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Coronakrise Viele Betten, wenig Personal: Wie viele Patienten verträgt das Gesundheitssystem?

Das Coronavirus kehrt zurück, es füllen sich die Intensivbetten wieder. Experten fürchten Engpässe beim Personal, aber auch Handschuhe und Masken könnten knapp werden.
20.10.2020 - 18:30 Uhr Kommentieren
Noch mangelt es in Deutschland nicht an freien Intensivbetten. Doch Experten warnen, dass Personal und Ausrüstung knapp werden könnten, wenn sich die Coronakrise weiter verschärft. Quelle: dpa
Leeres Bett auf einer deutschen Intensivstation

Noch mangelt es in Deutschland nicht an freien Intensivbetten. Doch Experten warnen, dass Personal und Ausrüstung knapp werden könnten, wenn sich die Coronakrise weiter verschärft.

(Foto: dpa)

Berlin Die Infektionszahlen steigen: Am Dienstag meldete das Robert Koch-Institut fast 7000 neue Corona-Fälle in Deutschland. Schon in der Vorwoche waren Höchststände erreicht worden, die die Zahlen aus dem Frühjahr übertrafen.

Zwar steuert die Politik mit neuen Auflagen gegen. Ein Beispiel dafür ist der Lockdown im Kreis Berchtesgadener Land. Doch angesichts der steigenden Fallzahlen rückt eine Frage besonders in den Fokus: Mit wie vielen Patienten kommt das Gesundheitssystem in Deutschland zurecht?

Noch scheint ein solcher Zustand zwar weit entfernt, doch die Auslastung steigt kontinuierlich: Nach der Tagesmeldung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) waren am Dienstagmorgen 879 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt, von denen knapp die Hälfte auch beatmet werden muss. Das ist zwar nur ein knappes Drittel des Maximums im April, als 2850 Corona-Infizierte auf den Intensivstationen lagen. Doch die Kurve zeigt deutlich nach oben: Am Dienstag waren es 28 mehr als am Vortag, am Montag hatte das Divi bereits ein Plus von 82 gemeldet.

In den Niederlanden mussten manche Kliniken bereits Intensivstationen schließen. Nichts fürchten Intensivmediziner mehr, als dass Patienten gar nicht mehr behandelt werden könnten – wie im Frühjahr in Norditalien. Doch wann wäre das Gesundheitssystem in Deutschland, das im europäischen Vergleich als vorbildlich gilt, überlastet?

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    Insgesamt gibt es in Deutschland rund 30.000 Intensivbetten, von denen aktuell rund zwei Drittel belegt sind. Noch stellen also die Corona-Patienten nur einen kleinen Teil von nicht einmal fünf Prozent der belegten Intensivbetten. Und deutsche Kliniken können es sich noch leisten, Nachbarländern wie den Niederlanden, Frankreich oder Polen die Übernahme von Patienten anzubieten.

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    Doch der Blick auf die Betten vermittelt eine trügerische Sicherheit, denn „wir haben seit Frühjahr bundesweit kräftig nachgelegt bei der Zahl der Betten und bei der Technik – aber eben nicht beim Personal“, sagte Thomas van den Hooven, Präsidiumsmitglied des Divi und Pflegedirektor des Universitätsklinikums Münster, dem Handelsblatt. Schon vor Corona fehlten auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser „auf jeden Fall mehrere Tausend Spezialpflegekräfte für die Intensivbetreuung“, die Schätzungen reichten von 4000 bis 17.000.

    Das bedeutet: „Bei ansteigenden Patientenzahlen mit Covid haben wir dann ein zunehmendes Problem. Dann müssen wir uns zwischen Betreuungs-Quantität und -Qualität entscheiden“, so van den Hooven. Konkret „könnten dann im schlimmsten Fall auch prozentual mehr Menschen sterben“. Um dieses Horrorszenario zu verhindern, würden die Kliniken dann auch wieder in anderen Bereichen Personal abziehen.

    Normalerweise kommen auf einer Intensivstation auf eine Pflegekraft maximal zwei Patienten. Doch „bei einem Verhältnis von 1:4 ist bei schwerkranken Patienten endgültig Schluss, auch wenn man zusätzliche Helfer hat“, sagt der Pflegeexperte. Der Personalengpass könne auch mit viel Geld nicht behoben werden, denn die Ausbildung dauert mindestens sieben Jahren: drei Jahre Berufsausbildung, mindestens zwei Jahre Praxis und noch einmal zwei Jahre Zusatzausbildung.

    Zwar hätten alle großen Kliniken im Frühjahr ehemalige Kräfte requiriert, die aus der starken Belastung in der Intensivpflege auf andere Posten gewechselt waren, berichtet der Divi-Präsident. Um sie wieder einsatzfähig zu machen, habe man sie in mehrwöchigen Kursen nachgeschult.

