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Darknet Andreas May – Deutschlands wichtigster Strafverfolger gegen Cyberkriminelle

Der Betreiber einer Darknet-Plattform muss in Haft. Für den wichtigsten Cyber-Ermittler Deutschlands ist das einer der wenigen Erfolge.
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Täter im Darknet zu finden ist eine Sisyphusarbeit. Quelle: picture alliance / Britta Peders
Andreas May

Täter im Darknet zu finden ist eine Sisyphusarbeit.

(Foto: picture alliance / Britta Peders)

Gießen Wenn Andreas May auf seinen Monitor starrt, sieht er Kokain in Beuteln oder Pistolen neben Alias-Namen. Was er nicht sieht, ist die wahre Identität der Verbrecher. Der 56-jährige Oberstaatsanwalt leitet die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) in Gießen.

Der Tatort: das Darknet, der verborgene Teil des Internets, in dem Daten anonym übertragen werden. Auf jeder zehnten Seite wird dort Finanzbetrug begangen, schätzen Experten: Handel mit gestohlenen Kreditkartendaten etwa oder Angebote, Unternehmensserver zu hacken.

May ist Deutschlands wichtigster Strafverfolger gegen diese Cyberkriminellen. Er jagt Pädophile, Drogenhändler und Waffenschmuggler – alle, die sich im dunklen Teil des Internets verstecken.

So wie „Lucky“. Der 31-jährige Informatiker, mit bürgerlichem Namen Alexander U., hat die Plattform „Deutschland im Deep Web“ betrieben, die mit mehr als 23.000 Nutzern das größte Darknet-Forum im deutschsprachigen Raum war. Darüber hat sich der Münchener Amokläufer seine Waffe und die Munition gekauft, mit der er am Olympia-Einkaufszentrum im Sommer 2016 neun Menschen erschoss.

Am Mittwoch wurde Lucky vor dem Landgericht Karlsruhe zu sechs Jahren Haft verurteilt. Erstmals in Deutschland wird der Betreiber einer Darknet-Plattform für ein Verbrechen, das über sein Forum ermöglicht wurde, mitverantwortlich gemacht.

Darknet-Sheriff May und sein Team haben Lucky vor anderthalb Jahren identifiziert. Die Digitalwährung Bitcoin, die im Darknet für Zahlungen verwendet wird, half den Ermittlern. Lucky bat um Spenden, um seine Plattform zu betreiben. Und May folgte der Spur des Geldes. Es war das erste Mal, dass deutschen Ermittlern ein solcher Schlag gelang. Denn ihre Arbeit ist mühsam. „Wir hatten auch ein Stück weit Glück, als wir Lucky gefunden haben.“

Acht Staatsanwälte arbeiten in Mays Team, zwei davon verfolgen Verbrechen im Darknet – und tasten sich dabei sprichwörtlich durch stockdunkle Räume. Im verborgenen Teil des Internets ist alles anonym, die Kommunikation mehrfach verschlüsselt. Wo die Ermittler einen Drogen-Marktplatz stilllegen, wird Tage später ein neuer gegründet. Da macht sich May keine Illusionen. „Der Ermittlungsaufwand ist enorm und viel größer als in der realen Welt.“ Wenn der groß gewachsene Jurist mit kantigem Gesicht und rasierter Glatze das mit seiner lauten Stimme erzählt, klingt er aber trotzdem motiviert.

Milliardenhoher Schaden

May sitzt auf der zweiten Etage eines Zweckbaus aus den 70er-Jahren. Einen Aufzug gibt es nicht, dafür Raufasertapete und Aktenschränke. Das ist Deutschlands Antwort auf die wachsende Cyberkriminalität: Vier von zehn Unternehmen sind laut Beratungsgesellschaft KPMG davon betroffen. Der deutschen Wirtschaft entsteht jährlich ein Schaden von 55 Milliarden Euro, schätzt der IT-Branchenverband Bitkom.

Um die Täter aus dem Darknet zu finden, setzt May auf verdeckte Ermittler und hofft auf Fehler der Kriminellen. Als er und sein Team vor vier Jahren anfingen, im Darknet zu ermitteln, kauften sie selbst Waffen an. Einige Verkäufer trafen sich zur Übergabe mit den Polizisten, andere hinterließen Fingerabdrücke auf den Päckchen.

„Anfangs haben wir nur die Unbedarften gefangen“, sagt May. Die ZIT hat so 50 Waffenhändler aus dem Darknet identifiziert; immer noch eine niedrige Zahl. Durch die Ermittlungen hat sich die Szene auch professionalisiert – was May seine Arbeit erschwert.

Und selbst die deutsche Gesetzgebung behindert die Arbeit der Darknet-Ermittler. Anders als in den USA dürfen sie hierzulande nicht mit Lockangeboten, etwa mit Kinderpornografie, arbeiten. Die amerikanischen Kollegen können ganze Plattformen übernehmen, diese weiterbetreiben und so die Verdächtigen enttarnen.

Deshalb werden die meisten Cyberkriminellen auch von ausländischen Behörden gefasst. May würde sich das in Ausnahmefällen auch wünschen, doch er gibt sich pragmatisch: „Ich bin es gewohnt, Dinge nicht zu dürfen. Technisch geht immer mehr, als rechtlich erlaubt ist.“ May hat zwar mal zwei Semester Informatik studiert. Aber am Ende ist er eben doch Jurist.

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