Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Coronakrise Leopoldina empfiehlt unter Bedingungen schrittweise Rückkehr zum Alltag

Die Wissenschaftler befürworten eine baldige Öffnung der Schulen und des Einzelhandels. Über allem müsse dabei die Einhaltung der Hygienevorschriften stehen.
13.04.2020 Update: 13.04.2020 - 16:44 Uhr Kommentieren
Die Wissenschaftler empfehlen, zuerst die Grundschulen und die Klassen der Sekundarstufe I wieder zu öffnen. Quelle: dpa
Geschlossene Schule

Die Wissenschaftler empfehlen, zuerst die Grundschulen und die Klassen der Sekundarstufe I wieder zu öffnen.

(Foto: dpa)

Halle, Berlin Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt, unter bestimmten Voraussetzungen so bald wie möglich zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I schrittweise zu öffnen. In der am Montag veröffentlichten Stellungnahme der Wissenschaftler, die sich mit weiteren Schritten in der Corona-Pandemie beschäftigt, heißt es unter anderem zu den Voraussetzungen, die Infektionen müssten auf niedrigem Niveau stabilisiert und die bekannten Hygieneregeln eingehalten werden.

Zudem sprechen sich die Experten für eine Masken-Pflicht etwa in Bussen und Bahnen aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Studie der Leopoldina als „sehr wichtig“ für das weitere Vorgehen bezeichnet.

In der Stellungnahme „Die Krise nachhaltig überwinden“ sagen die Experten, dass auch viele weitere Teile des öffentlichen Lebens schrittweise unter bestimmten Voraussetzungen wieder normalisiert werden können. Zunächst könnten etwa der Einzelhandel, das Gastgewerbe und Behörden öffnen. Aber auch private und dienstliche Reisen sowie gesellschaftliche, kulturelle und sportliche Veranstaltungen könnten wieder stattfinden.

Hierfür müssten jedoch zunächst auch „notwendige klinische Reservekapazitäten aufgebaut“ und auch andere Patienten wieder regulär aufgenommen werden. Als Voraussetzung wird auch jeweils genannt, dass Hygieneregeln diszipliniert eingehalten werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zur Öffnung von Schulen und Kitas heißt es: „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“

    Staatshaushalt wird stark belastet werden

    In den Empfehlungen heißt es unter dem Punkt „Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Stabilisierung nutzen“, staatliche Beteiligungen sollten nur im äußersten Notfall zur Stabilisierung von Unternehmen eingesetzt werden. Mit dem Auslaufen der jetzigen gesundheitspolitischen Maßnahmen würden mittelfristig weitere expansive fiskalpolitische Impulse notwendig sein.

    Auf der Einnahmenseite könnten dies Steuererleichterungen sein, das Vorziehen der Teilentlastung beim Solidaritätszuschlag oder seine vollständige Abschaffung. Auf der Ausgabenseite seien zusätzliche Mittel für öffentliche Investitionen, etwa im Gesundheitswesen, der digitalen Infrastruktur und im Klimaschutz wichtig. Die Krise erfordere in höchstem Maße ein europäisch-solidarisches Handeln.

    Die Experten rufen zudem dazu auf, an der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung festzuhalten. So sei an der Schuldenbremse im Rahmen ihrer derzeit geltenden Regeln festzuhalten. Dies erlaube gerade in so besonderen Zeiten wie der Coronakrise eine deutlich höhere Verschuldung, verlange aber bei der Rückkehr zur Normalität wieder deren Rückführung. Allgemein heißt es in diesem Zusammenhang, die in der Krise getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen müssten so bald wie möglich zugunsten eines nachhaltigen Wirtschaftens im Rahmen einer freiheitlichen Marktordnung rückgeführt oder angepasst werden.

    Die Forschungsgemeinschaft Leopoldina schlägt auch datenschutzrechtliche Änderungen vor, um eine bessere Corona-Eindämmung zu ermöglichen. „Angesichts der Erfahrung der derzeitigen Pandemie sollten auf europäischer Ebene die Datenschutzregelungen für Ausnahmesituationen überprüft und gegebenenfalls mittelfristig angepasst werden“, heißt es in dem 18 Seiten langen Papier. „Dabei sollte die Nutzung von freiwillig bereit gestellten personalisierten Daten, wie beispielsweise Bewegungsprofile (GPS-Daten) in Kombination mit Contact-Tracing in der gegenwärtigen Krisensituation ermöglicht werden.“

    Die Experten streben an, die Datenerhebung zum Infektions- und Immunitätsschutz „substanziell zu verbessern, insbesondere durch repräsentative und regionale Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus“. Die Daten sollten „in Echtzeit“ verarbeitet werden und so verlässlichere Kurzzeitprognosen ermöglichen. Als Vorbild nennen die Wissenschaftler Südkorea. GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing „würde die Präzision heute verfügbarer Modelle steigern, um insbesondere eine kontextabhängige, örtliche Auflösung und damit eine differenzierte Vorhersage des Pandemieverlaufs zu erlauben“.

