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Coronavirus Weltweit wird um Schutzmasken gekämpft – doch Deutschland rüstet sich

Ruppige Methoden auf dem Weltmarkt erschweren die Beschaffung von Schutzmasken. Dank etablierter Verträge sieht der Bund den Bedarf aber nun mittelfristig gedeckt.
24.04.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Grundsätzlich unterscheidet etwa das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zwischen selbst hergestellten Masken, medizinischem Mund-Nasen-Schutz und sogenannten filtrierenden Halbmasken (FFP2 und FFP3). Quelle: dpa
Atemschutzmaske

Grundsätzlich unterscheidet etwa das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zwischen selbst hergestellten Masken, medizinischem Mund-Nasen-Schutz und sogenannten filtrierenden Halbmasken (FFP2 und FFP3).

(Foto: dpa)

Berlin, Düsseldorf Das Angebot klang verlockend, im Nachhinein: zu verlockend. Der Beschaffungsstab im Bundesgesundheitsministerium versuchte in den ersten Märzwochen, Schutzmasken für deutsche Krankenhäuser und Arztpraxen aufzutreiben.

In der Corona-Pandemie wurde der Atemschutz knapp – nicht nur in Deutschland. Der Wettbewerb auf dem Weltmarkt nahm darwinistische Züge an, Staaten wie Konzerne jagten die knappen Bestände. Meist gewannen die Rabauken, die Beamten in der Berliner Friedrichstraße gingen oft leer aus.

Dann erreichte den Beschaffungsstab eine E-Mail: Ein Zwischenhändler gab an, 50 Millionen FFP2-Masken des US-Konzerns 3M vermitteln zu können, also so etwas wie den Goldstandard unter den Atemschutzprodukten. Und noch besser: Die Ware befinde sich bereits in Deutschland, am 3M-Standort im nordrhein-westfälischen Neuss.

Der Vertrag war schnell geschlossen, das Geld auf dem Treuhandkonto eines Notars hinterlegt: 276 Millionen Euro. So erzählen es Regierungsinsider, die an dem Vorgang beteiligt waren, der als Fiasko hätte enden können.

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    Vor der endgültigen Freigabe der Zahlung hielt man es im Beschaffungsstab dann doch für angemessen, bei 3M in Neuss nachzuschauen, ob dort wirklich 50 Millionen Schutzmasken auf dem Hof stehen.

    Überlebenswichtiges Gut

    Am Freitag, den 13. März fuhren Bundespolizei und Zoll am Werkstor vor. Die Mitarbeiter erklärten dem unerwarteten Besuch, dass auf dem Gelände kein Maskenkontingent in dieser Größenordnung gelagert werde, schon gar nicht in diesen Zeiten.

    Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, dass der australische Zwischenhändler überprüft worden sei. Was man nicht ahnte: Ein Mitarbeiter, der die Firma verlassen hatte, nutzte seine alte berufliche Identität offenbar für Betrug.

    Sechs Wochen später hat sich der Beschaffungsstab auf die Besonderheiten des Maskenmarkts in einer Pandemie eingestellt. Im Ministerium ist von einer „steilen Lernkurve“ die Rede. Früher seien Aktenordner bestellt worden.

    Nun gehe es um ein umkämpftes Gut, das für viele Menschen überlebenswichtig ist. Die Daten aus dem Haus von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigen: Bislang wurden rund 108 Millionen Masken eingekauft.

    Darunter sind 33 Millionen Masken der Kategorien FFP2 und FFP3, die mit wirkmächtigen Filtern eine Ansteckung verhindern. Dazu kommen 75 Millionen OP-Masken, die das Umfeld schützen, sollte der Träger infiziert sein. Im Beschaffungsstab ist man zuversichtlich, dass längerfristige Verträge mit vertrauenswürdigen chinesischen Herstellern den Bedarf im deutschen Gesundheitssystem bis auf Weiteres decken können.

