. Johnson persönlich habe sich bis zum Schluss aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen gegen den Lockdown gewehrt, so Cummings. Auch habe er geglaubt, dass die Briten drastische Einschränkungen nicht akzeptieren würden.

    Aber nicht nur Johnson habe das Virus völlig unterschätzt. Hätte man am 1. März Bill Gates in dieses Amt gesetzt, so Cummings, wäre es auch ein Albtraum gewesen. Und auch er selbst habe viel zu spät den Ernst der Lage begriffen: „Ich bedauere sehr, dass ich den Panik-Knopf nicht früher gedrückt habe.“ Schon im Januar hätte er Alarm schlagen sollen, nicht erst im März. Die langsame Reaktion sei ein „klassisches Beispiel von Gruppendenken“.

    Johnson wählt die Vorwärtsverteidigung

    Neben Johnson attackierte Cummings vor allem Gesundheitsminister Matt Hancock. Der hätte „für mindestens 15 bis 20 Dinge“ gefeuert werden müssen, inklusive mehrfacher Lügen gegenüber anderen Ministern und der Öffentlichkeit.

    Es ist jedoch fraglich, ob die neuerliche Kritik politische Folgen für Johnson haben wird. Denn dass er im Umgang mit dem Virus zunächst eine Laisser-faire-Haltung eingenommen hat, ist keine Neuigkeit. So hatte er zu Beginn der Pandemie noch stolz Hände im Krankenhaus geschüttelt und war ins Rugbystadion gegangen. Auch im Herbst hatte er sich lange gegen einen zweiten Lockdown gewehrt.

    Die Briten scheinen Johnson die Fehler jedoch nicht anzukreiden. Das haben gerade die Kommunalwahlen gezeigt, bei denen die Konservativen mehrere Hundert Mandate hinzugewannen.

    Der Regierungschef selbst wählte am Mittwoch in der Fragestunde des Parlaments die Vorwärtsverteidigung. Man habe alle Entscheidungen im Interesse der britischen Bevölkerung getroffen, sagte er. Die Opposition blicke in den „Rückspiegel“, während die Regierung sich darauf konzentriere, die Briten zu impfen und die Wirtschaft wieder hochzufahren.

    Es spricht einiges dafür, dass Johnson mit dieser Argumentation durchkommt. 70 Prozent aller Erwachsenen in Großbritannien haben inzwischen eine erste Impfdosis erhalten. Am 21. Juni sollen die restlichen Corona-Restriktionen fallen, inklusive der Homeoffice-Pflicht. Zwar gab die indische Virusvariante zuletzt wieder Anlass zur Sorge, doch herrscht die Stimmung vor, dass die Pandemie großenteils überwunden ist.

    Die Regierung versucht, Cummings“ Attacken als Vendetta eines frustrierten ehemaligen Mitarbeiters abzutun. Cummings verfolge eine persönliche Agenda, sagte Verkehrsminister Grant Shapps dem Sender Sky News.
    Auch hat Cummings ein Glaubwürdigkeitsproblem. Er ist höchst unpopulär, seit er vor einem Jahr mitten im Lockdown trotz einer Covid-Infektion quer durchs Land fuhr, um seine Eltern zu besuchen. Mit dem Regelverstoß, den er mit albernen Ausreden rechtfertigte, untergrub er die Corona-Politik der Regierung. Sich nun als Chefkritiker aufzuspielen wirkt daher aus Sicht vieler Briten heuchlerisch.

    Doch scheint Cummings bereits für die Zeit nach Johnson zu planen. Während er den Premier und den Gesundheitsminister scharf angriff, nahm er Finanzminister Rishi Sunak auffällig in Schutz. Dieser sei „extrem kompetent“, lobte er. Dabei hatte Sunak im vergangenen Sommer mit einer staatlich finanzierten Rabattaktion die Briten massenweise in die Restaurants gelockt, was zur zweiten Infektionswelle im Herbst wesentlich beigetragen haben dürfte.

    Die Aktion gilt inzwischen ebenfalls als Fehler. Cummings macht sich aber offenbar noch Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Downing Street: Sunak gilt als möglicher künftiger Premierminister, sollte Johnson über irgendeinen Skandal stolpern.

    Mehr: Internes Papier: Virus lässt sich „nicht vollständig eliminieren“ – EU plant für die neue Normalität

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