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Hacker

Berlin wird von einem gewaltigen Datenklau erschüttert.

(Foto: dpa)

Datenklau Cyberangriff auf Politiker: „Hier herrscht völlige Ratlosigkeit“

Unbekannte Täter haben private Daten von etlichen Spitzenpolitikern, Entertainern und Journalisten veröffentlicht. Das Regierungsviertel befindet sich in Aufruhr.
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BerlinGleich zu Beginn der Pressekonferenz versucht es die Bundesregierung mit einem „dringenden Appell“. Es gelte jetzt „große Vorsicht walten zu lassen“, sagt eine Sprecherin von Kanzlerin Angela Merkel. Der Fall sei „sehr, sehr ernst“ zu nehmen, und den Medien komme jetzt eine besondere Verantwortung zu.

Schadensbegrenzung, das ist der Modus, in dem Regierung und Parlament am Freitag operieren. Berlin wird von einem gewaltigen Datenklau erschüttert, unbekannte Täter haben private Daten von etlichen Spitzenpolitikern, Entertainern und Journalisten veröffentlicht. Handynummern, Urlaubsfotos, Kontodaten, Chat-Auszüge. Das Regierungsviertel befindet sich in Aufruhr.

Noch macht die Bundesregierung keine Angaben darüber, wer die Daten gestohlen hat. Das Bundesamt für Informationssicherheit wisse erst seit ein paar Stunden Bescheid, räumt ein Sprecher des Innenministeriums ein. Die Auswertung des Falls laufe noch.

Nachfragen werden abgeblockt. Allenfalls, dass „Hunderte Personen“ betroffen und sowohl „aktuelle als auch ältere Datensätze“ veröffentlicht worden seien, wollen die Behörden bestätigen.

Die Regierung bittet um Geduld, aber vor allem bittet sie um einen verantwortlichen Umgang der Medien mit dem digitalen Diebesgut. Die Bild-Zeitung hatte zuvor angekündigt, eine Veröffentlichung der Daten zu prüfen.

Sollten dabei Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt werden, so warnt das Justizministerium, könne die Berichterstattung zum Fall für den Generalbundesanwalt werden.

Die Bundesregierung wertet die massenhafte Veröffentlichung teils sensibler Daten als „schwerwiegenden Angriff“. „Die Urheber wollen Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen beschädigen“, erklärt Justizministerin Katarina Barley (SPD).

Barley betont, die Täter müssten rasch ermittelt und ihre möglicherweise politischen Motive aufgeklärt werden. „Kriminelle und ihre Hintermänner dürfen keine Debatten in unserem Land bestimmen“, mahnte die Justizministerin. Die Sicherheitsbehörden bemühen sich, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass die Daten nicht mehr abgerufen werden können.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verspricht eine schnelle Aufklärung: „Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, den Urheber der Veröffentlichung ausfindig zu machen und den Zugriff auf die Daten schnellstmöglich zu unterbinden.“ Nach jetzigem Kenntnisstand gebe es keine Hinweise, dass Systeme des Bundestags oder der Bundesregierung kompromittiert worden seien. Die weiteren Untersuchungen koordiniere das im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) angesiedelte Nationale Cyber-Abwehrzentrum (Cyber-AZ). Alle sicherheitsrelevanten Behörden seien beteiligt.

In einer Mail der Bundestagsverwaltung an die Abgeordneten heißt es entsprechend, man gehe nach bisherigen Erkenntnissen davon aus, dass die veröffentlichten Daten nicht das Ergebnis eines Hackerangriffes auf den Bundestag sind, sondern aus öffentlichen und privaten Clouddaten stammen.

Im Bundestag schwankt die Stimmung zwischen Fassungslosigkeit und Panik. Politiker durchforsteten akribisch die Dateien, um herauszufinden, ob und wie sie betroffen sind.

Einige ließen ihre Kreditkarte vorsichtshalber sperren. „Hier herrscht völlige Ratlosigkeit. Keiner kann einem sagen, wer hinter der Attacke steckt und ob noch weitere Daten veröffentlicht werden“, sagt ein Abgeordneter.