    Grafik

    Das Problem: Selbst diese Kräfte seien nicht als vollwertiger Ersatz einsetzbar, sondern nur unter Aufsicht als Helfer der versierten Spezialisten. „So ein Beatmungsgerät beispielsweise ist ein hochkompliziertes Gerät, damit können sie bei falscher Bedienung einen Patienten auch massiv schädigen“, bringt es van den Hooven, der selbst lange auf Intensivstationen gearbeitet hat, auf den Punkt. Weil sich die Lage zwischenzeitlich entspannt habe, sei ein Teil des Wissens auch verfallen. „Deshalb müssen wir jetzt im Prinzip mit der Schulung dieser potenziellen Ersatzkräfte von vorn beginnen.“

    Zusätzliche Betten nutzen also nichts, wenn niemand sie betreuen kann. Im Extremfall können zwar Notfallkrankenhäuser wie das auf dem Berliner Messegelände für weitere Kapazitäten sorgen. Doch die Pflege müsste dort Personal der Bundeswehr, des THW oder der Rettungsdienste übernehmen.

    Doch nicht nur beim Pflegepersonal drohen Probleme, sondern auch beim Material. „Vor allem bei der Schutzausrüstung, also Handschuhen und Masken, haben wir nur Vorräte für zwei bis drei Wochen.“ Da diese nach wie vor vor allem in Asien eingekauft würden „fürchte ich mit Blick auf die weltweit steigenden Infektionszahlen hier erneut große Engpässe“. 



    Auch der Marburger Bund, der Verband der angestellten Ärzte, mahnt die Länder, Vorkehrungen für mehr Intensivpatienten zu treffen. „Wir stellen uns in den Krankenhäusern auf deutlich mehr Covid-19-Patienten ein“, sagte dessen Vorsitzende Susanne Johna. Es sei damit zu rechnen, dass etwa sechs Prozent der Neuinfizierten eine Krankenhausbehandlung benötigen. Und da mittlerweile auch die Fallzahlen in der älteren Bevölkerung wieder stiegen, „wird leider auch die Anzahl an schweren Verläufen zunehmen“.
    Die Krankenhäuser sehen sich dabei zudem mit einem finanziellen Problem konfrontiert.

    Denn die Freihaltepauschale für Krankenhausbetten sei zum 30. September ausgelaufen, so Johna. Während der ersten Welle hatten die Kliniken planbare Operationen verschoben und so Betten für Covid-19-Patienten frei gehalten. Als Ausgleich erhielten sie für jedes leer stehende Bett eine Tagespauschale von 560 Euro vom Staat und zusätzlich noch Zuschläge für Intensivbetten und Materialkosten. Allein die Summe der Freihaltepauschalen wurde zuletzt auf sieben Milliarden Euro geschätzt.

    Weniger Bürokratie für Pflegekräfte

    Nun plädiert der Marburger Bund für ein regional und zeitlich gestaffeltes System zum Vorhalten von Bettenkapazitäten für Covid-19-Patienten. Dabei müsse „klar definiert sein, ab welchem Patientenaufkommen auf Normal- und Intensivstationen jeweils zusätzliche Behandlungskapazitäten zur Verfügung gestellt werden müssen“, sagt Marburger-Bund-Vorsitzende Johna.

    Auch sie beklagt, dass „vorhandene Betten aufgrund von Personalmangel nicht selten gar nicht belegt werden können“. Als Gegenmittel fordert der Marburger Bund, Ärztinnen, Ärzte und Pflegende vor allem von Bürokratie zu entlasten. In der ersten Phase der Pandemie seien zudem gute Erfahrungen damit gemacht worden, dass ein großes Krankenhaus oder eine Universitätsklinik regional die Koordinierung übernommen habe.

    Ein Personalengpass droht nicht zuletzt auch den Gesundheitsämtern. Nach einer Befragung des Deutschen Städtetages im August haben die 356 Gesundheitsämter in den Flächenländern derzeit insgesamt rund 13.900 Stellen mit Ärztinnen, Ärzten und nichtärztlichem Personal besetzt.

    Vor allem für die Kontaktnachverfolgung der Corona-Infizierten heuerten sie weitere rund 5900 Beschäftigte an. Der Städtetag kam daher zu dem Schluss, die Ämter seien „gefordert, aber nicht überfordert“. Doch das war im Sommer – und in manchen Gesundheitsämtern müssen bereits Helfer der Bundeswehr einspringen, um Kontaktpersonen von Corona-Patienten aufspüren zu können.

    Mehr: Corona rettet die Kliniken - aber die Pleitegefahr bleibt hoch

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