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Cyber Innovation Hub Wie Bürokratie die Modernisierung der Bundeswehr ausbremst

Ursula von der Leyen will die Bundeswehr modernisieren. Doch ihr Cyber Innovation Hub, Vorbild für das Gesundheitsministerium, kommt nur langsam ins Laufen.
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Die Umsetzung von Innovationsprojekten ist bei der Bundeswehr langwierig. Quelle: dpa
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

Die Umsetzung von Innovationsprojekten ist bei der Bundeswehr langwierig.

(Foto: dpa)

Berlin Als Gesundheitsminister Jens Spahn vor einiger Zeit den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIH) besuchte, kam ihm der Gedanke: „So etwas möchte ich auch haben.“ Der CDU-Politiker verwendet viel Energie darauf, das deutsche Gesundheitswesen ins digitale Zeitalter zu überführen. Nach seinem Amtsantritt gründete er eine eigene Digitalisierungsabteilung, regelmäßig lädt er Start-ups zu Veranstaltungen ein.

Die Digitalisierung treibt viele Bundesminister um. Als erste ließ sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) von der Industrie für die eigene Modernisierungsstrategie inspirieren. „Die Bundeswehr muss Freiräume schaffen für Kreativität und Experimente.“

„Wir brauchen den Mut zu Versuch und Irrtum“, sagte sie, als sie Anfang 2018 auf der Münchner Sicherheitskonferenz den im März 2017 gegründeten CIH präsentierte. Ähnliche Hubs betreiben Siemens, Daimler und viele andere Unternehmen außerhalb ihrer Konzernstrukturen: Sie sollen Projekte von Start-ups aufspüren und für das eigene Geschäft nutzbar machen.

Ein Loft in Berlin-Moabit wurde für den CIH angemietet. Zwischen grob verputzten Backsteinwänden suchen fünf Soldaten, 15 zivile Angestellte und zehn Reservisten dort nach Start-up-Produkten für die Bundeswehr. 70 Projekte wurden initiiert.

Zum Beispiel geht es um Minidrohnen. Oder um Funkantennen, mit denen handelsübliche Handys ein digital verschlüsseltes Funknetz bilden können. Erfunden wurden die Antennen für Rockkonzerte im Funkloch der Wüste Nevadas. Sie könnten auch Soldaten in der Wüste Malis helfen.

Gesundheitsminister Spahn folgt dem Vorbild der Bundeswehr: Im April 2019 steht Spahn in einem hippen Ladenlokal in der Torstraße in Berlin-Mitte. Sein Health Innovation Hub soll ein „Brückenkopf“ in der digitalen Gesundheitswelt werden, kündigt er an. Wie von der Leyen hält auch Spahn die Ministerialbürokratie nur für sehr bedingt geeignet, auf den Wandel durch die Digitalisierung schnell zu reagieren.

Beide Minister dürften unterschätzt haben, wie schwer es wird, die Hubs zum Laufen zu bringen. „Der Cyber Innovation Hub hat das Problem, dass diese Art von agiler Organisation im System nicht vorgesehen ist und er nun auch noch der erste seiner Art ist“, sagte der CSU-Verteidigungsexperte Reinhard Brandl.

Er habe den Eindruck, dass zwar die Zusammenarbeit zwischen dem Hub und den Start-ups gut funktioniere. „Dann aber ist es schwierig, die Projekte auch wirklich schnell umzusetzen“, sagte er. „Denn die eigentliche Beschaffung läuft ganz normal über das Beschaffungswesen mit all den Prüfprozessen. Und das kostet Zeit.“

Von den 70 Projekten des Hubs sind so erst elf ans Laufen gekommen. Bis Ende 2018 musste der Hub selbst kleinste Projekte von fünf Stellen genehmigen lassen: der IT-Abteilung des Verteidigungsministeriums, dem Planungsamt, dem Cyberkommando der Bundeswehr, dem Beschaffungsamt und der Bundeswehr-IT-Gesellschaft BWI.

Das dauerte, gern auch länger als ein halbes Jahr. Einen Großteil seiner im Haushalt 2018 vorgesehenen Mittel von fünf Millionen Euro konnte der Hub deshalb nicht nutzen. Inzwischen allerdings, so eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums, seien nur noch ein Referat im Ministerium und die BWI für den Hub zuständig.

