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Crispr Verpasst Deutschland das Milliardengeschäft mit der Genschere?

Die Genschere kann die Behandlung von Hunderten Millionen Menschen mit Erbkrankheiten ermöglichen. Deutschland ist gut in der Forschung, aber schlecht in Anwendung und Vermarktung. 
04.04.2021 - 16:24 Uhr Kommentieren
Crispr spürt bestimmte Abschnitte im Genom auf und „schneidet“ sie heraus. Quelle: Imago/Westend61
DNA-Strang

Crispr spürt bestimmte Abschnitte im Genom auf und „schneidet“ sie heraus.

(Foto: Imago/Westend61)

Berlin, Düsseldorf Deutschland ist dabei, die großen medizinischen und damit milliardenschweren ökonomischen Potenziale der Genschere zu verpassen. Das ist eine zentrale Botschaft des jüngsten Gutachtens der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI).

Die auch als Crispr/Cas-Methode bekannte Bearbeitung des Erbguts ist ein neues Werkzeug, mit dem man aus der DNA einer Zelle einzelne defekte Gene herausschneiden, ersetzen und so schwerwiegende Erbkrankheiten bekämpfen kann.

Um Deutschland bei den Crispr/Cas-Gentherapien voranzubringen, fordern die Innovationsberater der Kanzlerin einfachere Genehmigungsverfahren, einen besseren Transfer in die Wirtschaft – am besten durch ein Gentherapiezentrum nach britischem Vorbild – und günstigere Bedingungen für Wagniskapital. 

Die Genschere kann enorme Bedeutung haben, denn etwa drei Prozent der Weltbevölkerung leiden an einer Erbkrankheit, die durch ein einzelnes fehlerhaftes Gen ausgelöst wurde. Für das Jahr 2026 hat das Beratungsunternehmen Coherent Market Insights den globalen Markt für Crispr/Cas-Gen-Bearbeitung auf über sieben Milliarden Dollar geschätzt. 

„Crispr/Cas ist für viele ein heikles Thema“, sagt der EFI-Vorsitzende Uwe Cantner mit Blick auf die Kritik an Gentechnik allgemein. „Wir wollen da auch gar keine Handlungsempfehlungen geben. Wir schauen uns aber die Chancen der Technologie an – und da wird man schon stutzig.“

Kontrovers diskutiert wird vor allem die ethische Vertretbarkeit von Eingriffen in die Keimbahn, womit eine Veränderung des Erbguts an Nachkommen weitergegeben wird. Als ein Forscher in China in das Erbgut der Embryonen von Zwillingen eingegriff, um sie gegen den Aids-Erreger HIV immun zu machen, sorgte das Ende 2018 weltweit für Entsetzen.

Therapien von Krankheiten einzelner Patienten, auf die die meisten derzeitigen Entwicklungsarbeiten abzielen, hingegen gelten „als ethisch unbedenklich“, heißt es im Gutachten. 

Deutschland hat Potenzial bei Crispr

Ein Schlaglicht auf die deutsche Situation wirft der Fall der französischen Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, die die Bearbeitung des Erbguts durch die Genschere mitentwickelt hat: Sie forscht seit Jahren in Berlin, leitet die Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene. Doch ihr Unternehmen Crispr Therapeutics hatte sie zuvor mit Mitstreitern in der Schweiz gegründet. 

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Generell ist in Deutschland durchaus das wissenschaftliche Potenzial vorhanden, einen Teil des vielversprechenden Marktes zu erobern: Im Zeitraum von 2012 bis 2019 entfielen knapp zehn Prozent der weltweit einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen auf Deutschland, das damit hinter den USA und China auf Platz drei lag. Auch bei den hochqualitativen Arbeiten, die in den wissenschaftlichen Topzeitschriften veröffentlicht werden, liegen die hiesigen Forscher noch im Mittelfeld. Bei den Patenten jedoch ist die Position schon „deutlich schwächer“, schreiben die EFI-Experten. Hier liegt der Anteil Deutschlands im Zeitraum 1999 bis 2018 „nur bei 1,7 Prozent der weltweiten Crispr/Cas-Patentfamilien“. 

Großbritannien, Japan, die Schweiz und Südkorea hingegen weisen zwar weniger Publikationen auf als Deutschland, die Erfinder dort melden aber mehr Patente an. 

USA und China führen bei klinischen Studien

Großen Aufholbedarf gibt es bei den für die Entwicklung von Medikamenten entscheidenden klinischen Studien: Von den insgesamt 48 seit 2015 registrierten klinischen Studien mit Crispr/Cas wurden nach EFI-Angaben 27 in China durchgeführt, 17 in den USA, aber nur eine einzige in Deutschland. In der Schweiz hingegen sind es fünf, die alle auf Charpentiers Crispr Therapeutics zurückgehen. Die in der Clinical-Trails-Datenbank aufgeführte Studie aus Deutschland wird im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Heidelberg durchgeführt. 

Crispr/Cas-basierte Gentherapien am Menschen gibt es in Deutschland bislang nur an der Universität Regensburg, allerdings ebenfalls unter der Regie der Firma Crispr Therapeutics, die in Kooperation mit der US-Firma Vertex an Medikamentenkandidaten gegen die schwerwiegenden Blutbildungsstörungen wie Sichelzellenanämie und Beta-Thalassämie forscht.

