Datenmanagement „Der Umgang mit Daten muss schnellstmöglich in die Schullehrpläne“

In der Wirtschaft ist der Umgang mit Big Data längst Realität. Die Hochschulen bereiten die jungen Akademiker jedoch kaum darauf vor.
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High angle view of businesswoman working at coffee table at home or accountant calculating taxes Quelle: Getty Images
Tax procedure routine

High angle view of businesswoman working at coffee table at home or accountant calculating taxes

(Foto: Getty Images)

BerlinDie Berliner Charité betreute fünf Jahre lang 750 herzkranke Patienten in Brandenburg mithilfe der Telemedizin: Sie bekamen EKG- und Blutdruckgeräte gestellt sowie ein Tablet, um täglich ihre Befindlichkeit einzutragen – in der Charité überwachten Ärzte die Daten rund um die Uhr und empfahlen bei Bedarf eine andere Medikation oder den Gang zum Hausarzt.

Die Ergebnisse der soeben präsentierten „Fontane-Studie“ erfreuten sowohl das fördernde Bundesforschungsministerium als auch die beteiligten Kassen Barmer und AOK Nord: Denn die Patienten mussten im Schnitt seltener ins Krankenhaus als eine konventionell betreute Kontrollgruppe.

Das Beispiel aus der Medizin zeigt die neue, überbordende Bedeutung des richtigen Umgangs mit großen Datenmengen. Auch im Verkehr ist die massenhafte Übertragung und Speicherung von Daten längst ein Dauerthema. Selbst vor den Gerichten macht sie nicht halt: In Großbritannien soll bei einfacheren Zivilstreitigkeiten künstliche Intelligenz einmal den Richter ersetzen.

Das heißt zugleich: „Der kompetente Umgang mit Daten als Querschnittskompetenz ist die neue Kulturtechnik, die alle brauchen: von den Juristen über Mediziner und Ingenieure bis zu Biologen“, sagt der Vizegeneralsekretär des Stifterverbands, Volker Meyer-Guckel.

Pilotprojekt in Mainz

In angelsächsischen Ländern gibt es bereits Programme, die Studenten den kritischen Umgang mit Big Data beibringen. Universitätsweite Konzepte haben etwa die Hochschulen von New York und Washington sowie Berkeley.

In Deutschland stehen die Hochschulen erst am Anfang. „Deshalb muss ‚Data-Literacy‘ – die Fähigkeit, Daten intelligent zu sammeln, zu managen, zu bewerten und anzuwenden – im nächsten Qualitätspakt Lehre des Bundes eine zentrale Rolle spielen. Die Hochschulen brauchen hier dringend Unterstützung“, fordert Meyer-Guckel.

Um Pioniere zu unterstützen, hat der Stifterverband mit der Heinz Nixdorf Stiftung einen Data-Literacy-Wettbewerb gestartet – drei Hochschulen können bis zu 250.000 Euro erhalten. Die Entscheidung fällt Ende September.
Einer der Finalisten ist die Uni Mainz.

Dort startete 2017 das Projekt „Medizin im digitalen Zeitalter“, das Studenten Data-Literacy beibringen soll: Ein Expertenteam – ein Arzt, ein Big-Data-Spezialist, ein Jurist des Landesamtes für Datenschutz und eine Medizinethikerin – spielt mit kleinen Gruppen bis zu 16 Studenten Szenarien durch, etwa den Umgang mit einer App, die die Überwachung schwer Lungenkranker zu Hause erlaubt.

„Wir diskutieren, was technisch möglich, rechtlich erlaubt und ethisch vertretbar ist“, sagt der Initiator Sebastian Kuhn, Oberarzt am Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie. „Natürlich kann man Patienten theoretisch komplett fernüberwachen – aber von relevanten anderen Faktoren wie Stress im Job oder Problemen in der Familie erzählen sie nur im persönlichen Gespräch, auch das müssen unsere jungen Ärzte abwägen.“

Zudem müssen sie die Spreu vom Weizen trennen können: Schon jetzt gebe es etwa 380.000 Apps, die vorgeben, der Gesundheit zu dienen, so Kuhn. „Doch 99 Prozent sammeln nur Daten potenzieller Kunden.“ Der einwöchige Kurs ist heiß begehrt, es gibt zehnmal so viele Bewerber wie Plätze, berichtet Kuhn, der auch Mitglied der Arbeitsgruppe „Curriculum 4.0“ beim Hochschulforum Digitalisierung ist, das die Hochschulrektoren und den Bund berät.

Die Medizin ist nur ein Beispiel, die Digitalisierung hat längst alle Wirtschaftsbereiche erfasst. Doch während die Googles und Amazons dieser Welt schon großes Geld mit Big Data machen, „haben unsere Hochschulen das Thema bisher verschlafen“, räumt Kuhn freimütig ein.

