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Zentrale Corona-Ambulanz im Klinikum Stuttgart

Die Standardabläufe funktionieren nicht mehr.

(Foto: imago images/Arnulf Hettrich)

Coronavirus Das deutsche Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen

Der medizinischen Versorgung droht in der Coronakrise der Kollaps. Hilfesuchende hängen in Warteschleifen, Krankenhäuser verschieben OPs. Der Bund steuert mit einem Notfallplan gegen.
18.03.2020 Update: 18.03.2020 - 07:22 Uhr 3 Kommentare

Berlin, Düsseldorf Lothar Wieler wählt seine Worte immer mit Bedacht, Panik in der Coronakrise will er vermeiden. Doch die Ansage des Chefs des Robert Koch-Instituts (RKI) an die Kliniken war klar. „Wir erwarten von allen Hospitälern, dass sie ihre Intensivkapazitäten mindestens verdoppeln“, sagte Deutschlands oberster Seuchenexperte am Dienstag.

Vergleiche mit der dramatischen Lage in Italien sind übertrieben, trotz der rapide steigenden Fallzahlen in vielen Bundesländern. Das deutsche Gesundheitssystem verfügt über viermal so viele Intensivbetten wie italienische Krankenhäuser. Doch in den Krisenzeiten wächst die Verunsicherung, ob der Staat das Versprechen einer Gesundheitsversorgung, die weltweit zu den besten gehört, einhalten kann. 

Patienten unter Coronaverdacht klagen über Irrwege bis zu einer Diagnose, Ärzte fühlen sich mangelhaft vorbereitet, die Behörden verlieren sich bisweilen im Kompetenzgeflecht des Föderalismus. Bund und Länder ergreifen immer drastischere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zumindest zu verlangsamen. Es gab aber von Beginn an Schwachstellen im System, die den Kampf gegen die Epidemie erschweren.

Viele Menschen haben das mittlerweile persönlich erlebt. So wie der 47-jährige Berliner Klaus Henn, der eigentlich anders heißt und seit zehn Jahren regelmäßig mit Freunden für eine Woche nach Ischgl fährt. In diesem Jahr brach die Sechsergruppe schon nach drei Tagen auseinander – wegen des Coronavirus.

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    Noch in Ischgl, so berichtet es Henn, bekam er trockenen Husten, später auch Hitzewallungen. Dann brach auch er den Urlaub ab und fuhr zurück nach Berlin. Henn wollte sich unbedingt testen lassen.


    Ich musste mich auf den Balkon der Praxis stellen, die Ärztin kam über die Feuerleiter. Ischgl-Urlauber

    Für den Juristen begann eine Odyssee: Zehnmal habe er beim ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen, doch die Nummer sei immer besetzt gewesen. Seine Frau kontaktierte die Hausärztin, doch die wollte Henn nicht in der Praxis haben. Das Krankenhaus lehnte ihn ab, weil dort Schutzausrüstung fehlte.

    Erst vier Tage nach seiner Rückkehr fand er doch noch eine Praxis, die ihn testen wollte. „Ich musste mich auf den Balkon der Praxis stellen, die Ärztin kam über die Feuerleiter.“ Sie schrie ihn an, dass er sich auf keinen Fall umdrehen und mit ihr sprechen solle. Nun wartet Henn in Quarantäne auf das Testergebnis.

    Auch viele Ärzte fühlen sich im Stich gelassen. Laut einer Umfrage des Ärzte-Netzwerks Coliquio sind knapp 40 Prozent der Mediziner der Ansicht, dass relevante Informationen nicht bei ihnen ankommen. Coliquio befragte mehr als 1000 Mediziner aus Kliniken und Praxen.


    Patienten unter Coronaverdacht klagen über Irrwege bis zu einer Diagnose. Quelle: AFP
    Corona-Testcenter in Ludwigsburg

    Patienten unter Coronaverdacht klagen über Irrwege bis zu einer Diagnose.