Auch der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels kritisiert die fehlende Unabhängigkeit von den „schwerfälligen Beschaffungsstrukturen“. „Die hat man ihm leider nicht gegeben“, sagte Bartels dem Handelsblatt: „Wenn es darum geht, den CIH dauerhaft fortzuführen, sollte er wirklich autonom organisiert werden.“

Scheitern muss möglich sein

Experten aus der Wirtschaft halten Autonomie für erfolgsentscheidend. „In der Anfangsphase der Projekte muss ein Innovation Hub unabhängig von bestehenden Hierarchien direkt mit den operativen Einheiten und den Nutzern neue Produkte testen dürfen“, sagte Philipp Depiereux, Gründer der Innovationsberatungsgesellschaft Etventure, heute eine Tochter von Ernst & Young. Das gelte für alle Großorganisationen in der Industrie und der öffentlichen Verwaltung. „Unabhängigkeit ist deshalb so wichtig, weil Scheitern in dieser Phase möglich sein muss“, betonte er.

Doch wirklich loszulassen traut man sich in den Ministerien bislang nicht. Erst recht nicht, seit ein Bundestagsuntersuchungsausschuss Beraterverträge im Verteidigungsministerium untersucht und Verstöße gegen das Vergaberecht entdeckte.

Dabei hatte sogar der Bundesrechnungshof im April 2018 angemahnt, das Beschaffungswesen für den CIH neu zu gestalten. Das Verteidigungsministerium „wird die Innovationsgeschwindigkeit nur erhöhen, wenn es Innovationen als einsatzreife Produkte auch beschleunigt beschafft und kurzfristig in die Bundeswehr einführt“, heißt es in dem Rechnungshof-Bericht.

Anderenfalls seien „langwierige Abstimmungen, hohe Folgekosten und ausbleibende Erfolge“ wahrscheinlich. Bislang gilt sowohl für den CIH als auch für Spahns Health Innovation Hub: Das Ministerium ist für die Fachaufsicht zuständig und die BWI für die Infrastruktur.

„Überlegt wird, dass nach der Pilotphase BWI und CIH stärker inhaltlich zusammenarbeiten“, sagte ein BWI-Sprecher. Die Pilotphase des CIH läuft bis Ende 2019. Es könnte die Projekte beschleunigen, wenn der Hub näher an die BWI heranrückte, glaubt man dort.

Innovationsberater Depiereux hält allerdings wenig von der Beteiligung von IT-Abteilungen in Inkubationsphasen. „Die hauseigene IT-Abteilung ist da meist ein Problem: Sie ist dafür verantwortlich, dass die IT sicher und ohne zu ruckeln funktioniert“, sagte er.

Entscheidend sei die Reihenfolge: „Sobald die Innovation des externen Hubs erfolgreich getestet ist, muss sie in der Organisation mit den dort Arbeitenden implementiert werden“, sagte Depiereux. „Denn dann darf nicht mehr gescheitert werden.“

Die Politik allerdings tut sich schwer mit dieser Reihenfolge. „Der CIH müsste mehr Eigenständigkeit bekommen, ohne ihn aber von der Organisation abzukoppeln“, sagt etwa der Verteidigungspolitiker Brandl.

Wie es anders gehen kann, zeigen einmal mehr die USA. Die US Air Force gründete 2017 – zeitgleich mit dem CIH – ihre Hubs Afwerx und Kessel Run. Mehrere Hundert zivile und militärische Mitarbeiter wurden gewonnen. Noch wichtiger: Die internen Prozesse der Luftwaffe werden im Monatsrhythmus so angepasst, dass Projekt-Freiräume entstehen.

Mehr: Die Nato-Staaten haben sich darauf geeinigt, zwei Prozent der Wirtschaftsleistung in Rüstung zu stecken. Lesen Sie hier, wie Ursula von der Leyen diese Einigung gegenüber kritischen Stimmen bekräftigt.

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1 Kommentar zu "Cyber Innovation Hub: Wie Bürokratie die Modernisierung der Bundeswehr ausbremst"

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  • Man müsste lediglich die amerikanischen und v. a. israelischen Vorbilder kopieren. Aber nicht einmal das schaffen wir. Wer nimmt seine Führungsaufgaben nicht wahr?

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