DAK-Report Immer neue Krebsmedikamente fluten den Markt – doch sind diese oft nicht besser

Der Boom bei Medikamenten gegen Krebs ist ungebrochen. Doch laut DAK-Report gibt es Zweifel, ob die Flut den Patienten auch wirklich hilft.
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Der Boom bei neuen Medikamenten gegen Krebs ist ungebrochen. Quelle: dpa
Medikamente

Der Boom bei neuen Medikamenten gegen Krebs ist ungebrochen.

(Foto: dpa)

BerlinAuch im vergangenen Jahr ist die Zahl neu zugelassener Mittel gegen Krebs stark gestiegen. Bis Ende 2017 wurden insgesamt 186 neue Wirkstoffe in 277 Verfahren vom Gemeinsamen Bundesausschuss auf einen Zusatznutzen zu vorhandenen ähnlich wirksamen Therapien überprüft. Davon waren 57 neue Wirkstoffe zur Behandlung von Krebs.

Gegenüber 2014 ist damit der Anteil von neuen Krebsmedikamenten an allen neuen Medikamenten von 30 auf 45 Prozent gestiegen. Das hört sich auf den ersten Blick an wie eine gute Nachricht. Schließlich handelt es sich um eine der schwersten Erkrankungen.

Doch nach dem aktuellen AMNOG-Report der DAK gibt es berechtigte Zweifel, ob die wachsende Flut neuer Medikamente gegen Krebs für die Erkrankten wirklich die erhofften Vorteile bringt.

Seit 2010 wird jedes neue Medikament vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen auf seinen Nutzen überprüft an Hand der Unterlagen, die der Hersteller dazu einreicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) stellt anschließend fest, ob das neue Medikament gegenüber vergleichbaren Therapien einen zusätzlichen Nutzen hat.

Auf der Basis dieser frühen Nutzenbewertung wird anschließend mit dem Spitzenverband der Krankenkassen ein Preis ausgehandelt, der dann ein Jahr nach Zulassung des Medikaments in Deutschland verbindlich ist. Vorher gilt der vom Hersteller gezahlte Preis.

Nach dem DAK-Report fehlen bei vielen neuen Medikamente auch außerhalb der Krebstherapie Daten und Studien, um wirklich eine Nutzenbewertung abgeben zu können. So habe der GBA in 41 Prozent der Fälle keinen Zusatznutzen zu Vergleichsmedikamenten allein deshalb gesehen, weil Daten fehlten.

Bei 39 Prozent der Fälle lagen zwar Daten aus Studien der Pharmahersteller vor. Sie waren aus Sicht des GBA aber nicht geeignet für einen Zusatznutzennachweis.

Oft geht es bei Krebsmedikamenten nur darum, die Lebensqualität zu verbessern oder die Lebenszeit zu verlängern und nicht die Krankheit zu heilen. Nach der Untersuchung der DAK liefern die Hersteller zwar in 76 Prozent der Fälle Daten zur Lebensqualität. Die sind aber nur bei jedem sechsten Verfahren ausreichend, um einen zusätzlichen Nutzen zu belegen.

Was bleibe sei dann oft nur die reine Lebensverlängerung als Kriterium für einen Zusatznutzen. Aus Sicht der Patienten sei das unbefriedigend, so DAK-Chef Andreas Storm.

Wegen der großen Unsicherheit bei der Nutzenbewertung neuer Krebsmittel kann der GBA einen Beschluss auch befristen und zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Nutzenbewertung machen. Bis Ende 2017 hat er von dieser Möglichkeit 20-mal Gebrauch gemacht.

In Zwei Drittel der Fälle schnitten die Medikamente nicht besser ab als bei der ersten Prüfung. In fünf Fällen konnte ein vorher festgestellter Zusatznutzen sogar nicht bestätigt werden, heißt es im Report.

Insgesamt kommt der DAK-Report zu dem Ergebnis, dass der Anteil der neuen Medikamente, die bei der Nutzenbewertung schlecht abschneiden eher wächst als zu sinken. Lag der Anteil neuer Onkologika, die eine positive Nutzenbewertung erhielten, noch bei 78 Prozent, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 68 Prozent. Das ist mehr als bei anderen Medikamenten. Insgesamt bekamen nur 59 Prozent der neuen Medikamente einen Zusatznutzen zugesprochen.

Ein besonderes Problem sind dabei die Medikamente gegen seltene Krankheiten, zu denen auch immer öfter Krebsmittel gehörten. Ihr Zusatznutzen gilt per Gesetz als belegt. Eine Prüfung kann erst erfolgen, wenn das Medikament eine bestimmte Umsatzschwelle überschreitet.

Die meisten dieser Bewertungen seien in der Vergangenheit negativ ausgefallen, so Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom der Universität Bielefeld und Autor des DAK-Reports. „Aus unserer Sicht sollte für Medikamente zur Behandlung seltener Erkrankungen daher in Zukunft immer dann eine vollständige Nutzenbewertung durchgeführt werden, wenn Therapiealternativen zur Verfügung stehen.“ Das sei bei 55 Prozent aller bisher zugelassenen Orphan-Drugs der Fall.

Kritiker bemängeln seit langem, dass Hersteller neue Medikamente gezielt als Orphan-Drugs entwickeln, um die Nutzenbewertung zu unterlaufen.

Der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) reagierte kritisch auf den Report der DAK. „Die wachsende Zahl von Krebsmedikamenten in der Zusatznutzenbewertung ist eine gute Nachricht: Denn sie zeigt die Vielzahl neuer therapeutischer Möglichkeiten für Patienten mit ganz unterschiedlichen Krankheitsverläufen“, sagte Birgit Fischer, VFA-Hauptgeschäftsführerin.

Sie verwies darauf, dass der GBA immerhin bei 87 Prozent aller Krebsmedikamente einen Zusatznutzen anerkannt habe. „Das ist nur auf der Grundlage aussagefähiger Studiendaten möglich. Denn der GBA verschenkt keinen Zusatznutzen.“

Die eingereichten Studiendaten seien also belastbar, sonst würden Zulassungsbehörden und Bewertungsinstanzen sie nicht akzeptieren, widersprach Fischer den Einschätzungen des Reports.

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