    (Foto: AFP)

    Konkret wünschen sich die Ärzte spezielle Versorgungszentren, bei denen Verdachtsfälle getestet und Infizierte nach einer Ersteinschätzung behandelt werden können. Auch an der Ausstattung hapert es: Über die Hälfte der Befragten gab an, dass es an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln fehle. Bei weiteren 30 Prozent geht der Vorrat zur Neige.

    „Volkspanik“ bindet Kapazitäten

    „Die Belastungen sind extrem“, sagt Jürgen Zastrow. Der Kölner Kreischef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) hat selbst eine HNO-Praxis. Auch dort hat sich der Alltag durch Corona bereits verändert: „Wir versuchen nur noch, Menschen zu beruhigen.“ Viele schon am Telefon, damit sie gar nicht erst in die Praxis kommen.

    Andere fordern vehement einen Abstrich. „Wir können nicht mehr jeden Wunsch der Patienten bedienen“, erklärt Zastrow. Der ärztliche Beruf werde in dieser Krise neu definiert: „Wir müssen priorisieren und selektieren, das haben wir bisher nicht gemacht.“

    Einen Arzt könne man immer nur einmal einsetzen: Entweder er behandle Patienten – oder er mache Abstriche. „Das beste Gesundheitssystem kann nicht funktionieren, wenn eine ganze verunsicherte Gesellschaft plötzlich Abstriche fordert“, sagt Zastrow. 

    Diese „Volkspanik“ binde Kapazitäten, die wir „eigentlich für die Patienten brauchen“ – für Risikopatienten, für Menschen ab 80 Jahren, für solche mit Vorerkrankungen.

    Die Mitarbeiterin auf der Infektionsstation steht in Schutzkleidung und mit einer Atemmaske in einer Schleuse und verpackt Proben. Quelle: dpa
    Infektionsstation Uniklinikum Essen

    Die Mitarbeiterin auf der Infektionsstation steht in Schutzkleidung und mit einer Atemmaske in einer Schleuse und verpackt Proben.

    (Foto: dpa)

    Wie viele Menschen sich in Deutschland auf das Virus haben testen lassen, wird bislang nicht zentral erfasst. Doch allein im ambulanten Sektor waren es vergangene Woche nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 35.000. Dazu kommen die Tests in Kliniken und Gesundheitsämtern.

    Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, rechnet mit einer vollen Auslastung der 28.000 Intensivbetten in der Krise. Weitere Kapazitäten würden durch die Verschiebung planbarer Operationen geschaffen.

    Gaß kritisiert, dass die für die Krankenhäuser zuständigen Bundesländer nicht genug in den stationären Sektor investiert hätten. „Das macht es mit Sicherheit nicht leichter, jetzt diese Krise zu überstehen“, sagt er.

    In der Coliquio-Umfrage glaubt nur ein Drittel der Klinikärzte, dass ihr Haus personell und organisatorisch auf eine Pandemie vorbereitet sei. Knapp 38 Prozent sehen dagegen einen Mangel. Die übrigen Teilnehmer können die Lage noch nicht bewerten.

    Bund und Länder reagierten am Dienstagabend auf drohende Engpässe. Angesichts steigender Zahlen an Corona-Infizierten entschieden sie, die stationäre Krankenhausversorgung auszweiten. Um Kliniken zu entlasten, die sich auf den Aufbau von Intensivkapazitäten konzentrieren, müssten an anderen Kliniken und gegebenenfalls provisorischen weiteren Standorten zusätzliche Betten- und Behandlungskapazitäten – bis hin zur Verdoppelung – aufgebaut werden, heißt es in einem „Grobkonzept Infrastruktur Krankenhaus“, auf das sich beide verständigt haben.

