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Das Tribunal von Augsburg

Die Junge Union hat zu ihrem Deutschland-Tag geladen und erzwingt eine Diskussion über das Wahldesaster.
  • Maximilian Steinbeiss
Die Schleswig-Holsteiner hatten eigentlich ein Schild mitgebracht:

Die Schleswig-Holsteiner hatten eigentlich ein Schild mitgebracht: "Mehr Merkel, weniger Stoiber!"

(Foto: dpa)

AUGSBURG. Es ist ein schöner, ein emotionaler Moment, der Edmund Stoiber da gelingt in der Augsburger Kongresshalle. Er spricht von seiner Tochter Constanze, die „bekommt hoffentlich an diesem Wochenende ihr drittes Kind“. Die Anwältin bekomme stets nur Bedauern zu hören, was sie sich da aufbürde, und ihr Beruf, und ach und je – niemand freue sich mit. „Eine Gesellschaft, die einer werdenden Mutter mehr Ängste vermittelt als Freude, ist schwierig, ich sag’s mal vorsichtig.“ Applaus brandet auf, das freut den CSU-Chef: „Ein tolles Signal aus Augsburg“ meint er zu vernehmen.

Und just in diesem Moment taucht auf der Videoleinwand über ihm ein Bild auf, überlebensgroß. Ein Delegierter aus Mecklenburg-Vorpommern hält einen Zettel hoch. „–10 %“ hat er draufgeschrieben – so viel hat die CSU in Bayern bei der Bundestagswahl verloren. Die Kameras der Konferenzregie halten munter drauf, damit es auch jeder sieht im Saal.

Die Junge Union (JU) hält ihren Deutschland-Tag ab in Augsburg, und den meisten Delegierten steht der Sinn nicht nach Familienanekdoten. Die Jungen haben die gesammelte Unionsprominenz eingeladen: neben Stoiber auch noch Friedrich Merz und Angela Merkel. Sie wollen eine schonungslose Aufarbeitung des Wahlergebnisses oder „warum wir es zum dritten Mal in Folge nicht geschafft haben, über 40 Prozent zu kommen“, wie es JU-Chef Philipp Missfelder schon vor dem Treffen formuliert hatte – also eine Art Tribunal von Augsburg.

Doch genau diese Aufarbeitung des Wahlergebnisses – das wollen die Unionsparteigranden indes nicht öffentlich diskutieren, jedenfalls nicht, solange die Koalitionsverhandlungen noch laufen. Das Delegiertentreffen der JU findet aber jetzt schon statt. Und die Parteijugend kocht vor Zorn. Sie haben sich krumm gelegt im Wahlkampf, haben für Angela Merkels Reformkurs gekämpft, und jetzt sehen sie mitnichten ein, warum sie sich auf die Zunge beißen sollten.

Vor allem Stoiber, den Noch-Ministerpräsidenten Bayerns und den Noch-nicht-Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, will man sich an diesem Samstag vornehmen. Ihn haben sie als Saboteur im Verdacht, seit er Merkels Richtlinienkompetenz öffentlich in Frage stellte, seit er die Gesundheitsprämie in die Tonne beförderte, seit er den CSU-Rebellen Horst Seehofer als Minister durchdrückte.

Die Schleswig-Holsteiner hatten eigentlich ein großes blaues Schild mitgebracht mit der Aufschrift: „Mehr Merkel, weniger Stoiber“. Das hätten sie gerne in die Kameras gehalten während Stoibers Rede. JU-Chef Missfelder habe das aber „brutal unterdrückt“, heißt es, aus Furcht vor Racheaktionen der Bayern am nächsten Tag, wenn Merkel kommt. Denn die Bayern-JU hält fest zu Edmund Stoiber. Sie sitzen ganz hinten, und wenn einer zu frech wird zu ihrem Landesvater, dann stimmen sie einen „Edmund, Edmund“-Sprechchor an.

Stoiber ist gekommen, er stellt sich seinen Angreifern. Bisher sei er „in erster Linie Anwalt Bayerns“, sagt er, aber jetzt wolle er „Anwalt Deutschlands“ sein. Wer an seiner Solidarität mit Merkel zweifle, solle sich klar machen: Er wolle für sie „das letzten Endes schönste Amt“ aufgeben, nämlich das des bayerischen Ministerpräsidenten! Ein spöttisch-bedauerndes „Ooohhh“ schallt ihm entgegen. Da wird Stoiber scharf: „Ich stelle fest, dass nicht sehr viele Ministerpräsidenten in das Kabinett eintreten.“ Das bringt die Jungspunde erst einmal zum Schweigen. „Mehr Solidarität, als im Kabinett Merkel mit anzupacken, kann ich nicht erbringen.“

Und auch eine Fehleranalyse der schonungslosen Art, wie man sie sich so gewünscht hatte, hat Stoiber dem Parteinachwuchs mitgebracht – auch wenn sie wohl nicht nach dem Geschmack der Jungen ausfällt. Steuerfreie Nacht- und Feiertagszuschläge streichen? „Das hat uns ernstlich geschadet. Wer das nicht sieht, nimmt keine wirkliche Wahlanalyse vor.“ Flat Tax? „Das ist nicht mehrheitsfähig in diesem Land. Wünsche viel Vergnügen! Kann die FDP machen!“ Koalitionszusage für die Liberalen? „Mit Sicherheit“ werde er nie wieder einen schwarz-gelben Lagerwahlkampf führen und so der FDP die Stimmen zutreiben.