    Beim Bundesbeauftragten für Datenschutz, Ulrich Kelber, stoßen die Überlegungen auf Ablehnung. Die GPS-Daten brauche es nicht, um zu wissen, wo Infektionsherde seien, schrieb Kelber auf Twitter. „Das weiß man aus den Tests und den Befragungen. Dann kann man in der App selbst jegliche Datenerhebungen, die zu Bewegungsprofilen führen kann und auch für Dritte interessant sind, vermeiden.“

    Auch der Richter und Datenschutzexperte Ulf Buermeyer wandte sich gegen den Vorstoß der Wissenschaftler. „Die Debatte ist eh schon völlig vernebelt - wir brauchen nicht immer neue Vorschläge, sondern schnell eine funktionierende und Datenschutz-kompatible App“, schrieb der Vorsitzende der Gesellschaft der Freiheitsrechte auf Twitter. „Ortsdaten sind nicht nötig, aber ihre Erhebung macht den Menschen Angst. Daher: klares Nein.“

    Lehrerverband erkennt großen Nachholbedarf

    Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, dringt auf gezielte Bemühungen, die durch Schulschließungen in der Coronakrise entstandenen Lernlücken zu schließen. „Ich fürchte, dass bis zu ein Viertel aller Schüler in den vergangenen Wochen von jenen, die andere Voraussetzungen hatten, abgehängt wurde“, sagte Meidinger der „Welt“.

    „Dieses Viertel dürfte keine oder nur eine sehr eingeschränkte Beschulung erhalten haben. Die Schere ist in den letzten Wochen zweifelsohne weiter auseinander gegangen.“ Es gehe etwa um Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen, aus schwierigen sozialen Verhältnissen und ohne ausreichende technische Ausstattung.

    Meidinger warnte, der Bildungsrückstand für diese rund drei Millionen Mädchen und Jungen wiege immer schwerer, je länger das Homeschooling andauere. Um diese Gruppe müsse man sich verstärkt kümmern. Es sei eine der dringlichsten Aufgaben der Bildungspolitik zu verhindern, „dass die Schulschließungen dazu führen, dass wir eine ganze Generation bekommen, deren Schullaufbahn dauerhaft gefährdet ist“.

    Meidinger schlug vor: „Eine Möglichkeit wäre, diese Gruppe bei Öffnung der Schulen vorrangig zu behandeln. Bevor also alle Schüler wieder unterrichtet werden, könnte man mit ihnen zunächst Versäumtes nacharbeiten.“

    Zustimmung aus der Politik

    Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat die Empfehlungen der Leopoldina als „exzellente Beratungsgrundlage“ für die anstehenden Entscheidungen der Bundesregierung zur möglichen Lockerung von Einschränkungen in der Coronakrise bezeichnet. Die Bundesregierung werde „die fundierte wissenschaftliche Expertise“ der Leopoldina auswerten und die Vorschläge im Kabinett und im Gespräch mit den Ländern beraten, erklärte Karliczek am Montag in Berlin.

    Absehbar sei: „Es wird längere Zeit dauern, bis an den Schulen wieder normaler Unterricht stattfinden kann.“ Oberstes Ziel bleibe, die Ansteckungsgefahr zu reduzieren und Risikogruppen zu schützen. Karliczek betonte, Kinder und Jugendliche gingen anders mit den Einschränkungen um, etwa was die Einhaltung von Abstandsregeln oder das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes angehe.

    Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff hat die Empfehlungen der Leopoldina gelobt. „Die Stellungnahme ist die bisher fundierteste und plausibelste wissenschaftliche Handlungsempfehlung zur Coronakrise“, erklärte der CDU-Politiker. Es würden klare Kriterien und konkrete Handlungsabläufe beschrieben. „Die Stellungnahme sollte eine wesentliche Grundlage für die am Mittwoch zu treffenden politischen Entscheidungen von Bund und Ländern darstellen.“

    Dies betreffe besonders eine an exakte Vorgaben gebundene schrittweise Normalisierung des öffentlichen Lebens und die vorsichtige Öffnung des Bildungsbereiches. Haseloff warnte zugleich vor einer vorschnellen und generellen Aufhebung von Maßnahmen.

    Mehr: Der Kampf gegen das Coronavirus rettet Leben. Doch der Stillstand bedroht die Existenz vieler Unternehmen. Kann eine Rückkehr zur Normalität gelingen?

    • dpa
    • dne
    Startseite
    Mehr zu: Coronakrise - Leopoldina empfiehlt unter Bedingungen schrittweise Rückkehr zum Alltag
    0 Kommentare zu "Coronakrise: Leopoldina empfiehlt unter Bedingungen schrittweise Rückkehr zum Alltag"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%