    Danach sollen unter anderem Rehabilitationseinrichtungen, Hotels oder größere Hallen umgerüstet werden, um dort die zahlreichen leichteren Behandlungsverläufe zu versorgen. Notfalls sollen dazu Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk oder auch andere Dienste herangezogen werden. „Dies entlastet dann die Krankenhäuser für schwerere Verläufe“, heißt es in dem Konzept.


    Bund und Länder ergreifen immer drastischere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zumindest zu verlangsamen. Quelle: Polaris/laif
    Kanzlerin Merkel im Gespräch mit Jens Spahn

    Bund und Länder ergreifen immer drastischere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zumindest zu verlangsamen.

    (Foto: Polaris/laif)

    Das Land Berlin entschied fast zeitgleich: Auf dem Messegelände der Hauptstadt soll ein temporäres Covid-19-Krankenhaus mit bis zu 1000 Betten entstehen. Alle anderen Kliniken sollen derweil ihre Kapazitäten für intensivmedizinische Behandlungen erweitern.

    Auch den Zivilschutz hat der Staat seit einiger Zeit vernachlässigt. „Nach dem Ende des Kalten Kriegs meinten in den Neunzigerjahren viele, darauf verzichten zu können“, sagt Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. „Heute wissen wir, dass wir angesichts unerwarteter Krisen wie Pandemien, Cyberattacken oder Naturkatastrophen wieder mehr Vorsorge treffen müssen.“ 

    Es gehe nicht nur um Atemschutzmasken oder Schutzausrüstungen, die in der Coronakrise knapp werden. Die Bundesrepublik müsse grundsätzlich wieder mehr Medikamente, Zelte, Feldbetten, Hygieneartikel und andere Ausrüstung für die Versorgung der Bevölkerung in Krisenfällen vorhalten.

    Zuständigkeiten an den Bund?

    In Notfällen steht die Bundeswehr bereit, sie kann auf Bitten der Behörden vor Ort Amtshilfe leisten. Doch auch für die Streitkräfte komme es jetzt erst einmal darauf an, die eigenen Krankenhäuser für mehr Coronapatienten umzurüsten, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. „Wir tun, was alle Krankenhäuser tun: Wir schaffen Platz auf den Intensivstationen, indem wir geplante Operationen verschieben. Und wir richten vor allem zusätzliche Beatmungsplätze ein.“


    In Zelten warten Patienten auf den Corona-Test. Quelle: dpa
    Neue Corona-Ambulanz am Klinikum Bremen-Ost

    In Zelten warten Patienten auf den Corona-Test.

    (Foto: dpa)

    Große Verantwortung im Kampf gegen das Virus tragen die örtlichen Gesundheitsämter, die sind aber unterschiedlich für die Notlage gerüstet. Daher fordert Uwe Lübking, Gesundheitsexperte beim Deutschen Städte- und Gemeindebund: „Im Rahmen des Katastrophenschutzes müssen wir darüber diskutieren, Zuständigkeit vielleicht noch stärker beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz zu bündeln und besser aufeinander abzustimmen.“

    Epidemien erfordern schnelle Entscheidungen und klare politische Führung. Damit tut sich Deutschland schwer. Das Grundgesetz verteilt die Kompetenzen des Staats auf Bund und Länder. Der Föderalismus hat in Deutschland eine lange Tradition, in der Theorie soll er Bürgernähe garantieren.

    Doch in Krisenzeiten ist das Kompetenzgeflecht ein Hindernis. Die Kanzlerin kann Krisenkonferenzen mit den Ministerpräsidenten einberufen, ihr Gesundheitsminister kann Empfehlungen aussprechen. 

    Doch die Umsetzung der wichtigsten Maßnahmen obliegt den Ländern. Das Ergebnis ist ein gesundheitspolitischer Flickenteppich.

    Bayern ruft den Katastrophenfall aus, Nordrhein-Westfalen dagegen ließ die Spielplätze noch bis Dienstag offen – um sich dann schließlich doch der Empfehlung von Kanzlerin Angela Merkel anzuschließen. Dafür hält Berlin die Spielplätze offen. Es entsteht der Eindruck, dass in der Krise jeder macht, was er will.