Und überhaupt sei der Wahlkampf „gouvernemental“ gewesen, sagt Stoiber: Statt mit Themen wie dem EU-Beitritt der Türkei Emotionen zu schüren oder der SPD ihre Regierungsbilanz um die Ohren zu hauen, habe man das Wahlprogramm mit lauter technokratischen Gesetzgebungsdetails voll gestopft. Man habe wahlgekämpft, als sei man selbst schon längst an der Regierung – was man angesichts der trügerischen Umfragen ja tatsächlich schon fast so empfunden habe. Das hätten alle so entschieden, räumt er ein. Er auch. Kritik hätte er nicht vernommen.

All das nötigt den Jungen Respekt ab. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand sich so offen der Diskussion stellt“, sagt Missfelder und schenkt dem künftigen Wirtschaftsminister eine dicke Biografie seines Vorgängers Ludwig Erhard.

Für den Nachmittag haben sie einen eingeladen, der mit Sicherheit für eine gepfefferte Wahlanalyse gut ist – und zwar eine, die ihnen auch inhaltlich besser passt. Friedrich Merz zieht unter ohrenbetäubendem Toben und Pfeifen ein, sie feiern ihren Superstar, als hätte er gerade im WM-Finale das Siegtor für Deutschland geschossen.

Jeder weiß, dass Merz gegen Merkel eine unzähmbare Abneigung empfindet, seit sie ihn als Fraktionschef stürzte. Doch in Augsburg vermeidet der Finanzexperte jedes Wort, das als Merkel-Kritik ausgelegt werden könnte – mehr noch, er preist seine Feindin sogar mehrfach. Umso klarer kann er beim Namen nennen, wo er den Fehler sieht im Wahlkampf: zu defensiv, zu technokratisch, zu einfallslos, zu detailverliebt. „Aber zu erklären, warum solche Veränderungen notwendig und richtig sind, ist uns nicht gelungen.“

Die Stirn inzwischen schweißnass, setzt er nach: „Die in unseren Reihen, die beklagen, dass wir zu wenig Emotionen, zu wenig Zugang zu den Menschen gefunden haben, nehme ich außerordentlich ernst.“ Er spricht von den Leistungsträgern, die das Land verlassen, und der Mittelschicht, die die Zeche zahlen wird. „Ich sage das mit solchem Nachdruck, weil ich in zehn oder in 15 Jahren meinen Kindern und Ihnen noch in die Augen schauen können will.“ Er spricht von Familie, von Heimat, er spricht von Leitkultur und jenem alles überspannenden „Dach der Sicherheit“ für die reformgeplagten Menschen, und als er fertig ist, steht der ganze Saal auf den Stühlen, pfeift, tobt und singt wie im Fußballstadium: „Denn wir haben ein Idol, Friedrich Meeeeherz!“ fast eine Viertelstunde lang.

Am Sonntagmorgen kommt Angela Merkel. Sie hat nichts wirklich Ernstes zu befürchten bei der JU, Inhaltlich weiß man sich mit ihr auf Linie, daher gibt es auch weniger Kritik als flammende Appelle: „Bleiben Sie auf diesem Reformkurs“, fleht ein JU-Funktionär aus Nordrhein-Westfalen, „die Rückkehr zur Sozialromantik darf es nicht geben!“

Wird es auch nicht, beruhigt Merkel. „Meine ganze Sorge“, setzt sie an und korrigiert sich: „Sorge ist übertrieben. Mein ganzes Bestreben wird darin liegen, dass wir realistisch bleiben. Man kann nicht Fakten als kalt bezeichnen, weil sie einem nicht passen.“ Das Haushaltsdefizit sei ein solcher Fakt. „Wir müssen die Fakten verändern.“ Aber, sagt Merkel und kommt zum Thema Wahlanalyse, die Union sei eine Volkspartei, und wenn sie wieder über 40 Prozent kommen wolle, müsse sie den Arbeitnehmerflügel der Partei behalten. Als einer fragt, warum man nicht mit dem Thema EU-Beitritt der Türkei mehr Emotion in den Wahlkampf gebracht habe, sagt sie: „Ich bin für meine Verhältnisse so forsch rangegangen, wie ich kann.“

Dann kommt einer und berichtet, wie hier am Vorabend Friedrich Merz geredet habe. Ach, Friedrich Merz. „Ich will Ihnen ganz freundlich in Erinnerung rufen, dass Friedrich Merz irgendwann den Entschluss gefasst hat, nicht mehr stellvertretender Fraktionsvorsitzender zu sein.“ Was sie zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht weiß: Kurz zuvor hat die JU beschlossen, Merz aufzufordern, für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren. Einstimmig.

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