CSU Intimfeinde Söder und Seehofer inszenieren sich als beste Freunde

Die Machtrivalen stellen sich als Partner dar, um das drohende Wahldebakel der CSU doch noch abzuwenden. Dabei verbindet die beiden Politiker nur eines: tiefe gegenseitige Abneigung.
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Bayerns Ministerpräsident und der CSU-Chef demonstrieren Geschlossenheit. Quelle: AFP
Markus Söder und Horst Seehofer

Bayerns Ministerpräsident und der CSU-Chef demonstrieren Geschlossenheit.

(Foto: AFP)

IngolstadtWie passend, dass die CSU für diesen Abend ein Theater angemietet hat; sie will ja selbst ein Stück aufführen. Ziemlich beste Freunde, heißt die Inszenierung, die am Montag im Stadttheater Ingolstadt Wahlkampfpremiere feiert. In den Hauptrollen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und CSU-Chef Horst Seehofer. Beide sind einander in tiefer Abneigung verbunden, doch das wollen sie jetzt vergessen machen. Wenigstens für ein paar Tage.

Schlussspurt, das große Finale: Am Sonntag findet die großen Bayernwahl statt, deren Vorbeben in Berlin seit Monaten in Aufruhr versetzt: Die Umfragen deuten auf ein Debakel für die CSU hin. Die Christsozialen glaubten lange, sie müssten nur um die absolute Mehrheit bangen. Das wäre für sie ja schon schlimm genug.

Jetzt aber stellt die Partei fest, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte: Sogar der Machtverlust ist denkbar, eine Regierungsmehrheit ohne CSU. In Bayern scheint sich ein Gefühl auszubreiten, das dem Freistaat bisher so fremd wie Labskaus war: Wechselstimmung.

Es wäre ein Desaster für die CSU, der Verlust der Macht würde den Verlust ihrer Identität als Staatspartei bedeuten, und so setzt die wachsende Verzweiflung ungeahnte Kräfte frei. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Zum Beispiel einen gemeinsamen Auftritt von Söder und Seehofer.

Die beiden Alphamännchen der Partei haben sich jahrelang belauert. Sie als Rivalen zu beschreiben wäre noch zu freundlich, Intimfeinde trifft es besser. Seehofer hat Söder einmal auf einer Weihnachtsfeier der CSU abgekanzelt, charakterliche Schwächen habe dieser, sei vom „Ehrgeiz zerfressen“. Söder soll der „Bild“ gesteckt haben, dass Seehofer ein uneheliches Kind in Berlin habe.

Beide treibt der unbedingte Machtwille, schon deshalb kann ihre Koexistenz kaum funktionieren. Aber genau das müssen sie jetzt – koexistieren, auf einer Bühne. Die Wahlkampfregie erfordert Geschlossenheit, zum Wohle der Partei und zum Wohle Bayerns. Aus CSU-Sicht gibt es da keinen Unterschied.

Nun bleibt der CSU in diesem Wahlkampf nichts erspart, und so geht auch in Ingolstadt, Seehofers Heimat, erstmal etwas schief. Der Strom fällt aus, auf der Bühne wird es finster. Jetzt bloß keine Wahlkampf-Parallelen ziehen.

Immerhin, das Problem ist schnell behoben, endlich kann es losgehen. Vorhang frei: Einmarsch zu Heldenmusik. Der Spitzenkandidat und der Lokalmatador, so kündigt CSU-General Markus Blume Söder und Seehofer an. Kurz stehen sie beieinander, Seit an Seit. Sie sind Profis, aber die große Inszenierung ist es nicht. Mehr als ein flüchtiges Schulterklopfen bringen sie nicht zustande. Schröder und Lafontaine haben die Inszenierung ihrer vermeintlichen Verbrüderung einst besser hinbekommen.

Söder stellt gleich klar, wer die Nummer eins der CSU ist. Er spricht zuerst und holt weit aus, widmet sich ausgiebig den Segnungen des Freistaats. Rekordwachstum, Rekordbeschäftigung. „Bayern hätte mehr Respekt und Dankbarkeit in ganz Deutschland verdient“, ruft er und erntet donnernden Applaus.

Söder redet frei und mit vollem Körpereinsatz, tänzelt hinter seinem Pult, ballt die Faust, hebt den Zeigefinder, breitet die Arme aus. „In Zeiten der Zerfaserung und Zersplitterung“ brauche es eine Kraft, die Zusammenhalt bietet, sagt er. Und diese Kraft ist er. So klingt es, wenn Söder über Söder spricht: „Ich will für dieses Land Stabilität sein.“

Wenn Seehofer in diesen Tagen über Seehofer spricht, ist klingt das anders. Weniger selbstgewiss, larmoyant schon eher. Der Minister bezeichnet sich gern als „der böse Seehofer“, Ironie war einmal seine Stärke. Heute fügt er lieber noch hinzu: „böse in Anführungszeichen, bitte“. Sicher ist sicher. Seehofer fühlt sich falsch verstanden, sieht sich als Opfer einer Kampagne. Er ärgert sich über sein Image: das des Unruhestifters, des Spalters, des Gefährders. Aber es wirkt nicht so, als habe er noch die Kraft, es zu korrigieren.

Ein paar Anmerkungen erlaubt sich Seehofer nach der „fulminanten Rede“ des „lieben Markus“. Ein Ausrufezeichen setzt er dabei nicht. Er steht fast starr hinter dem Pult, hin und wieder bewegt er seinen Kopf vor und zurück. Der Kontrast zum hibbelig-agilen Söder könnte kaum größer sein. Seehofer ahnt, dass sie ihn abservieren wollen nach der Landtagswahl. Dass seine Tage als CSU-Chef gezählt sind. Dieser Kampf ist wohl sein letzter.

„Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Überzeugung“, grollt Seehofer schließlich noch. „Nämlich, dass wir Zuwanderung begrenzen müssen, damit Integration gelingen kann.“ Dafür hallt Beifall durch das Stadttheater. Der Schlussakt hat begonnen.

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