    Robert-Koch-Institut aktualisiert Gefährdungslage auf „hoch“

    Auch die Meldeketten zwischen den verschiedenen Behörden und den Krankenhäusern haben Lücken. Die Intensivfälle werden in Deutschland bislang nicht umfassend kommuniziert. Dabei ist genau das die entscheidende Kennziffer für die kommenden Wochen. Zusammen mit der Zahl der freien Intensivbetten gibt sie Aufschluss darüber, wo Engpässe entstehen.

    Nach Ansicht der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist der Föderalismus in einer Krise wie der Corona-Epidemie ein Störfaktor. „Wir haben keinerlei zentrale Erfassung von Daten aus den Krankenhäusern“, sagte eine Sprecherin. In jedem Bundesland sei das anders geregelt.

    Am Dienstag startete das DIVI ein Onlineregister, in dem Kliniken ihre Zahlen eintragen sollen. Allerdings: alles auf freiwilliger Basis.

    Mehr: „Wir sind besser vorbereitet als Italien“ – Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß

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    3 Kommentare zu "Coronavirus: Das deutsche Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Politiker und Verantwortliche im Gesundheitswesen machen inzwischen einen "guten Job". Wir schaffen das und werden wahrscheinlich politisch bald auf die "englische Lösung" (Herdenimmunität) umschwenken.
      Ihr Dr. Jäckel
      (Leiter einer interdisziplinären Notaufnahme u. Leiter einer interdisziplinären Intensivstation
      Moderator des COVID-19 Forums in Deutschen Medizin Forum
      https://www.medizin-forum.de/phpbb/viewforum.php?f=51)


    • @ Hans-Peter Boehm, Ihr Beitrag zeigt, dass Sie wie auch viele andere, keine Vorstellungskraft von einer Exponentialfunktion haben. Die Infekationsrate wächst exponentiel, Ende des Monats März werden wir in Deutschland mehr als 100.000 Personen haben, die sich infiziert haben. Die ersten, die sich im Februar und auch Anfang März infiziert haben, werden wieder gesund sein, aber von dem Rest (ca. 95.000 Personen) werden ca. 9.500 Personen ein sogen. Intensivbett benötigen. Ich weiß nicht, ob eine so große Zahl dafür überhaupt zur Verfügung steht, denn das normale "Krankenhausgeschäft " läuft ja (wenn auch eingeschränkt) weiter. Die Präventionsmaßnahmen können sich ja erst bei den Infektionsmeldungen zu Ende des Monats auswirken, denn das Tetverhalten, Meldeverhalten usw. wird sich in Deutschland ja nicht ändern....

    • "Volkspanik" ist das richtige Wort. Denn folgt man den Informationen des RKI so ist m.E. die aktuelle Corona-Grippe etwas im Vergleich zu SARS harmlos. 50% der Infizierten erkranken gar nicht, 80% der wirklich Erkrankten zeigen einen milden Verlauf, ca. 20% der Erkrankten bedürfen einer stationären Behandlung und die Sterberate liegt zwischen 0,1 und 1 Prozent. Damit sollte unser Gesundheitssystem und eigentlich auch die Gesellschaft umgehen können. Aber seit dem Ausbruch in Wuhan und später in Italien schürt die mediale Dauerberichterstattung, Fake News im Internet, der Wettbewerb von Politikern und Regierungen um den Pokal des besten Krisenmanagers und die Angst vor einem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung die Panik der Bevölkerung. Es ist die Panik, die das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen bringt, nicht Covid-19.
      Das Verabschieden von immer weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens im 24-Stunden-Takt trägt dabei nicht zur Beruhigung bei. Bei den o.g. Zahlen macht mir der Gedanke, in welchem Zustand die Volkswirtschaften dieser Welt sein werden, wenn der Spuk vorbei ist, viel größerer Sorgen.

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