    Bis zum Spätsommer werde auch die heimische Produktion von medizinischen Schutzmasken hochgefahren und die Abhängigkeit von China verringert, dem mit Abstand größten Hersteller von Mundschutz in der Welt.

    Engpässe und Eigeninitiativen

    An den Wildwest-Methoden hat sich wenig geändert. Aufdringliche Anbieter und zwielichtige Zwischenhändler hoffen auf das große Geschäft. Die Nachfrage ist da. Manchmal wird Ware noch kurz vor der Verschiffung weggekauft.

    Selbst eine bereits verzollte Lieferung sei am Ende nicht angekommen, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Die Preise seien zudem völlig intransparent. Vor der Coronakrise kostete eine FFP2-Maske demnach eher 1,10 Euro, nun sind sechs Euro schon günstig. Einige US-Konzerne würden bis zu zehn Euro bezahlen.

    Die Zustände merken auch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die sich wegen der Engpässe Anfang März eigeninitiativ um Masken bemühten. „Durch die ausbleibenden Lieferungen des Bundes sahen wir uns besonders gefordert, den Schutz unserer Mitglieder und damit auch die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems in die eigenen Hände zu nehmen“, sagt ein Vertreter der KV Bayern, die 1,1 Millionen FFP2-Masken beschaffte und vom Bund bisher nur 217.420 Stück bekam.

    „Wenn wir uns nur auf die Lieferungen vom Bund verlassen hätten, dann hätten unsere Praxen zumachen müssen“, heißt es von der KV Baden-Württemberg. Diese bekam nach eigenen Angaben zwischenzeitlich pro Tag bis zu 40 Anfragen „von allen möglichen Händlern und Zwischenhändlern aus dem In- und Ausland“. In E-Mails wurde Druck gemacht, dass man sich schnell entscheiden müsse. Die Anbieter verlangten oft 50 bis 100 Prozent Vorkasse. Der Maskenmangel wurde zum Druckmittel.

    In einem E-Mail-Angebot an die KV Bayern heißt es: „Bis wir Ihnen Zertifikate zukommen lassen und diese geprüft sind, wurden die Kontingente schon an andere Besteller vergeben! (...) Viele betroffene Länder und Regionen haben Bedarf an Schutzausrüstungen und ordern direkt. Es wird mit harten Bandagen um jede Charge gerungen.“

    Die KV Niedersachsen erhielt folgende E-Mail: „Die Preise steigen in unseren Werken in China täglich. Daher können wir die angegebenen Preise nur für eine Bestellung innerhalb dieser Woche anbieten. Zahlungsbedingung: 50 Prozent Vorkasse, Rest innerhalb 14 Tagen nach Erhalt der Ware. Liefertermin: 2–3 Wochen. Wir können Ihnen den Liefertermin aufgrund möglicher Verzögerungen durch den Zoll nicht garantieren.“

    Verträge bedeuten nicht Lieferungen

    Der Beschaffungsstab im Bundesgesundheitsministerium ist seit Anfang März tätig, die Probleme zu Beginn sind den Beamten bewusst. Intern ist von drei Phasen die Rede: Zunächst sei man den üblichen behördlichen Weg gegangen, also den Ankauf von Material über das Beschaffungsamt der Bundeswehr.

    Schnell war klar, dass viele der geschlossenen Verträge nicht zu realen Lieferungen führen würden. Dann startete das Ministerium sogenannte Open-House-Verfahren, bei dem Hersteller eine Mindestmenge von 25.000 Masken, die der Bund zu einem festgelegten Preis kauft. Bis Ende April soll die medizinische Schutzausrüstung aus diesen Verträgen geliefert werden.

    Schließlich verlegte man sich darauf, die vorhandenen Einkaufskanäle der deutschen Wirtschaft in China zu nutzen. Konzerne wie Volkswagen und Otto unterstützen das Ministerium. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schaltete sich ein und bat Chinas Staatschef Xi Jinping in einem Telefonat, dass Deutschland direkten Zugang zu Produzenten bekommt. Der Anruf bewirkte, dass der Beschaffungsstab nun mit verlässlicheren chinesischen Staatsunternehmen zusammenarbeitet.