An der Johannes-Gutenberg-Universität möchte man zukünftig ein fachbereichsübergreifendes Data-Literacy-Programm, zunächst als Pilotprojekt im Bereich „Gesundheitsdaten“, entwickeln und implementieren. Es soll Studierende nicht nur der Medizin und Psychologie, sondern auch aus der Informatik, den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften sowie Jurastudenten erreichen.

Organisatorisch bringt ein solches Konzept eine Universität offenbar an ihre Grenzen: „Wir müssen an einigen Stellen die Fächergrenzen aufbrechen, um Spezialisten zusammenzuholen und interdisziplinäre Zukunftskompetenzen zu vermitteln“, so Kuhn. Das sei nicht nur zeitlich aufwendig, sondern auch organisatorisch.

Die Inhalte müssen zwar von unten nach oben in den Fächern erarbeitet werden, „aber das Ganze funktioniert am Ende fächerübergreifend nur, wenn es Chefsache ist und eine Strategie der Universität dahintersteht“, so Kuhn. „Anderenfalls stoßen wir an unüberwindbare Mauern.“ 

Module für alle Studenten

Zur Eile drängt auch Thomas Bauer, Vizepräsident des RWI und Chef des Statistischen Beirats beim Statistischen Bundesamt: „Wir stehen hier noch ganz am Anfang.“ Oft fehlten Hochschulen schlicht die nötigen Stellen, um auch in Geisteswissenschaften und Jura den Umgang mit Daten zu lehren. „Extrem wichtig ist, dass wir schnell die künftigen Lehrer damit vertraut machen“, so Bauer. „Der Umgang mit Daten muss schnellstmöglich in die Schullehrpläne – denn das brauchen alle Berufsanfänger.“

Diverse Hochschulen haben sich auf den Weg gemacht: Neben Mainz gelangten die Universitäten Bochum, Göttingen, Hildesheim, Lüneburg und Regensburg sowie die Hochschulen Mannheim und die HTW Berlin in die Endrunde des Stifterverbands. Die Ruhr-Uni Bochum, an der Bauer lehrt, hat eine Digitalisierungsstrategie mit Konzepten aus allen Fakultäten. Allein das hat eine Million Euro gekostet, berichtet Kornelia Freitag, Prorektorin für Lehre.

Kurzfristig soll es ein freiwilliges Programm geben, in dem Studenten auch ECTS-Punkte erwerben; zudem niedrigschwellige Angebote wie eine Ringvorlesung, „die wir aufzeichnen, um sie allen zugänglich zu machen“, so Bauer. Mittelfristig will man dann die kompletten Jahrgänge erreichen und Data-Literacy in den Curricula verankern – also prüfungsrelevant machen. Die zweite Stufe ist ein Vertiefungsmodul in Data-Science, dem wissenschaftlich aktiven Umgang mit Daten. Als dritte Stufe ist dazu ein echtes Forschungsmodul geplant – auch das für Studierende aller Fächer.

„Desaster wie BER vermeiden“

Data-Literacy ist auch ein Thema für Ingenieure. Weniger im Maschinenbau und in Elektrotechnik, die hier schon weiter sind, sehr wohl aber im Bauwesen, berichtet Markus König, Professor für Informatik im Bauwesen an der Ruhr-Uni. Denn „Desaster wie der BER oder die Elbphilharmonie lassen sich besser vermeiden, wenn alle Daten erfasst und vor allem intelligent gemanagt werden“.

Deshalb soll der Pflichtkurs für Bauingenieure, den die Ruhr-Uni 2015 einführte, ausgebaut werden: Zusätzlich zum Erfassen und Darstellen von Big Data im Bau sollen sie sich auch mit deren Kontrolle und Management befassen. Die Zeit drängt, findet nicht nur Kuhn: „Seit 2010 gibt es Smartphones – und wenn man bedenkt, dass unsere Studenten erst in einigen Jahren im Beruf selbstständige Entscheidungen treffen, sind wir eigentlich 15 Jahre zu spät dran.“

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  • Das Handelsblatt hat völlig Recht: Die Zeit drängt. Ohne Data Literacy keine erfolgreiche datengetriebene Wirtschaft. Gefragt sind aber nicht nur die Hochschulen. Wir können nicht auf die nächste Generation von Absolventen warten – auch wer jetzt schon im Beruf steht, muss sich diese Skills aneignen. Wir brauchen nicht nur mehr Data Scientists, sondern noch mehr Business-Experten, die mit Data Scientists auf Augenhöhe reden können! Das macht Fortbildungsinitiativen, wie sie die Hersteller von Analytics-Software wie SAS (schon aus eigenem Interesse) anbieten, so wichtig. Nur Unternehmen, die ihre Mitarbeiter jetzt – endlich – aufs Daten-Gleis setzen, werden die Digitalisierung nahtlos schaffen. Eine Zwei-Generationen-Belegschaft aus analogen Bewahrern einerseits und digitalen Durchstartern andererseits schafft nur neue Probleme.

    Dr. Jürgen Kaselowsky, Academic Program Manager bei SAS

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