Die geleakten Daten jedes einzelnen Abgeordneten gingen die Fraktionen durch um abschätzen zu können, in welchem Umfang die Hacker Daten erbeutet haben. Von diversen Spitzenpolitikern wie Bundesministern oder Landeschefs stehen persönliche Kontaktdaten wie Mobilnummer oder die private Wohnadresse im Netz.

Außerdem sollen die Hacker im Besitz sehr privater Daten von einigen Abgeordneten und anderen Personen des öffentlichen Lebens sein, wie etwa private Fotos oder Kontoauszüge.

Die SPD hat angesichts der Dimension des Leaks eine Sondersitzung des Digitalausschusses des Bundestages beantragt. „Die öffentlich gewordenen Daten von Hackerangriffen auf Journalisten, Schauspieler und Politiker werfen erneut viele Fragen auf“, sagte der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, dem Handelsblatt. „Der Versuch politischer Einflussnahme steht ganz offensichtlich im Raum.“

Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen in den USA und anderen Ländern müsse dieser Fall „sehr ernst“ genommen werden, betonte Zimmermann. „Aus diesem Grund hat die SPD-Bundestagsfraktion eine Sondersitzung des Ausschusses Digitale Agenda beantragt.“

„Das Ausmaß dieses Angriffs ist bisher unbekannt“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider. Die IT-Infrastruktur der SPD-Bundestagsfraktion selbst sei aber nicht betroffen.

Seine Fraktion habe IT-Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet, um den Schutz der Kommunikation und die Funktionsfähigkeit der parlamentarischen Arbeit zu gewährleisten. Auch die anderen Bundestagsfraktionen ergriffen solche Maßnahmen.

Wer hinter der Attacke steckt, ist noch völlig unklar. Ein Cybersicherheitsexperte sagte dem Handelsblatt, dass die Veröffentlichung der Politikerdaten wenig Gemeinsamkeiten mit dem Hackerangriff auf das Bundestagsnetz vor zwei Jahren aufweise. Dieser Angriff ging auf eine russische Hackergruppe zurück, die möglicherweise mit russischen staatlichen Stellen in Verbindung steht. Damals wurden Daten heimlich erbeutet, bis heute sei nicht vollständig aufgeklärt, welche Daten genau abflossen.

Die Art der Veröffentlichung der meist halbprivaten Daten von Politikern über Twitter in Form eines Adventskalenders mutet nach einer ersten vorläufigen Einschätzung dieses Experten eher wie eine Aktion von Computer-Nerds an, die zeigen wollten, was sie alles können. Für eine abschließende Bewertung sei es aber noch viel zu früh.

Der Geheimdienstexperte der Unions-Bundestagsfraktion, Patrick Sensburg (CDU), vermutet indes rechtsgerichtete Personen hinter der massenhaften Veröffentlichung teils sensibler Daten im Internet. „Ich gehe von einer Hackerattacke aus dem AfD-nahen-Spektrum aus“, sagte Sensburg dem Handelsblatt.

Viele Daten seien aus sozialen Medien gewonnen worden. „Dazu kommen möglicherweise Dokumente, die im Darknet ergattert wurden und bei Hackerangriffen im letzten Jahr abgeflossen sind“, so Sensburg, der auch dem Parlamentarischen Kontrollgremium für die Kontrolle der Nachrichtendienste des Bundes angehört.

Der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle brachte erste Konsequenzen ins Spiel. „Das Thema IT-Sicherheit wird in Deutschland nicht ernst genug genommen – dies zeigt sich besonders am Gefälle zwischen Exekutive und Legislative, wenn es um den Schutz der digitalen Infrastruktur geht“, sagte Kuhle dem Handelsblatt. „Das BSI und die Bundestagsverwaltung sollten gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie ähnliche Angriffe in Zukunft vermieden werden können.“

Hacker-Angriff auf Hunderte Politiker

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