Beide Erkrankungen gehen jeweils auf eine Mutation an einem Gen zurück. Bei den Studien werden den Patienten blutbildende Stammzellen entnommen, bei denen die Mutation anschließend im Labor mit dem Crispr/Cas-Verfahren korrigiert wird. Bevor die so veränderten Zellen dem Patienten wieder eingesetzt werden können, wird diesem, wie bei einer Stammzellentransplantation üblich, durch eine Chemotherapie das Knochenmark zerstört.

Der Patient erhält im Anschluss seine genveränderten Zellen wie bei einer Bluttransfusion. Die neuen Blutstammzellen siedeln sich in den Markhöhlen der Knochen an und beginnen dort, funktionstüchtige Blutzellen zu bilden, die die ansonsten nötigen, aber auf Dauer schädlichen Bluttransfusionen ersparen.

Gentherapie bietet neue Ansatzpunkte für Therapien

In den USA gibt es bereits 134 Unternehmen, die die Genschere im medizinischen Bereich einsetzen, in Großbritannien 14 und in Deutschland neun. Dazu gehören in der Bundesrepublik verschiedene Biotech- und Pharmafirmen, die die Technologie allerdings vor allem im Bereich Medikamentenforschung nutzen, etwa um Ansatzpunkte für neue Therapien zu finden oder auch das Verfahren der Geneditierung an sich zu verbessern.

Dazu gehört etwa die Hamburger Evotec, aber auch Firmen wie Probiogen und Vivlion. Einer der weltweit größten Hersteller von Reagenzien für die Anwendung der Genscheren-Technologie ist zudem die Firma Merck KGaA aus Darmstadt, die sich durch den Zukauf der US-Firma Sigma-Aldrich in diesem Feld stark aufgestellt hat.

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Im Bereich Crispr/Cas-basierte Gentherapien war aus Deutschland bisher der Bayer-Konzern zumindest eine Zeitlang aktiv – in dem Joint-Venture-Unternehmen Casebia, das 2016 gemeinsam mit Crispr Therapeutics gegründet wurde. Seit Dezember 2019 operiert Casebia aber wieder vollständig unter dem Dach von Crispr Therapeutics. Bayer besitzt Optionsrechte für die gemeinsame Entwicklung und Kommerzialisierung von zwei Produkten für Autoimmunkrankheiten, Augenleiden und Hämophilie (Bluterkrankheit). 

Aktuell beinhaltet die Entwicklungspipeline von Bayer keine Projekte, bei denen Therapieansätze mit Crispr/Cas eingesetzt werden. Mit den Zukäufen der Firmen Blue Rock und Ask Bio aus den USA hat sich das Unternehmen aber Zugang zu anderen Geneditierungstechnologien verschafft und will darüber hinaus auch an der Weiterentwicklung von Crispr/Cas-Technologien arbeiten.

Crispr/Cas-Technologie: Dominanz der USA verstärkt sich

Nach Einschätzung der EFI-Forscher dürfte sich die dominante Position der USA auf diesem Gebiet in Zukunft wohl noch verstärken. Denn es deute sich an, dass „die Crispr/Cas-Technologie in den USA stärker durch junge Unternehmen kommerzialisiert wird als in Deutschland“. 

Das führen die Forscher auf die hohen Hürden zurück: Die Antragsverfahren seien so bürokratisch, dass der Aufwand „in keinem Verhältnis zum Risiko steht“, auch würden die gemeinsamen Regeln strenger ausgelegt als in anderen EU-Ländern. Zudem dauerten die Genehmigungen teilweise dreimal so lange wie in anderen Ländern, und das Verfahren sei teilweise sogar von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. 

Problem in Deutschland: Investoren beklagen starre Vorschriften

Der Münchener Wagniskapitalgeber Herbert Mangesius, Partner bei Vsquared Ventures, der sich auf forschungsgetriebene Start-ups spezialisiert hat, bestätigt die großen Probleme mit der Regulatorik, die wiederum Investoren abschreckten: Methoden wie Crispr/Cas würden bei Tieren oder Pflanzen täglich eingesetzt, ohne dass man darüber spreche.

„Wenn es jedoch ums Entwickeln neuer Therapien oder Eingriffe am Menschen geht, schlagen in unserem Kulturkreis die ethischen Alarmglocken sofort Alarm, vermutlich durch die Erfahrungslast des Rassismus und der Eugenetik“, sagt er. Das habe „massiven Einfluss auch auf Regulatorik, die es tunlichst vermeidet, Klarheit zu schaffen und ethisch schwierige Fragen zu adressieren“, kritisiert der Investor. „Ohne rechtliche Klarheit und ohne positive Perspektive auf das Thema grundsätzlich“ setze sich ein Investor jedoch einem unkontrollierbaren und nicht einschätzbaren Marktrisiko aus.

Auch die Innovationsberater der Kanzlerin dringen auf eine Vereinfachung der Genehmigungen – und empfehlen vor allem die Gründung eines „Deutschen Gentherapiezentrums“, um möglichst schnell Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die klinische Forschung zu bringen. Vorbild könnte das britische Catapult-Programm sein, das „das Know-how zu Beantragung und Zulassung bündelt, Start-ups und kleinen Gentechnik-Unternehmen Expertise zum Aufbau von Unternehmen zur Seite stellt und eine zentrale Plattform für Finanzierungsbedarfe und Investitionsmöglichkeiten ist“, schreiben die Gutachter.

Mehr: Das sind die 17 aussichtsreichsten Techtrends des Jahres.

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