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Das Tribunal von Augsburg

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Und überhaupt sei der Wahlkampf „gouvernemental“ gewesen, sagt Stoiber: Statt mit Themen wie dem EU-Beitritt der Türkei Emotionen zu schüren oder der SPD ihre Regierungsbilanz um die Ohren zu hauen, habe man das Wahlprogramm mit lauter technokratischen Gesetzgebungsdetails voll gestopft. Man habe wahlgekämpft, als sei man selbst schon längst an der Regierung – was man angesichts der trügerischen Umfragen ja tatsächlich schon fast so empfunden habe. Das hätten alle so entschieden, räumt er ein. Er auch. Kritik hätte er nicht vernommen.

All das nötigt den Jungen Respekt ab. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand sich so offen der Diskussion stellt“, sagt Missfelder und schenkt dem künftigen Wirtschaftsminister eine dicke Biografie seines Vorgängers Ludwig Erhard.

Für den Nachmittag haben sie einen eingeladen, der mit Sicherheit für eine gepfefferte Wahlanalyse gut ist – und zwar eine, die ihnen auch inhaltlich besser passt. Friedrich Merz zieht unter ohrenbetäubendem Toben und Pfeifen ein, sie feiern ihren Superstar, als hätte er gerade im WM-Finale das Siegtor für Deutschland geschossen.

Jeder weiß, dass Merz gegen Merkel eine unzähmbare Abneigung empfindet, seit sie ihn als Fraktionschef stürzte. Doch in Augsburg vermeidet der Finanzexperte jedes Wort, das als Merkel-Kritik ausgelegt werden könnte – mehr noch, er preist seine Feindin sogar mehrfach. Umso klarer kann er beim Namen nennen, wo er den Fehler sieht im Wahlkampf: zu defensiv, zu technokratisch, zu einfallslos, zu detailverliebt. „Aber zu erklären, warum solche Veränderungen notwendig und richtig sind, ist uns nicht gelungen.“

Die Stirn inzwischen schweißnass, setzt er nach: „Die in unseren Reihen, die beklagen, dass wir zu wenig Emotionen, zu wenig Zugang zu den Menschen gefunden haben, nehme ich außerordentlich ernst.“ Er spricht von den Leistungsträgern, die das Land verlassen, und der Mittelschicht, die die Zeche zahlen wird. „Ich sage das mit solchem Nachdruck, weil ich in zehn oder in 15 Jahren meinen Kindern und Ihnen noch in die Augen schauen können will.“ Er spricht von Familie, von Heimat, er spricht von Leitkultur und jenem alles überspannenden „Dach der Sicherheit“ für die reformgeplagten Menschen, und als er fertig ist, steht der ganze Saal auf den Stühlen, pfeift, tobt und singt wie im Fußballstadium: „Denn wir haben ein Idol, Friedrich Meeeeherz!“ fast eine Viertelstunde lang.

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