    Während das Gesundheitsministerium auf dem umkämpften Weltmarkt unterwegs war, kümmerte sich zunächst niemand um eine inländische Maskenproduktion. Im Wirtschaftsausschuss wurden Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und seine Vertrauten im März immer wieder gefragt, was sie unternähmen, um die Schutzmaskenproduktion in Deutschland hochzufahren.

    Wochenlang kam keine Antwort. Ausgerechnet Altmaier, der sich seit seinem Amtsantritt als Industriestratege inszeniert, schien nicht zu erkennen, dass in der Krise die Stunde der Industriepolitik schlägt. Sein Staatssekretär Thomas Bareiß (CDU) sagte noch Anfang April, dass eine zentrale Steuerung nicht nötig sei. Lokal kämen Angebot und Nachfrage besser zusammen.

    Produktion in Deutschland fördern

    Inzwischen ist das Wirtschaftsministerium umgeschwenkt, auf Druck der Bundesländer und des Kanzleramts, wie es in Koalitionskreisen heißt. Am 9. April hat es die Einrichtung eines Arbeitsstabs für den „Aufbau und Ausbau der Produktion von medizinischer Schutzausrüstung“ verkündet, der die Beschaffungsbemühungen des Gesundheitsministeriums ergänzen soll.

    Voll arbeitsfähig ist der Stab noch nicht. In einem ersten Schritt plant das Wirtschaftsministerium, die Vliesproduktion in Deutschland zu fördern. Vlies ist ein entscheidendes – und weltweit knappes – Vorprodukt für Schutzmasken. Dann soll die Herstellung von zertifizierten Masken unterstützt werden, in welcher Form das geschieht, mit Preis- oder Abnahmegarantien etwa, ist offen. Es gehe darum, „nachhaltig Kapazitäten“ in Deutschland und in Europa aufzubauen und „mehr Eigenständigkeit“ zu erreichen, so das Wirtschaftsministerium.

    Das Ziel: ab August zehn Millionen FFP2-Masken und 50 Millionen OP-Masken pro Monat zu fertigen. Bis dahin ist das deutsche Gesundheitssystem weiter auf Masken aus China angewiesen. Mit der Qualität der gelieferten Produkte ist man im Beschaffungsstab mittlerweile größtenteils zufrieden. Doch immer wieder gebe es minderwertige Ware.

    Die KV Niedersachsen bekam vergangene Woche beispielsweise eine Lieferung vom Bund, die 25 000 „Fake-Masken“ enthielt. Aufschrift und Zertifikat suggerierten, dass es sich um FFP2-Masken handelte, es waren aber nur normale OP-Masken. Diese mussten von betroffenen Ärzten zurückgerufen werden.

    Das Gesundheitsministerium hat mittlerweile eine internationale Großkanzlei eingeschaltet, um Regressansprüche gegenüber chinesischen Firmen durchzusetzen.

    Acht Millionen Schutzmasken in Deutschland angekommen

    Mehr: Egal ob im öffentlichen Raum oder in der Fabrik – ohne Atemmasken geht kaum etwas. Mittelständler stellen ihre Produktion um und sehen darin ein neues Geschäftsfeld.

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    1 Kommentar zu "Coronavirus: Weltweit wird um Schutzmasken gekämpft – doch Deutschland rüstet sich"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die Naivität von Herrn Altmeier in diesem Zusamenhang oist kaum zu überbieten - Angebot und Nachfrage würde es schon regeln ... Wozu sitzt er in einem Bundesministerien, das eben genau für Zeiten wie heute, innovativ, ideenreich, und übergeordnet dringend benötigte Produktionen im eigenen Land anzuschieben - um Abhängigkeit von windigen Firmen im Ausland zu vergeringern.

      Offenbar ist diese Krise ein Lernfeld für unsere Politiker.
      Im Krisenmanagement trennt sich die Spreu vom Weizen.

      Hoffentlich werden daraus Lehren gezogen !!

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